"Asteroids": Erst Wurst, dann Welt retten - DER SPIEGEL
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"Asteroids" Erst Wurst, dann Welt retten

Die Verteidigung des Planeten Erde lag in unserer Hand. Sie kamen aus den Tiefen des Alls, aus allen Richtungen. Tonnenschwer, mit stetig steigender Geschwindigkeit, in immer dichteren Schwärmen: Asteroidenalarm bei Freddy!
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In der Stille des Weltraums war nichts zu hören als ein leises Bruzzeln, die quäkenden Schuss- und Kollisionsgeräusche, wenn es einen der unseren erwischte, es roch nach verbranntem tierischen Fett - und "Truth hits anybody" schepperte über die billige Stereoanlage.

"Sach' ma," bellte Freddy, "isst hier heute noch einer was, oder seid ihr nur zum Zocken da?"

Freddy war kein Ignorant. Er stand leicht erhöht hinter seiner fast blitzblanken Theke, hantierte mit Pommes und Würstchen und hatte diesen absolut besonderen, sonst nirgendwo zu bekommenden Curry-Ketchup. Musikgeschmack hatte er auch: Wenn das Police-Band nicht im Rekorder lag, dann die Sachen, die er zu seiner "heißen Zeit" gehört hatte - die UK Subs oder die Sex Pistols. Freddy war damals vielleicht Ende Zwanzig, ein Heros unter den frühen Punks - und ein ebenso früher Aussteiger mit einer Nase für Dinge, die geil waren: Nicht nur, dass er die besten Pommes machte, den heißesten Ketchup hatte, die beste Musik - er war auch Herr über einen Atari Asteroids-Automaten.

Wenn wenig Kundschaft im Laden war, ließ er uns unterernährte Schlaghosenträger unser letztes Geld im Raum verheizen. War die Bude voll, mussten wir die Rettung der Welt vertagen. Wir schwangen uns auf unsere Kreidler RMC, 50 Kubik frisiert bis zum Anschlag, und ließen die Flecken im Asphalt wie Sterne unter uns vorbeiziehen.

Es war 1979, die Zeit der Bewegung begann. Jeder, alles war bewegt. Umweltbewegt, Friedensbewegt, von missionarischem Eifer bewegt. Wir waren dazwischen, dabei - und saßen doch zwischen den Stühlen. "Digital" war synonym mit "diabolisch", Chips waren die Dinger, die Cruise Missiles ins Ziel lenkten. Was piepte und fiepte und Spaß machte, musste böse sein. Pong - der Spieleklassiker der Frühsiebziger - war noch okay. Doch mit Asteroids und Space Invader, Tanks und Defender, so meinten unsere bierernst friedens- und 68-bewegten Lehrer, begann unsere Indoktrination.

Die ultimative Maschine kam von Atari. Das amerikanische Unternehmen mit dem japanischen Namen beglückte die Welt ab 1972 mit einer schwellenden Flut digitaler Spiele, wie sie primitiver kaum vorstellbar wären. Es begann mit Pong: Zwei weiße Balken, die als "Tennisschläger" einen exakt quadratischen Ball im Feld zu halten versuchten. Asteroids öffnete neue Dimensionen.

Vor, zurück, ausweichen! Beschleunigen, oben, unten, rechts, links - Feuer! Einen Teil unseres Lebens lebten und verloren wir am Bildschirm. Immer wieder - hat noch jemand eine Mark? - fütterten wir den schlanken, hohen Kasten. In den Pausen fütterte uns Freddy.

Ein Jahr später hatte man die herrlichen Ballerkisten in die Spielhallen verdrängt, deren Boom gerade dadurch erst begann. Wir mussten draußen bleiben: Für Hunde, Eis, Pommes und Jugendliche unter 18 Jahren blieben die Türen geschlossen. Doch Atari hatte längst reagiert.

In den USA verkaufte Atari ab 1977 die "VCS 2600", das erste "Video-Game" mit Wechsel-Catridges. Die Spielekonsole war geboren, doch zunächst lief der Verkauf schleppend. Im Herbst 1979 dann kam mit "Space Invaders" die Heimversion der "Asteroids" auf den Markt, allein in den Staaten gingen 400.000 Geräte über den Ladentisch. Weihnachten 1979 war die VCS ausverkauft - und die Welt der elektronischen Unterhaltung hatte sich für immer verändert.

Atari ging Pleite, nicht zuletzt, weil die Entwickler mit den wachsenden Ansprüchen der Spieler nicht mehr mithalten konnten: Ab 1984 kollabierte der Videospielmarkt, während die PC-Spiele ihren Siegeszug antraten. Doch nur wenige Jahre später begann ihre Renaissance. So führt ein Weg von der VCS über die frühen Nintendo-Konsolen bis hin zur Dreamcast und der nagelneuen Playstation, der Videogames immer realistischer, immer packender hat werden lassen.

Konsolen der letzten Generation wie Dreamcast und Playstation erinnern eher an Hochleistungsrechner. Klar, dass sie zugleich auch Internetzugang und Netzwerkspiele bieten. Heute steht in 25 Prozent aller amerikanischen Haushalte eine Spielekonsole. Doch der Gigantomanie der Spieleentwickler steht die wachsende Nostalgie der Spieler gegenüber. Am 23. Februar 1998 kaufte der Spielwarenkonzern Hasbro für fünf Millionen Dollar die Rechte an allen alten Atari-Entwicklungen. Seitdem flimmert wieder Pong über heimische Bildschirme, Frogger und natürlich Asteroids. Zum digitalen Glück der frühen Spiele-Jahre fehlt dann nur noch eine Friteuse - und die Verteidigung des Planeten liegt wieder in unserer Hand.

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