Bildtotal.de Sex, Sport und Seuchen
Große Schlagzeilen der letzten Tage: "Strom-Slip verhindert Samenraub" - ein Stromschlag seiner Thermo-Unterhose soll Stefan Effenberg vor Boris Beckers Schicksal bewahrt haben. Exklusive Storys: Massenschlachtung von BMW und Mercedes geplant. Pin-up-Bekenntnisse: "Ich brauche lange Schnorchel" (Meeresbiologin, 22). Bis zum Preis-Hinweis (70 Pfennig) und Layout kopiert eine Satireseite das Erfolgsrezept der "Bild".
"Bild" sichtet Jürgen Trittin mit Bolzenschneider? Bildtotal.de lässt Joschka Fischer per Bildmontage in einem Panzer ganz Wuppertal platt machen. Massenschlachtung: Statt wahnsinnigen Rindern und kranken Schafen müssen bei den Satirikern Tausende deutscher Luxus-Karossen dran glauben, weil die im Ausland billiger zu haben seien. Bildtotal: "Es ist nicht einzusehen, dass ein Bürger aus Bad Kreuznach für einen BMW mehr Geld auf den Tisch legen muss als ein Bademeister in Jesolo."
Da kommt Freude auf: Wie ihr großes Vorbild spricht auch Bildtotal mit der Stimme des Volkes. Nur das markante Rot fehlt der Parodie: "Unsere Welt ist schwarz-weiß", ist das Motto des satirischen Abklatsches. Knapp zwei Wochen ist die Seite nun online und bot in dieser Zeit mehr exklusive Nachrichten als manch "ernsthaftes" Boulevardangebot im Laufe eines Jahres.
Auch wer an BSE und Klauen-Seuche schuld ist, haben die Macher ausgemacht: Döner-Terroristen aus dem Nahen Osten. "Wenn Sie diesen Mann mit einer Wurststulle sehen, alarmieren Sie umgehend den Bundesnachrichtendienst" heißt es zu einem Foto von Ussama Ibn Ladin. Dass bei Hausdurchsuchungen neben virusverseuchtem Kebab auch Wiener Kaisersemmeln mit Leberkäse gefunden worden seien, beweise, dass der Nahe Osten schon kurz hinter Rosenheim beginne, wird ein Sprecher des Innenministeriums zitiert.
Die Macher sitzen im nahen Osten Wien
Im nahöstlichen Wien brüten auch die Macher von Bildtotal.de ihre Gemeinheiten aus. Kein Vergleich mit den mehr als 140 Mitarbeitern, welche die offizielle Homepage der "Bild"-Zeitung nach ihrem angekündigten Relaunch haben soll: Die erst Ende Februar gestartete Parodie betreuen nur zwei Hobby-Satiriker des österreichischen Internet-Dienstleisters Ican, Michi Reichelt und Ican-Geschäftsführer Nikolaus Formanek.
Formanek hat bereits Erfahrung mit der Boulevard-Satire - und deren Folgen: Unter der Domain www.diekrone.at startete er im März 2000 eine Parodie der österreichischen "Neuen Kronen Zeitung".
Insgesamt acht Gerichtsverfahren leitete die "Neue Kronen Zeitung" deshalb im vergangenen Jahr gegen Formanek und sein Unternehmen ein, die selbst unter www.krone.at im Web präsent ist. Sechs Verfahren sind inzwischen mit Vergleichen abgeschlossen, zwei laufen noch. Besonders gut lief die Sache für Formanek bisher nicht: Insgesamt musste Ican rund eine Million Schilling zahlen und die Domain Krone.at an den Zeitungskonzern abgeben.
- Bildtotal
- Homepage der "Bild"
- Vor dem Kauf noch mit "R":Die "Krone"
- Von Chinesen gekauft:"Die Klone"
- Dokumentation:Die "Krone" gegen die "Klone"
Die Parodie gibt es trotzdem weiter: Sie reagierte mit der Schlagzeile "Von Chinesen gekauft" und ist seitdem unter der veränderten URL www.dieklone.at erreichbar. Angeblich kostet eine Ausgabe 15 Yuan.
Vergleichbare Rechtsstreitigkeiten erwartete Formanek nach dem Start von Bildtotal.de nicht. "Ich denke, dass die 'Bild'-Zeitung da professionell herangeht", sagt Formanek. Eine zusätzliche Rechtsschutzversicherung oder eine spezielle Kriegskasse für Prozesskosten hätten sie nicht eingerichtet.
Das Erfolgsrezept heißt dreimal "S"
Formanek: "Bis auf die 'Neue Kronen Zeitung' hat auch noch nie jemand etwas gegen uns unternommen." Obwohl Dieklone.at laut Formanek "die ganz knallharte Satire" nach US-Vorbild betreibe, wie es sie in Europa bislang noch nicht gäbe: "Dabei ist das für demokratische Länder normal."
Als die "Neue Kronen Zeitung" ausufernd über einen Mordfall berichtet habe, rief dieklone.at gleich zur Mörder-Jagd auf. "Die Grenzen der Satire sind schwer zu definieren. Aber wir denken über mögliche Folgen nach, bevor wir etwas veröffentlichen", sagt Formanek.
In Deutschland konzentriert sich Bildtotal.de bisher auf die harmloseren Themen Sex, Sport und Seuchen. Künftig soll es auch mehr Politik sein. "Wir müssen uns erst mal einarbeiten. Die 'Kronen-Zeitung' ist offen rassistisch, aber 'Bild' ist eine sehr gut gemachte Boulevardzeitung und nicht so leicht zu parodieren", sagt Formanek.
Trotz einer Million PageImpressions im Monat: Finanziell ist die "Kronen"-Parodie ein Verlustgeschäft. Bei Bildtotal gibt bisher noch nicht einmal Werbung zur Finanzierung, lediglich Links auf andere Angebote von Ican. "Unsere Methode sei weder billig noch besonders intelligent, sagen manche", so Formanek. Er aber ist anderer Meinung: Die Parodieseiten seien eine Visitenkarte für sein Unternehmen. Formanek: "Wir sehen das als Beweis dafür, dass wir kreativ sein können."