Blairs Bürgerfunk: Tony in der Tube - DER SPIEGEL
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Blairs Bürgerfunk Tony in der Tube

Tony Blair, einst strahlender Stern am linken Firmament, sieht sich am Ende seiner Karriere des jugendlich-bürgernahen Images beraubt. Jetzt sucht der einstige Labour-Erneuerer einmal mehr den Kontakt zum jungen Bürger - auf YouTube, und sogar in französischer Sprache.
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Am Montag stürzten sich die Strategen der britischen Labour-Partei auf die günstige Gelegenheit, ihr weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hinfunkendes Web-Angebot bei YouTube endlich weltweit in die Schlagzeilen zu bringen: Gekonnt französisch parlierend gratulierte Tony Blair dem designierten französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy:

Der PR-Stunt gelang. Hunderte von Medien berichteten am Dienstag darüber, obwohl das Blairsche Grußwort gar nicht über den Labour-YouTube-Kanal verbreitet wurde, wie die Nachrichtenagenturen fälschlich meldeten. Statt über den separaten Themenkanal "Labourvision"  stellte der YouTube-Nutzer "10 Downing Street"  das Video über die allgemeine YouTube-Plattform ein.

Mit Erfolg: Das Video erntete binnen Stunden mehr als 40.000 Aufrufe, was für YouTube zwar sehr wenig ist, für ein politisches Video aber sehr viel - denn für solch offiziösen, ernsthaften Kram interessiert sich dort normalerweise kein Mensch. Ein Schelm, wer vermutet, dass dieser relative Erfolg der medialen Aufmerksamkeit geschuldet sein dürfte. Für Labour ist das jedenfalls Klasse: Endlich bemerkt mal jemand, was die Partei auf YouTube seit Wochen treibt.

Parteien im Web: Vieles ist nur Symbolik

Vor allem junge Menschen hofft Labour seit April mit einem eigenen Themenkanal in der Web-Röhre zu erreichen; der plätschert dort allerdings weitgehend unbemerkt vor sich hin. Das erfolgreichste Video im Labourvision-Kanal brachte es in drei Wochen auf 30.000 Aufrufe, sieben der zehn populärsten Videos hatten weniger als 10.000 Zuschauer weltweit. Zurzeit reichen rund 3000 Zuschauer, um es dort in die Top Ten zu schaffen. Zum Vergleich: Das erfolgreichste Tube-Video bisher, "Evolution of Dance", brachte es auf über 52 Millionen Abrufe, jedes beliebige Top-Video des Tages bringt es 250.000 Abrufe und mehr.

Aber wer geht auch schon zu YouTube, um Politiker reden zu hören? Die aber wollen dort gehört werden, wo sich das junge Wählervolk herumtreibt. Das weiß auch ein Tony Blair - zumal er sich zunehmend schwertut, seine ehemalige Wählerschaft auf konventionellen Wegen zu erreichen.

Die Uhr tickt für Blair, als Premierminister von Großbritannien ist er ein Auslaufmodell. Der einst wegen seines vermeintlich ewig jugendlichen Strahlemann-Images von Labour in Stellung gebrachte Polit-Star, der seine Partei zu New Labour reformierte und mit diesem Rechtsruck die Jahrzehntelange Vorherrschaft der Konservativen brach, hat für den Sommer seinen Rücktritt angekündigt. Nicht weil er will, sondern weil er muss: Sein Lack ist ab, die Patina bröckelt, das einst so positive Image ist nachhaltig beschädigt. Bei Gegnern wie politischen Freunden.

Mit den jugendlichen Wählern hat er es sich nicht zuletzt durch seine Haltung im "Kampf gegen den Terror" verscherzt: Großbritannien stellte sich bedingungslos an die Seite der Amerikaner, trug und trägt deren Politik mit. Und Blair wurde vom jungen Premier zu "Bushs Pudel" und vor allem im Internet zur Zielscheibe der Häme:

Am Ende seiner Politik-Karriere drängte ihn die eigene Partei zum Rücktritt, weil sein Verbleiben im Amt die Aussichten von Labour bei der nächsten Wahl von Monat zu Monat schmälerte. Für Blair eine bittere Pille: Vom Liebling der Massen zum ungeliebten Premier abgestiegen, musste er zudem erleben, dass es den Konservativen gelang, mit David Cameron einen smarten Herausforderer aufzubieten, der in vielerlei Hinsicht Blairs Spiegelbild ist.

Verkehrte Welt: Ein jugendlicher-lockerer Tory zeigt den Linken, wie man im Web Politik macht

Cameron rückt seit 2005 die Torys nach links, setzte gegen den neoliberal gefärbten Kurs von New Labour eine Kampagne für mehr soziale Nestwärme und besetzte klassisch linke Themenfelder wie Umweltpolitik, die Reform des öffentlichen Dienstleistungssektors und sogar die Frage der Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Großbritanniens neuer, gerade einmal 40 Jahre junger Oberkonservativer sucht den Kontakt zu den jüngeren Wählern, den Blair in den letzten Jahren verlor.

Und natürlich sucht er ihn online. Sein "Webcameron" -Auftritt ist so locker und Web-2.0 wie sonst kaum eine Politikerseite, mit Videos, Q&A's, mit Blogs von ihm und von und für Gäste. Kein Vergleich zu den steifen Video-Blog-Versuchen  der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, die sich im Wochentakt Neujahransprachen leistet. Cameron macht Wind, provoziert Widerspruch und gerade deshalb auch Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Das ist preiswürdig lebendig, auch wenn es letztlich den üblichen Regeln politischer Kampagnenseiten folgt: Zu Wort kommen nur registrierte Nutzer.

Labours halbherzige Antwort

Sieben Monate brauchte Labour, um auf die Web-Attacke des Tory-Führers, der "wie kein anderer an einen jungen Tony Blair erinnert" ("Time") und so locker daherkommt, "dass man ihn fast für ein menschliches Wesen halten könnte" ("Guardian"), eine Antwort zu finden. Doch anders als im September 2006, als die Presse erstaunt bis beeindruckt auf das Cameron-Web reagierte, kassierte Blair Mitte April 2007 für "Labourvision" erst einmal vor allem Häme im Web und Desinteresse in den Medien.

Labour öffnete einen eigenen Themenkanal auf YouTube, der noch immer populärsten Videoplattform im Web. Das ist prinzipiell hip und cool, weil es etwas anderes ist, als eine isolierte Web-Präsenz zu eröffnen wie David Cameron: Wer sich auf YouTube einlässt, von dem wird auch erwartet, dass er die dortige Diskussionskultur mitträgt. Labour misslang das, und selbst die linke Presse quittierte den Versuch, per Web-Video den Kontakt zum Bürger wieder zu gewinnen, als ziemlich hilflos - zumal sich Blair laut "Guardian" selbst freimütig als "Computer-Analphabet" bezeichnet hatte. Kurzum: Labourvision erschien weit weniger glaubhaft als Webcameron.

Keimt da wirklich was?

Der Blick ins Angebot ist trotzdem interessant. Während sich Blair bei seiner diplomatischen Grußnote, die in Wahrheit wohl eher an die junge Video-Nutzerschaft als an Sarkozy gerichtet war, durch die Deaktivierung der Kommentarfunktionen vor einem zu negativen Echo schützte, lässt sich Labour auf Labourvision tatsächlich auf die YouTube-Diskussionskultur ein. Das populärste Video dort ist Blairs Aufruf, ihm doch bitte schön Fragen zu stellen.

Davon kommen - nach der einige Wochen dauernden Ladehemmung der Labourvision-Seite - nun tatsächlich immer mehr. Und neben den nicht wenigen Fragen der "Wann danken Sie endlich ab?"-Fraktion in den Kommentaren gibt es nun auch richtige Diskussionen - bis hin zu Antwortvideos , für die YouTube so geliebt wird.

Die allerdings finden sich dann wieder im Angebot der offenen Plattform und nicht bei Labourvision - ein Fremdkörper im öffentlichen Web-Raum: Labour kommuniziert mit potenziellen Wählern, gibt ihnen aber keinen Raum, unter dem Label der Partei zu antworten. Das ist demaskierend und auf kaum einer Politik-Seite anders.

Auch auf deutschen Parteienseiten wird allenfalls noch in geschlossenen Foren für registrierte Mitglieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert. Kein Wunder, tummeln sich in öffentlich geführten Partei-Foren doch stets gern die politischen Gegner.

Bei YouTube aber scheint das anders zu sein.

Wer sich die Videobeiträge zum Labourvision-Angebot ansieht, erlebt neben Provokation und Häme auch eine Menge Ernsthaftigkeit. Nur einen Klick voneinander entfernt scheint da wirklich eine Form der vermittelten Diskussion per Video zu entstehen. Das hat was und ist es wert, weiter ausgetestet zu werden. Vielleicht erübrigt es sich dann irgendwann, einen scheidenden Premier vor die Webcam zu setzen und kommende französische Präsidenten grüßen zu lassen, um in Wahrheit wahlmüde Kids zu erreichen.

Die Großkopferten reden auch so miteinander, ohne YouTube als Mittler zu brauchen. Was also noch fehlt ist die durchschaubar symbolische Kommunikation mit der Zielgruppe durch echte zu ersetzen.