Bianca stirbt Das Ende der Schmutzhütte
Wenn man die Geschichte von Bianca's Schmuddelhütte erzählen will, dann muss man die Uhr sehr weit zurückdrehen. 1994 erlebte das Internet seinen Urknall, als aus einem obskuren Netzwerk für Datenfreaks mit dem World Wide Web eine "benutzerfreundliche" virtuelle Welt entstand. "Bianca" gehörte zu den ersten 500 Websites weltweit.
Und was für eine: Ursprünglich als Hobby-Homepage dreier "Hotwired"-Angestellter entstanden, mauserte sich Bianca schnell zum Dreh- und Angelpunkt der Erotik im Web. Innerhalb eines Jahres war die Website so erfolgreich, dass David Thau, Chris Miller und Jill Atkinson ihre respektablen Jobs bei "Hotwired" an den Nagel hängten und den Sprung in die Selbständigkeit wagten. Alles sah danach aus, dass sie das ultimative Rezept gefunden hatten, das Web zur Geldmaschine zu machen.
Ihre Idee: Die Smut Shack sollte schmutzig sein, aber auch intelligent. Mit ihr fand die Idee der kommerziell orientierten "Online-Community" Einzug in das Denken der Marketing-Strategen. Bei Bianca drehte sich alles um den Leser, der zugleich auch Macher sein sollte.
Damit nahm Bianca zahlreiche Hypes der Web-Welt vorweg: Im Grunde ging es - neben Sex natürlich - um eine Sache, für die man 1994 noch kein Wort gefunden hatte. Es ging um "File-Sharing".
Steiler Aufstieg mit "Web-gerechten" Konzepten
Bianca's Smut Shack machte nicht mehr, als ihren Lesern in der Anmutung eines primitiv gezeichneten Haus-Grundrisses einen virtuellen Raum zur Verfügung zu stellen, um selbst tätig zu werden und dort Dinge zu tauschen: Bilder, Geschichten, Kontaktgesuche und -angebote. Gechattet wurde auf allen Kanälen, in Foren schrieben zahlreiche "Autoren" an "gemeinsam erarbeiteten" erotischen Phantasien.
Für zwei heiße Jahre stand Bianca im Flutlicht der Öffentlichkeit: kein Internetkongress, wo die Konzepte nicht diskutiert wurden.
1996 durfte sich Bianca die "Nummer drei unter den Sexsites" nennen - nur knapp geschlagen durch die Großmarken "Playboy" und "Penthouse". Trotzdem, meinte der Web-Marketing-Spezialist Evan Schwartz in seinem Buch "Webonomie", "sollte man die Smut Shack als weit erfolgreicher ansehen: Der Durchschnittsbesucher kommt etwa zehnmal im Monat vorbei und verweilt dann durchschnittlich eine Stunde im Bianca-Angebot".
Bianca hatte geschafft, was den großen kommerziellen Sites nie gelang: eine echte "Community" zu gründen. Der Aufstieg schien unaufhaltsam. Da war es nur konsequent, dass Bianca auch zu den ersten "Services" gehörte, die versuchten, ihr finanzielles Glück im Abonnement zu finden.
Und wieder sollte sich zeigen, dass Bianca tatsächlich exemplarisch für all die Hypes und Experimente der Web-Welt stand: Das Abo-Modell wurde zu keinem Erfolg. Um die für die Werbevermarktung wichtigen hohen Besucherzahlen halten zu können, zog Bianca schnell die Notbremse: Der allergrößte Teil des Angebotes blieb kostenfrei, zahlenden Gästen sollte ein Premium-Service geboten werden. Worin da der Vorteil lag, konnte Bianca nie hinreichend kommunizieren: Die Abo-Zahlen dümpelten auf niedrigem Niveau - die Umsätze aus der Werbung ebenfalls.
Denn auch das ist exemplarisch: Werbeumsätze macht nur, wer viele Leser anzieht. Doch ist das Umfeld zu schmuddelig, zieht sich die Werbewirtschaft zurück - siehe Yahoo!: Der Versuch, per Erotik endlich Geld zu machen, scheiterte für den Web-Katalog der ersten Stunde Mitte letzten Monats nach wenigen Tagen. Zu vehement gerieten die Proteste der Nutzer und - weit maßgeblicher - der Werbekunden.
Paradox: Immer mehr Erfolg, immer weniger Geld
Bianca erlebte früh, was andere erst Jahre später erfahren mussten: Im Web kann man gleichzeitig boomen und an mangelnden Umsätzen langsam vertrocknen. Der Leserboom schrie nach einem Ausbau der Kapazitäten, nach einer Professionalisierung der Website. Je mehr Leser online "befriedigt" wurden, desto teurer wurde der betriebene Aufwand - und desto weniger Geld fiel "hinten runter". Bianca drohte am eigenen Erfolg zu sterben - früher als andere.
1997 wurde zum Schicksalsjahr der seltsamen Schmuddelhütte. Ja, Bianca wurde ein Webby-Award verliehen - der "Oscar" der Web-Welt. Doch die in ihren Anfangsjahren zwar "schmuddelige", sexuell aufgeheizte, aber immer intelligente Website, die auch und gerade unter "Intellektuellen" beliebt war, hatte den Höhepunkt ihrer Entwicklung überschritten. Die Userzahlen explodierten mit dem beginnenden World-Wide-Web-Boom. Nun kamen wirklich Massen, und sie machten die Schmuddel- zur Schmutzhütte.
"Die Site", sagte Mitbegründer David Thau Ende 1996, "war nie als Orgien-Zentrum gedacht. Die Smut Shack wurde zusehends 'schweinischer', je mehr Menschen sie besuchten."
1997: Das Markenrecht schlägt zu
Und sie wurde immer bekannter. Bekannt wurde 1997 auch das Web, und zwar in Industriekreisen. Die "Old Economy" begann zu erkennen, dass hier etwas kraftvolles entstand - und reagierte mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Als eine der ersten Websites weltweit kassierte Bianca Anfang April 1997 eine auf dem Markenrecht basierende Abmahnung: Tandy, Betreiber der Ladenkette "Radio Shack", klagte wegen der Verwendung des "geschützten Namensbestandteils Shack".
Doch noch war die Web-Welt einigermaßen in Ordnung, noch nahm die Öffentlichkeit solche Versuche, sich mit spitzen Ellbogen in eine Welt zu drängen, deren Existenz man lang verpennt hatte, als skandalöse Idiotie wahr.
Einige tausend Protestschreiben, eine "Nennt Eure Website Shack!"-Solidaraktion und zwei Monate später machte Tandy einen Rückzieher: Eine außergerichtliche Einigung sorgte dafür, dass Bianca ihren Namen behielt.
Der Massenansturm versaute die Seite
Doch die Website war aus dem Tritt geraten. Der Fokus der Leser-Beiträge pendelte sich von Hirn- auf Hodenhöhe ein, die Log-Zahlen explodierten - und das Image ging zum Teufel. Mit einem Mal wurde Bianca nicht mehr öffentlich diskutiert. Im Frühjahr 1999 konnten die Betreiber auf stolze 50 Millionen Seitenaufrufe im Monat verweisen, auf 1,5 Millionen identifizierte Leser im Monat.
Das war weiterhin Weltklasse und interessant vor allem für Investoren. Bereits 1998 kam es zu einem ersten Versuch, die einerseits boomende, doch finanziell kränkelnde Web-Community aufzukaufen. Erfolglos.
Die Rettung, schien es, kam dann im Mai 1999 ausgerechnet von der Web-Firma, die sich die frühe Positionierung der Smut Shack zu Eigen gemacht hatte: Nerve.com kaufte Bianca. Der Trittbrettfahrer schluckte den Pionier: Auch das war letztlich exemplarisch.
Nerve wurde zur diskutierten Marke, die der kommerzialisierten Web-Welt viel mehr entsprach als die im Wildwuchs entstandene Bianca. Zum Zeitpunkt der Akquisition hatte Bianca dreimal mehr "Leser" als Nerve: Der Aufkauf brachte für beide Websites den Wendepunkt.
Mit Biancas Niedergang starben Legenden: Das Web, glaubten seine frühen Propheten, werde den Leser emanzipieren. Glaubhaft sei dort nur das, was den Leser ganz eng einbeziehe.
Doch Bianca musste erfahren, dass man damit auch die Kontrolle abgibt - und das die viel beschworenen Selbstregulierungsmechanismen des Netzes nicht genügen, eine "intellektuelle Erotik-Community" davor zu schützen, im Pornografischen zu versumpfen.
Auch Nerve setzte auf Kopf und Erotik - und sorgte mit Autoren wie Camilla Paglia oder Norman Mailer dafür, dass dieser Anspruch auch gehalten wurde. Klar, dass die zunehmend erfolgreiche Website ihre Inhalte bald auch ins Ausland lizenzierte; klar, dass der Website bald das Nerve-Magazin folgte: Mit Papier lässt sich Geld machen.
Mit relativ freien Communities wie Bianca hingegen nicht, auch wenn sie im "Premium-Dienst" etwas kosten; auch, wenn sie im Grunde auf File-Sharing beruhen. Ob auch das wieder exemplarisch ist für eine kommende Entwicklung im Web, das finden Napster und Bertelsmann dann vielleicht im Sommer heraus.
Mit Bianca jedenfalls geht es zu Ende
Am Sonntag stand auf der Homepage zu lesen, Nerve wolle sich von der defizitären Website trennen. Inzwischen heißt es, "Teile" sollten in irgendeiner Form erhalten bleiben. Einen großen Unterschied macht all das nicht: Längst schmuddelt es bei Bianca ganz ungeniert; längst ist die Site so pornografisch, dass wir auf einen Link verzichten. Und längst verliert die Shack an Lesern: Zu einer Solidaraktion gegen das Sterben der Community wird es 2001 nicht mehr kommen.
Auch das ist exemplarisch.