Augen zu und durch Krise? Welche Krise?
Die IT-Branche steckt in einer Konjunkturkrise, keine Frage. Fraglich ist dagegen, wie lang diese noch anhält: Wenn man den Ausstellern auf der diesjährigen Systems in München glaubt, dann ist das Tal der Tränen so langsam überwunden. Bei der Eröffnungsfeier am Sonntagabend jedenfalls äußerten sich führende deutsche IT-Manager optimistisch, dass der Umsatzrückgang von voraussichtlich 1,3 Prozent in diesem Jahr schon 2003 von einer langsam anziehenden Nachfrage abgelöst wird.
Tatsächlich geht derzeit ein Ruck durch die Branche: Seit langer Zeit gibt es endlich wieder Themen, die die Diskussion lohnen. Noch etwas zögernd erwacht die IT-Branche aus ihrer UMTS- und Börsencrash-Lähmung, wagt wieder Visionen. Der schnelle Datenfunk hört auf, bloß eine exorbitant teure Zukunftsvision zu sein und wird langsam greifbar, neue Techniken wie WLAN beflügeln Phantasien und schaffen IT-Themen, über die man wieder gern spricht. All das wirkt sich in Zahlen noch längst nicht aus, doch der Branche reicht es, ihren Optimismus wieder zu finden.
Die wurde in den letzten Jahren offensichtlich stark gebeutelt. Immerhin rund 1600 Aussteller zeigen bis Freitag in acht Hallen des Münchener Messegeländes ihre Neuheiten an Hardware, Software, IT-Dienstleistungen und Angeboten zur Telekommunikation. "Noch 1600" sollte man sagen, denn die Zahl der Aussteller ist damit zum zweiten Mal in Folge deutlich zurückgegangen und um ein Viertel niedriger als im vergangenen Jahr.
An der Messe wird's nicht liegen: Die Systems ist zwar nicht die Cebit - aber auch keine direkte Konkurrenz. Im Gegensatz zum Hannoveraner Karneval der Technik-Freaks ist die Systems vor allen Dingen Fachmesse: Hier werden Geschäfte fürs Folgejahr angeleiert, Etats eingetütet. Nicht zuletzt darum gilt die Systems vielen IT-Entscheidern als Barometer für die kommende geschäftliche Großwetterlage.
Es funkt
Wo sich da was bewegen wird, da sind sich die Veranstalter sicher: Zu den Schwerpunkten der Messe gehören die Datenfunktechniken UMTS und Wireless LAN sowie Sicherheitslösungen, die in einer eigenen "IT Security Area" vorgestellt werden. Bei der Software interessieren vor allem Angebote, die Kostenvorteile versprechen.
Deswegen nimmt auch das Interesse vieler Unternehmen am freien Betriebssystem Linux zu. Auch die Zusammenführung unterschiedlicher Geschäftsanwendungen auf eine gemeinsame technische Plattform steht auf der Systems im Blickpunkt - davon versprechen sich Anbieter wie IBM und Microsoft neue Nachfrage-Impulse.
Die Hardware-Anbieter leiden noch unter einer ausgeprägten Investitionszurückhaltung, zudem scheint sich das Innovationstempo bei Computer-Bauteilen etwas verlangsamt zu haben. Zu gut deutsch: Es gibt wenig sensationelles, und davon wird zu wenig verkauft. Woran das nun liegt, und ob Markt und Technik schlicht in eine neue Phase ihrer Entwicklung getreten sind, auch darüber wird man in München wohl debattieren: Die Leistungsschau in den Messehallen wird begleitet von Schwerpunktausstellungen und Diskussionsforen.
Im vergangenen Jahr zog die Systems 121.000 Besucher an: Auch das Auf- und Ab der Besucherstatistik wird am Ende der fünftägigen Veranstaltung aufmerksam beobachtet werden.
Auf aufmerksame Beobachtung hofft derweil auch die Polit-Prominenz: So nutzte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber die Messeeröffnung, um mit einem kleinen Katalog wohlfeiler politischer Forderungen beifällige Zustimmung und mediales Echo zu ernten - Kanzler Schröder macht das im März zur Cebit-Eröffnung sicherlich nicht anders.
Von der Bundesregierung forderte Stoiber ein breit angelegtes Forschungs- und Entwicklungsprogramm für Informationstechnik und Telekommunikation. Auf Grund der Schuldentilgung mit Hilfe der Einnahmen von 50 Milliarden Euro aus der Versteigerung der UMTS-Lizenzen im Jahr 2000 habe der Bund Zinseinsparungen erzielt, die jetzt der Branche gezielt zugute kommen sollten.