Armee-Reservisten Spam macht mobil
Ein Krieg gegen den Irak, sagte der britische Premierminister Tony Blair am Wochenende, stehe nicht unmittelbar bevor. Eine endgültige Entscheidung sei noch gar nicht getroffen. Die Inspekteure der Uno sollten ihre Arbeit gründlich und in Ruhe tun. Beruhigende, eindeutig klingende Nachrichten sind das für die Bürger des Vereinigten Königreiches, als große Nachricht landesweit per Fernsehen verbreitet.
Kein Wunder und keineswegs zufällig: Das Statement des Regierungschefs sollte ein aufkeimendes kommunikatives Chaos eindämmen, denn die Zeichen für eine Mobilmachung häufen sich. Fast skurril wirkte da, das die Medien am Sonntag darüber berichten konnten, wie sich das britische Flaggschiff "Ark Royal" von Portsmouth aus in Richtung Golf auf den Weg machte, um sich dort mit 14 weiteren britischen Kriegsschiffen zu treffen. Das die dort hinsollten, stand schon länger fest: Für Juni 2003 sind dort schließlich ausgedehnte Manöver geplant.
Die Disparitäten zwischen öffentlichen Statements und dem, was man ganz öffentlich beobachten kann, häufen sich also. Seit einer Woche ist zudem öffentlich, wie tief die Meinungen über einen Irak-Krieg selbst innerhalb der den USA engst verbundenen britischen Regierung auseinander gehen. Völlig gegensätzliche Signale setzen zunehmend lautstark vor allem Außen- und Verteidigungsministerium.
Indizien
So stand aktuell im "Guardian" zu lesen, das britische Verteidigungsministerium habe bereits rund 30 Schiffe für Material- und Truppentransporte angemietet. Die Verträge, will das liberale Blatt herausgefunden haben, enthielten keine Rücktritts-, wohl aber eine scharfe Geheimhaltungsklausel. Was nicht verhindern konnte, dass "Lloyds' List" , ein der Versicherungswirtschaft nahestehendes Schiffsmeldungs-Journal, ebenfalls zum Wochenende meldete, dass der russische Frachter Sochi bereits in der letzten Woche begonnen habe, im Hafen von Marchwood Ladung zu fassen. Die Hafenanlage, an der das Schiff beladen werde, gehöre dem britischen Verteidigungsministerium.
Das wird von Geoff Hoon geführt, der bei Lästermäulern schon mal als "britischer Rumsfeld" gehandelt wird: Ganz öffentlich trägt der seine Meinungsverschiedenheiten mit Außenminister Jack Straw aus, der im Kabinett zur Minderheitsgruppe der "Tauben" gezählt wird und den Einsatz diplomatischer Mittel noch nicht erschöpft sieht. "Falke" Hoon lässt derweil schon einmal eruieren, wie viele der britischen Armee-Reservisten denn willens währen, in kürzester Zeit ihre Koffer zu packen. Rund 60 Prozent, glaubt das Verteidigungsministerium, könnten sich verweigern. Das, ließ das Ministerium den potenziellen Drückebergern schon mal per Presse mitteilen, ginge aber nicht einfach so, da brauche man schon gute Gründe.
Ganz offiziell setzte das britische Verteidigungsministerium schon mal 1500 von ihnen auf Stand-by. Mehr Reservisten, sagte Verteidigungsminister Geoff Hoon, werde er nur einziehen lassen, "wenn es absolut notwenig ist". Schon am heutigen Montag, gab das Verteidungsministerium inzwischen bekannt, könnte es absolut nötig werden, den ersten 1500 ihren Marschbefehl zukommen zu lassen.
Ministeriums-Spam: Frühwarnsystem für "Drückeberger"
Für eine Invasion des südlichen Irak brauche Hoon aber wohl 6000 Reservisten, mutmaßte der "Sunday Mirror". Und zwar zackig, wenn es wirklich losgeht: Präventiv beauftragte da das Verteidigungsministerium schon mal ein E-Marketing-Unternehmen, Großbritanniens Arbeitgeber an ihre Rechte, vor allem aber Pflichten zu gemahnen. Das lässt sich heute binnen Minuten und äußerst kostengünstig erledigen - per Massenmail, im Web-Volksmund "Spam" genannt.
Der hat - aus Perspektive der Auftraggeber - Vor- und Nachteile. Von Vorteil ist, dass man per Spam in Minuten 100.000 E-Mail-Adressen beschicken kann. Von Nachteil ist, dass die Empfänger nicht immer die sind, die man erreichen will.
So landeten Reservisten-E-Mails offenbar auch bei so mancher "Ich-AG", wie "The Register" berichtet. Das sorgte wohl für einige Irritationen, obwohl es sich, wie ein Sprecher des Verteidungsministeriums bereits Mitte letzter Woche versicherte, nur um eine "allgemeine E-Mail" des Ministeriums gehandelt habe.
Die wurde im Namen und Auftrag von SaBRE, "Supporting Britain's Reservists and Employers" , verschickt. Hinter dem martialischen Kürzel ("Säbel") verbirgt sich eine Aktion des Verteidigungsministeriums, das versucht, Arbeitgebern die Anstellung von Reservisten mit Vergünstigungen schmackhaft zu machen. Auf der Website der Aktion ist bereits seit dem 7. Januar nachzulesen, was nun per E-Mail offenbar ein wenig zu unzielgerichtet eigentlich nur in die Unternehmenswelt gehen sollte. "Wir entschuldigen uns dafür", kommentierte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, "falls dies Anstoß erregt oder jemandem Sorgen bereit haben sollte".
Anstoß und Sorgen könnte am Ende aber eher der Nicht-Empfang der irritierenden E-Mail bereiten.
Der Wortlaut der SaBRE-Informationen hält sich wie ein ähnliches Dokument auf der Website des Verteidigungsministeriums eng an eine Parlaments-Erklärung Hoons eben vom 7. Januar 2003. Darin beschreibt er Aufwand und Zeitplanung des bisher absehbaren britischen Engagements im persischen Golf und erklärt die Einleitung der ersten Phase der Mobilmachung des ersten Kontingents von Armee-Reservisten.
Diese erhalten ihre Einberufung aber ganz klassisch per Schneckenpost, ankündigungsgemäß ab dem heutigen Montag. Darin wiederum steckt eine Pointe: Eine Chance zur ordnungsgemäßen Verweigerung haben nämlich nur die Reservisten, die dies bereits tun, bevor sie ihren Marschbefehl erhalten - und vorhaben könnten das nach Ministeriums-Meinung ja bis zu 60 Prozent. Danach kann nur noch der Arbeitgeber Einspruch einlegen. Wohl dem, der einen hat, der seine Spam-Mails noch öffnet.
Frank Patalong