Bonjwa: Ein Chat, der auf sich selbst aufpasst - DER SPIEGEL
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Games-Kanal Bonjwa Ein Chat, der auf sich selbst aufpasst

Hass und Beleidigungen sind im Internet keine Seltenheit. Aber es geht auch anders. Im Live-Kanal Bonjwa geht es ungewohnt harmonisch zu. Dafür sorgen klare Regeln - und die User selbst.
Bonjwa-Team bei der Arbeit
Bonjwa-Team bei der Arbeit

Bonjwa-Team bei der Arbeit

Foto: Marek Majewsky/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nutzer aus aller Welt in einem großen Gespräch: Ein Live-Chat könnte etwas Schönes sein. In vielen Online-Unterhaltungen aber übernehmen schnell Idioten oder Trolle die Kontrolle. Nutzer posten zahllose Emoji oder Spam, sie beleidigen die Personen vor der Kamera. Provokationen und Sexismus sind keine Seltenheit .

Auf dem Live-Kanal von Bonjwa  ist das anders - und das fast durchgehend. "Unser Chat reguliert sich selbst", sagt Jens Taubert, der bei dem Start-up für die Vermarktung zuständig ist. "Wenn etwas geschrieben wird, was nicht passt, reagieren die anderen darauf."

Chatteilnehmer würden direkt darauf hinweisen, dass gewisse Kommentare nicht in Ordnung sind, sagt Taubert, und sagen, dass so etwas bei Bonjwa keinen Platz habe. Vor allem bei Sexismus, Beleidigungen oder Rassismus sei das der Fall.

Videospiele im Livestream

Inspiration für den Chat liefert den Zuschauern bei Bonjwa zum Beispiel Niklas Behrens, der Mitgründer des Unternehmens. Er sitzt allein vor dem Rechner und spielt. Behrens umgeben zahlreiche Monitore, mehrere Kameras sind auf ihn gerichtet. Bis zu 4500 Zuschauer schauen zu, wenn er und die anderen Moderatoren per Twitch  live auf Sendung gehen.

Das Bonjwa-Team spielt Videospiele, manchmal im Wettkampf, meistens zum Spaß. Mindestens fünf Tage die Woche wird gesendet, von mittags bis Mitternacht und immer live. Mittlerweile aus einem eigenen Studio in Hamburg-Stellingen, das die überwiegend 25- bis 35-jährigen Zuschauer mit 15.000 Euro Spenden mitfinanziert haben.

Anders als aufgezeichnete Webvideos bieten die Twitch-Übertragungen Videomachern mehr Möglichkeiten, mit ihrem Publikum zu interagieren. Parallel zum Stream läuft auf Twitch nämlich ein Chat, in dem sich die Zuschauer austauschen können - mit anderen Zuschauern oder mit dem Videomacher.

Dazu kommt es auf vielen Kanälen häufig aber gar nicht erst. Nur selten entwickeln sich im Chatfenster richtige Gespräche. Während eine populäre amerikanische Streamerin auf Twitch vor mehr als 2000 Zuschauern spielt, schreibt ein Zuschauer beispielsweise: "Sie hat einfach alles. Was für eine Puppe!" Ein anderer kommentiert: "Ich bekomme gleich eine Erektion."

Die Community hilft mit

Dass bei Bonjwa ein anderer Ton herrscht, bestätigen Fans des Kanals: Sie sagen, dass es Trollen und Provokateuren schwer gemacht wird - auch von den Zuschauern selbst. "Unpassende Kommentare oder Nutzer, die Grenzen überschreiten, werden von der Community nicht toleriert", meint etwa Zuschauerin Desiree.

Beim Aufpassen helfen dem Bonjwa-Team ehrenamtliche Helfer aus der Community. Abwechselnd behalten sie den Chat im Blick und löschen unpassende Kommentare. "Mittlerweile sind einige Trolle angekommen", sagt Zuschauer Thomas Menne. Seiner Meinung nach wird mit denen aber meist professionell umgegangen: "Also ignorieren und bannen, wenn es zu viel wird."

Jens Taubert

Jens Taubert

Foto: Marek Majewsky/ dpa

Praktisch läuft es so: Lässt sich ein provozierender Nutzer nicht von einer Verwarnung abschrecken, wird er je nach Vergehen für eine gewisse Zeit gesperrt. Reicht auch das nicht, fliegt er für immer aus dem Chat.

Nicht zu groß ist manchmal besser

Noch ist die Bonjwa-Zuschauerschaft nur so groß, dass sich das Chat-Geschehen gut im Blick behalten lässt, leichter jedenfalls als in Streams von Webstars wie Gronkh oder gar bei E-Sports-Übertragungen. Bei letzteren Streams sind mitunter eine Million Zuschauer live mit dabei , dabei chatten sie oft auch noch in unterschiedlichen Sprachen.

Die Auswahl der Nutzer und Beiträge, die Bonjwa nicht im Chat haben will, basiert auf einem Wertekodex, den das Team aufgestellt hat. Die Bonjwa-Macher sagen, für sie sei vor allem der gegenseitige Respekt, Toleranz und der Spaß am Spiel wichtig. Das solle sich bei ihren Zuschauern und im Chat widerspiegeln.

Das Konzept scheint aufzugehen: Die Nutzer jedenfalls unterhalten sich miteinander, beantworten Fragen, sprechen die Moderatoren direkt an, motivieren sie, wenn es in einem Spiel nicht weiter geht. Und manchmal geben sie sogar Tipps, wie ein Format des Kanals verbessert werden kann.

Diskussionen über das Leben und Religon

Das hat auch Matteo Ricciardi gefallen. Früher war er Teil der Community, heute ist er einer von fünf Festangestellten bei Bonjwa. An manchen Tagen sitzt er bis zu zehn Stunden vor der Kamera und ist dabei durchgehend mit dem Chat verbunden.

"Häufig entwickelt sich ein Gespräch zwischen mir und dem Chat, das mit dem eigentlichen Spielgeschehen gar nichts mehr zu tun hat", sagt Ricciardi. So entstehen plötzlich ernsthafte Diskussionen über das Leben, Religion, virtuelle Realitäten oder persönliche Probleme.

"Ich sehe einige Leute aus der Community als sehr gute Freunde und verbringe mit ihnen und dem Livestream mehrere Stunden täglich", sagt Bonjwa-Zuschauer Francesco Pisano. Er glaubt, dass jeder Einfluss auf das Team und die Inhalte haben kann. "Ich fühle mich ernst genommen und gut aufgehoben", sagt Pisano. "Schließlich teilen wir alle eine große Passion: Videospiele und Bonjwa."

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