Attrition.org: Das Hacking-Archiv gibt auf - DER SPIEGEL
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Attrition.org Das Hacking-Archiv gibt auf

Dass eine Website die Segel streicht, ist in Zeiten der Dot.com-Krise nicht selten. Doch Attrition gibt aus Erfolgsgründen auf: Die Site dokumentiert erfolgreiche Hack-Attacken - und kommt mit der Erfassung nicht mehr mit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Attrition ist eine "org", eine Organisation. Ganz locker organisiert, nicht kommerziell, durch die Arbeit ehrenamtlicher Helfer am Leben gehalten. Und Attrition ist weltbekannt.

Neben "Alldas" bietet Attrition  das einzige fortlaufende Archiv erfolgreicher "Website-Defacements": Dokumente über die optische und inhaltliche Veränderung von Webseiten durch Hacker.

Irgendwann einmal begann das als "Hobby".

Heute ist das, wie "Jericho" von Attrition versichert, "ein Vollzeitjob". "Letzten Monat", heißt es im aktuellen Editorial, "gab es Tage, an denen wir mehr als 100 Defacements dokumentieren mussten. Das entspricht der Gesamtzahl der Defacements der Jahre 1995 und 1996 zusammengenommen."

Ein "24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche" - und einer, für den man keinen Dank erwarten kann, von niemandem.

In den letzten zwei Jahren sah sich Attrition mit einer ganzen Reihe von Problemen konfrontiert. Die erfolgreichen Hacks wurden immer häufiger, die Pflege des "Defacement-Mirror"  zu einer immer aufwendigeren Aufgabe. Hacker und Cracker in aller Welt begannen, das Defacement-Archiv zunehmend als "Trophäensammlung" zu verstehen, als einzigen bleibenden Nachweis dafür, dass ihnen ein Hack wirklich gelungen war.

Doch Attrition verstand sich immer anders: Zentrales Thema der Website ist Datensicherheit - wenn auch aus einer Perspektive, die von den meisten staatlichen oder kommerziellen Körperschaften kaum akzeptiert würde. Attrition legt die Schwächen der Infrastrukturen offen, wo viele Betroffene lieber schweigen und im stillen die Lecks kitten würden.

Ein Grund, warum sich die Beschwerden, Beschimpfungen und selbst die aktiven Attacken auf die Website häuften. Von Hacks Betroffene missverstanden Attrition als "Hackerseite", viele Hacker missverstanden Attrition als "Schnüffelinstanz", die mit der Observierung von Hackeraktivitäten nur eine Angstatmosphäre für die Kundenakquise der Sicherheitsunternehmen schaffen wollte. Wiederholt ging Attrition unter massiven Denial-of-Service-Attacken in die Knie; kein Tag, an dem sich die ehrenamtlichen Helfer nicht irgendwelche Wutausbrüche anhören konnten.

"Das Ausmaß an Ignoranz und Beschimpfungen, die wir sowohl auf Seiten der Defacer als auch auf Seiten ihrer Opfer feststellen, ist verblüffend", sagt Jericho. "Und manche Beschimpfung geht in Attacken über."

Kein Wunder, denn auch die Jungs und Mädels von Attrition gehen nicht gerade sanft mit ihren Lesern um. Da beschimpft "Null" von Attrition einen "Idioten" als "dämlich" und "Forrest Gump", weil dieser ihn bittet, die Website von Maradona abzuschießen. Null: "Du Blödmann würdest einen Hacker nicht mal erkennen, wenn du ihm auf dem Rücksitz eines Taxis einen blasen würdest". Und überhaupt sei der Briefschreiber ja wohl mit dem Klammerbeutel gepudert, von einem Unbekannten eine Straftat zu verlangen, und solle froh sein, wenn er ihn jetzt nicht verpfeife.

Immer wieder kommt diese Botschaft: Hacke nicht, deface nicht, wache auf und wenn du Langeweile hast, such dir was Sinnvolles oder fahre ins Disneyland. Defacen ist dämlich und "beeindruckt niemanden".

Wie so eine "raue Pädagogik" aussieht, kann man sich in der Sektion "Going Postal"  ansehen: Eine "Leserbriefseite" ist das nicht gerade, und das Vokabular ist definitiv nicht dem Kirchengesangsbuch entnommen.

Doch irgendwann hatten die Ehrenamtlichen von Attrition genug davon, stets das "Schweinchen in der Mitte" zu spielen. Am Montag gaben sie bekannt, dass der "Defacement Mirror" nicht mehr weiter gepflegt werde.

Damit reduziert sich die Zahl der Websites, die Hacking-Vorgänge im Web umfassend öffentlich machen, auf gerade mal eine Einzige: auf das "Alldas" -Archiv. Das will auch Attrition künftig weiter nutzen, um aus der Beobachtung der laufenden Defacements wertvolles statistisches Material zu generieren. Eine Absicht, die immer auch hinter Attrition stand: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben neben ihrer Arbeit bei Attrition auch einen Job. Und die meisten von ihnen arbeiten im Bereich der IT-Sicherheit.

Attrition verspricht seiner Leserschaft, künftig wieder mehr Arbeit in das Thema IT-Sicherheit stecken zu können und zu wollen. Bleibt abzuwarten, ob das die Attrition hassend-liebende Leserschaft auch will - und was nun aus "Alldas" wird.

Bis 12.50 Uhr listete Alldas für den heutigen Tag 38 Defacements auf, und der Tag hat in Amerika noch nicht richtig begonnen. Das dürfte normal sein, denn Defacements sind "in": Erfasste Attrition im letzten Jahr insgesamt 5822 Defacements, dürfte diese Zahl in diesem Jahr locker zu verdoppeln sein. Für das Jahr 2001 wurden bis zum 17. Mai 5315 erfolgreiche Attacken festgestellt.

Was noch folgt, werden nun andere zählen. Bedauern werden das nicht zuletzt die Medien-Macher in aller Welt: Wir verlieren mit dem Defacement-Mirror von Attrition eine tatsächlich wertvolle Quelle.

Frank Patalong

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