Böse kleine "Dotwins" Wanze im Wohnzimmer?
Und was der nicht alles kann! Der kleine runde Aufkleber, den man auf den Bildschirm pappen soll, um seine Treue zum ProSieben-Programm zu dokumentieren, ist mehr, als er zunächst scheint - behaupten "geheime" Netzquellen. Für manche ist Dotwin ein Werbegag - für andere die flachste Wanze der Welt.
"Gespeichert wird eine digitale Bildröhrensignatur, aus der man technisch das Modell des Fernsehgerätes ableiten kann. Die Membran auf der Oberseite ist nicht nur eine Schutzabdeckung, sondern ist an drei Stellen mit einem DA-Wandler verbunden. Dadurch wird theoretisch eine Audio-Aufzeichnung möglich, was aber auf Grund des geringen Speichers unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlicher ist es, dass an Hand der Stimmprofile gespeichert wird, wie viele Personen sich zu welcher Zeit vor dem Fernsehgerät befunden haben."
Wie bitte?
ProSieben schwört Stein und Bein, bei Dotwin handele es sich um nichts anderes als einen Werbegag, ein Gewinnspiel, bei dem über den Aufkleber - den der Teilnehmer einschicken muss - tatsächlich erfasst werden könne, ob jemand zu einer gegeben Zeit tatsächlich eine bestimmte Sendung gesehen habe oder nicht. Letztlich ist das eine Form der Bestechung des Zuschauers, ihn mit Preisanreizen dazu zu bewegen, die Quoten von Sendungen zu erhöhen, die er sonst meidet.
Für so was gäbe es im Fußball einen Freistoß - aber eine wohl eher kleine, aber lautstarke Gruppe von Menschen im Web glaubt, dass noch viel mehr hinter den Dotwins steckt. Da diese Gruppe sich auch mit Mail-Programmen bestens auskennt, erfahren immer mehr Menschen, wer ihnen da wie ans Leder will.
"Besonders schnell zu spüren bekommen Schwarzseher diesen Lauschangriff. Die Adressen der Teilnehmer werden komplett an die GEZ abgetreten, wo ein Abgleich mit der vorhandenen Datenbank erfolgt. Betroffene erhalten schon vier Tage nach dem Absenden des Dotwins amtlichen Besuch."
Das ist toll, erspart es den geplagten GEZ-Prüfern doch viele unnötig durchgelatschte Schuhsohlen: Dotwin sei Dank kann man nun jeden, bei dem man klingelt, eigentlich direkt verhaften.
Doch das ist - mit Verlaub - gequirlter Unsinn
Auch die Mär von der Verschwörung des Chip-Unternehmens Infineon, das im Verein mit einem ganzen Pack "marktbeherrschender Konzerne" den Generalangriff auf uns alle gestartet habe, ist schlichtweg blöde, technisch unmöglich, an den Haaren herbeigezogen. "Bald", schreibt ein unbekannter, aber äußerst reger Warner im Web, "wissen die vielleicht mehr über uns als wir selbst".
Kokolores, schlecht informiert: Das ist doch schon jetzt so, und dafür brauchen die keinen Dotwin.
Der ist nach jetzigem Kenntnisstand nicht mehr als ein Sensorträger, den man in eine bestimmte Ecke des Bildschirmes kleben soll - wenn man Preise im Gesamtwert von einer halben "Mille" gewinnen möchte. Der Sensor wird über die Bildröhre mit einem Signal beschickt, der die Folie "belichtet" und so den Nachweis führt, dass man sich tatsächlich Stefan Raab angetan hat, statt etwas Sinnvolles zu tun.
Dass Dotwin daneben eine Menge mit der Erhebung von Daten über Kunden zu tun hat, liegt auf der Hand: Bereits über eine Million Zuschauer, sagt ProSieben, haben den Aufkleber bereits zurückgeschickt. "Bild", Shell und all die anderen wird es freuen. Doch unter dem Strich ist Dotwin nicht riskanter als andere "Gewinnspiele" und Gimmicks aus der Marktforschung, mit denen Kunden erfasst und gebunden werden sollen. Im direkten Vergleich mit konzertierten Schnüffelprogrammen wie dem Rabattsystem "Payback", bei dem die Konsumgewohnheiten von Verbrauchern dezidiert und namentlich erfasst werden, ist Dotwin nicht mehr als ein ziemlich flacher Ansatz. Und die Theorie von der Schnüffel-Verschwörung der Großkonzerne letztlich witziger als der dumme kleine Aufkleber.
Frank Patalong