Blinde im Netz Der Blick fürs Wesentliche
Willi Kürpick ist online. Er schreibt Mails, schlägt lokale Veranstaltungstipps nach oder informiert sich über das Hörspielprogramm der Radiosender. "Seit 1995 habe ich einen privaten Internetanschluss", sagt der 45-jährige Dortmunder. "Als Fachmann würde ich mich allerdings nicht beschreiben. Ich sitze ja auch nicht nächtelang vor dem Rechner." Willi Kürpick ist blind - seit seiner Geburt.
"Ich kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal mit dem Internet in Kontakt gekommen bin", erzählt er. Bei der Präsentation von Hilfsmitteln für Blinde habe eine Firma gezeigt, wie man tatsächlich im Internet surft - sonst sei häufig nur der Offline-Betrieb demonstriert worden. "Als ich die Begriffe "Jazz" und "New Orleans" eingegeben habe, waren da auf einmal Hunderte von Ergebnissen. Das war toll", beschreibt der Jazz-Fan seine ersten virtuellen Schritte.
15.000 Euro für 80 Zeichen
Mittlerweile ist das Netz Routine, auch wenn er es ausschließlich privat nutzt. Beruflich braucht es der Berater am Dortmunder Versorgungsamt kaum. "Es kommt aber auch immer wieder vor, dass ich mich online zum Beispiel über aktuelle Gesetzesänderungen informiere." Um von zu Hause aus weltweit zu kommunizieren, organisierte sich Kürpick einen Computer, die entsprechende Software und das so genannte Braille-Display. Diese Zusatz-Tastatur übersetzt in Kombination mit den Computerprogrammen die Internetseiten in Blindenschrift. Finanzieren musste Kürpick fast alles aus eigener Tasche.
"Von der Krankenkasse bekommen Sehbehinderte oder Blinde lediglich einen Textscanner, der die tägliche Post in Brailleschrift übersetzt oder mit Hilfe eines Sprachprogramms vorliest", erklärt Wolfgang Liffers vom Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen (BSVW). Liffers ist ebenfalls blind und kennt die Probleme auf dem Weg ins Internet. 2000 Euro für die Computer-Software und bis zu 15.000 Euro für ein Braille-Display, das gerade mal 80 Zeichen abbilden kann - eine Menge Geld. Zeile für Zeile lesen sich Blinde durch die umfangreichen Angebote. Es gibt aber auch komfortablere Sprachprogramme, die den Seiteninhalt vorlesen können.
Damit sind aber noch lange nicht alle Probleme überwunden. Ob aufwendige Grafiken, blinkende Werbung oder Pop-up- Fenster - alles Bunte und Unstrukturierte stört das Navigieren im Netz erheblich. "Alle grafisch erzeugten Elemente sollten mit einem Alternativtext hinterlegt werden", fordert Liffers. Dieser Text kann dann wiederum übersetzt werden, so dass der Blinde erkennt, ob sich möglicherweise Links hinter den Bildern verstecken. Doch nicht jeder Homepage-Betreiber nimmt darauf Rücksicht. Willi Kürpick hat deshalb mittlerweile kurzen Prozess gemacht: "Ich habe einfach in meinem Browser eingestellt, dass alle Grafiken und Bilder nicht mehr angezeigt werden."
"Quantensprung von der Steinzeit in die Moderne"
Besonders wichtig für Blinde ist die übersichtliche Gestaltung der Seite. Zwar erkennen manche Sprachprogramme auch einen komplizierten Aufbau und können diesen auch mitteilen, mehrere Navigationsleisten oder Frames verwirren trotzdem. "Oben, unten, links, rechts - das ist total unerheblich. Für den Blinden geht es immer nur runter, runter, runter", verdeutlicht Liffers. Sehbehinderte haben außerdem mit den nicht ausreichenden Farb-Kontrasten auf den Seiten zu kämpfen. Zum "Tag des weißen Stockes" stellt der BSVW deshalb einen blindengerechten Internetauftritt vor. "Grundsätzlich gilt, dass die Seite nicht überfrachtet werden sollte."
Liffers will unbedingt dafür sorgen, dass noch mehr Blinde online gehen können. Vor allem ältere Menschen hätten - wie bei den Sehenden - größere Hemmungen. "Dabei erschließt sich ein so unglaubliches Angebot." Diese Ansicht teilt auch Willi Kürpick: "Früher konnte ich kaum die Zeitung lesen, weil die Druckqualität so schlecht war, dass mein Lesegerät die Zeichen überhaupt nicht erkannte. Auch wenn noch einiges zu verbessern ist, ist es doch wie ein Quantensprung von der Steinzeit in die Moderne." Schließlich steigere das Internet die Selbstständigkeit im alltäglichen Leben. "Ich brauche einfach viel weniger Assistenz", sagt Willi Kürpick und hört sich dabei ganz zufrieden an.