Brainpool "Elton.de" ist gar keine Webadresse
Thomas Pettinger ist auf dem Holzweg. Der Student betreibt seit knapp eineinhalb Jahren eine Website mit dem schönen Namen "Elton.de", ein virtueller Schrein der Verehrung für - Elton John, wen sonst?
Er ist Fan, und er ist nicht allein: Auf die Idee verfielen 1999 einige Freiburger Studenten, und weil es so "brummte" auf der Seite, wuchs und wuchs sie, gedieh und wurde immer schöner. Elton-News, Elton-Diskographie, Elton-Fotos... - so rege ist der singende Paradiesvogel, dass man hätte denken können, diese Seite brummt bis in alle Ewigkeit.
Und dann erschien der "Titelschutz Anzeiger", Woche 18/2001. Das ist eine außerordentlich langweilige, aber wichtige Zeitschrift, in der kaum mehr als Anzeigen zu finden sind. Die klingen alle ziemlich ähnlich: Immer will irgendwer irgendwelche Namen schützen lassen. Soll heißen: In Beschlag nehmen, auf dass sie niemand anderes jemals für sich nutzen könne.
"Lady Di Diana - ein Lächeln verzaubert die Welt" ist so ein geschützter Titel eines Buches, das vermutlich erst noch geschrieben werden muss. Oder auch nicht, denn längst nicht alle Titelschutzanzeigen materialisieren sich schließlich.
Schock: Wer will da was?
Doch eine Anzeige fand die Aufmerksamkeit eines Freundes von Thomas Pettinger, der sie dem Freund prompt zusandte: "Unter Hinweis auf § 5 Abs. 3 MarkenG nehmen wir Titelschutz in Anspruch für Elton.de".
Das aber ist Thomas Pettingers Domain!
Hups, jetzt hat man ja schon so viel gehört von kleinen Privatleuten, denen von irgendwelchen Firmen frech und mit viel Kosten verbunden die virtuellen Schuhe ausgezogen wurden. Pettinger fuhr der Schreck in die Glieder, er rief seinen Anwalt an.
Der riet zur Anfrage beim Auftraggeber der Anzeige: Der Kölner TV-Schmiede Brainpool. Der Verdacht: Wer so heißt, der denkt sich was dabei, bevor er handelt.
Erleichterung: Alles nur Vorsorge
Zum Glück kann man Thomas Pettinger beruhigen: Dem ist nicht so, der Student ist auf dem Holzweg. Keiner, niemand, schon gar nicht Brainpool will ihm irgendetwas wegnehmen. "Wir haben uns den Titel vorsorglich gesichert", versichert Brainpool-Sprecherin Susanne Lösser.
Konkrete Pläne habe Brainpool gar nicht damit, und außerdem sei "Elton.de" ja keine Internet-Adresse, sondern nur ein Titel, denn es fehle ja das "www". Das macht man halt so, vorsorglich. Ganz normal, das.
Also fragen wir nach, ob sie etwas dagegen hätte, wenn wir uns heute "Brainpool.de" als Titel schützen würden. Die Antwort: Schweigen.
Pettinger wartet noch auf Antwort, Lösser sagt, sie habe diese bereits gegeben. Das alles riecht nach Missverständnis: "Elton.de" gehört halt zu den Titeln, die sich Brainpool vorsorglich schützen ließ in diesem Monat, aufgehängt wahrscheinlich an diesem TV-Total-Praktikanten, den Brainpool gerade zum Star stilisiert. Wahrscheinlich ist der Vorname jedes einzelnen Brainpool-Mitarbeiters geschützt, nicht als Web-Adresse, sondern nur vorsorglich, "so als Titel". Reine Routine.
Aus irgendwelchen Gründen kommt das alles dem Thomas Pettinger nicht so plausibel vor, wie den ungewöhnlich wortkargen Kölnern. Die finden, es sei alles gesagt und fragen freundlich-bestimmt, ob sie vor Veröffentlichung eines Artikels die Zitate sehen könnten. Klar: Wir schicken der freundlichen Pressesprecherin gern den Satz "Wir haben uns den Titel vorsorglich gesichert" zu, damit sie mit ihrer Rechtsabteilung klären kann, ob sie den auch wirklich gesagt hat.
Das habe sie nicht gesagt, antwortet Frau Lösser hingegen auf die Frage, ob Brainpool bekannt war, dass es eine Domain mit dem Namen "Elton.de" bereits gab, bevor die Anzeige aufgegeben wurde. Das Gegenteil will sie aber auch nicht sagen.
Und das reicht doch wohl, oder? Alles gesagt!
Hobby-Webmaster Thomas Pettinger jedenfalls hat sich schlau gemacht. Er kennt seine Chancen und seine Risiken, wird mittlerweile von einem hoch kompetenten Rechtsbeistand beraten. Aber: "Man muss ja keine Anwaltskosten produzieren, wenn es sich vermeiden lässt".
Allein die "Art und Weise", wie das alles, das gerade geschieht, oder auch nicht, über die Bühne geht - das bringt ihn doch etwas aus dem Tritt.
Verbissen sieht er all das nicht, lässt die Dinge auf sich zukommen. Und wünscht sich eine Welt, in der Unternehmen, statt sich per Markenrecht irgendwohin zu mobben, freundlich auf die Menschen zugingen. Und sagten: "Hör mal, du hast da diese schöne Domain. Gibst du die mir, wenn ich dafür 50.000 Mark an die Elton-John-Aids-Stiftung überweise?"
Womit er natürlich weder seine Website meint, noch Brainpool, die daran ja auch gar nicht interessiert sind. Trotzdem schade, dass die Welt so schön nicht ist. Oder?