Brockhaus-Programm Lexiscout Googles unerwünschter Untermieter
Mathias Schindler ist nicht irgendein Blogger. Der 25-jährige Student aus Frankfurt am Main ist einer der exponierten Köpfe der Wikipedia in Deutschland: Als Mitglied des Vorstandes nimmt er auf Wiki-typisch informelle Art eine Art Sprecherfunktion ein. Nebenbei bloggt er kräftig und mit Vorliebe über ein großes Thema: Die Wissensgesellschaft und wie die sich durch das Web verändert.
Dazu gehört die Beobachtung der Konkurrenz, wenn man so will. Denn aus Perspektive der großen Lexikonverlage in aller Welt ist Wikipedia genau das: eine ernstzunehmende Konkurrenz.
Das nicht kommerzielle, von ehrenamtlichen Autoren getragene Community-Lexikon gilt als größte Bedrohung des Lexikon-Marktes seit Aufkommen der CD-ROM, die in den letzten Jahren große Teilen des Lexikon-Buchmarktes eroberte.
Ob es Produkte wie mehrbändige, hochpreisige Lexika-Editionen in gedruckter Form in ein paar Jahren noch geben wird? Inoffiziell glauben selbst die Marktakteure nicht mehr daran, dass analoge Lexikon-Formen noch eine große Zukunft haben.
Die Verlage reagieren darauf mit neuen, innovativen Produkten, mit deren Hilfe sie sich der Konkurrenz aus dem Netz stellen wollen. Schindler beobachtet das mit Interesse, hat gute Kontakte in die Branche. Der größte Player im deutschen Lexikonmarkt heißt Brockhaus und gibt neben den unter diesem Namen veröffentlichten Lexikon-Produkten auch die Reihen Duden, Meyers und Harenberg heraus. Und natürlich ist er auch Netz-aktiv, zum Beispiel mit dem kostenpflichtigen Lexikon-Dienst Xipolis .
Nie gehört? Das könnte auch daran liegen, dass die Inhalte solcher Bezahldienste zwar über das Netz vertrieben werden, aber letztlich kein integraler Bestandteil des globalen Datenbestandes sind. Was Google und Co. nicht erfassen, existiert quasi nicht und wird nicht gefunden - in Fachkreisen spricht man hier vom "hidden web", dem verborgenen Teil des Netzes. Das ist zum Teil gut, weil es Exklusivität schafft, im Grunde aber schlecht, weil die relative Unsichtbarkeit den Erfolg verhindert. Für Xipolis, berichtet Schindler in einem aktuellen, detaillierten Blog-Beitrag, hat sich Brockhaus etwas ausgedacht, um das zu ändern.
LexiScout: Datenschützers Albtraum?
Inhalte einfach ins Web zu setzen, kommt für Brockhaus nicht in Frage. "Es kann für ein Unternehmen kein Modell sein, die Inhalte zu verschenken", zitiert Schindler Marion Winkenbach, Vorstandsmitglied der Aktiengesellschaft Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus (BIFAB). Der Verlag hat eine Alternative gefunden: Man müsse die Netz-Nutzer einfach von Google, dem populärsten Searchengine, direkt zu Brockhaus-Inhalten führen.
Die Methode dafür haben sich die Mannheimer im Web abgeschaut: Ihr niedlich "Suchmaschinen-Erweiterung" genanntes Browser-Plugin zum LexiScout überdeckt auf Google-Seiten die Google-eigene Werbung mit Direktlinks zu Verlagsinhalten.
Bei Brockhaus klingt das so: "Die LexiScout-Suchergebnisse erscheinen auf eigenen Registerkarten, um die der Textanzeigenbereich (Google Adwords) in der rechten Spalte der Google-Seite erweitert wird."
Toolbar-geplagte Surfer kennen solche Funktionen von diversen Adware-Toolbars, die man sich im Web fangen kann - und die den Nutzer vorzugsweise zu nackten Tatsachen führen wollen.
Mit diversen Adware-Tools teilt LexiScout angeblich noch eine weitere Eigenschaft: Den Hunger nach Daten der Benutzer. Schindler weist nach, das LexiScout jedem Nutzer des Programms eine eindeutige Identifikationsnummer - die sogenannte Laufnummer - zuweist, die zusammen mit protokollierten Daten der Suchanfragen der Nutzer an Brockhaus übertragen wird. Von Psoriasis über Pamela Anderson bis Porno könnte der Verlag so alles über die Interessen der Nutzer erfahren.
Erste Reaktionen
Weil "weder auf den Web-Seiten noch im Lizenztext" irgendein Hinweis "auf die Übertragung einer Nutzerkennung oder gar die personenbezogene Speicherung von Suchanfragen" zu finden sei, liege hier eine Verletzung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung vor, vermuten Experten wie Markus Hanssen vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein. Die laut Gesetz notwendige Einwilligung der Betroffenen könne "ausgeschlossen werden". Von der Nutzung solcher Produkte könne er Bürgern in seinem Bundesland nur abraten.
Schnell reagierte auch Google auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE- und die Begeisterung dort hält sich in engen Grenzen. Natürlich verweist das Unternehmen darauf, dass die Google-Adwords integraler Bestandteil des Angebotes seien. Das Brockhaus-Angebot LexiScout kommentiert die Unternehmensführung von Google Deutschland folgendermaßen: "Der offensichtliche Versuch, das AdWords System technisch auszuhebeln, führt Nutzer in die kostenpflichtige Irre. Zudem dürfte es nur wenige Internet-Surfer geben, die sich dieses fast 50 MB große Programm herunterladen, nur um auf kostspielige Angebote von Brockhaus verwiesen zu werden."
Die Antwort von Brockhaus
Die Antwort von Brockhaus
Auch Brockhaus reagierte umgehend auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Bernd Kreissig, Geschäftsführer der BIFAB-Tochter Brockhaus Duden Neue Medien GmbH, bemängelt Schindlers Bericht als "unfair und einseitig". Im direkten Gespräch habe er zwar zugegeben, dass über LexiScout "Log-Files entstehen": "Aber da geht es um den Einsatz gängiger Technologien. Internetserver haben die Eigenschaft, Log-Files zu erheben."
Die brauche man, um den Dienst einerseits abzusichern, andererseits überhaupt mit seinen Services anbieten zu können. Eine Identifizierung der Nutzer sei damit nicht verbunden, genau so wenig die Protokollierung eines individuellen Suchverhaltens.
Selbst im Fall, wenn der Nutzer sich zu einer namentlichen Registrierung entschließe, gäbe es keine direkte Verbindung zwischen der sogenannten Laufnummer des Programms und den Personendaten des Nutzers. Die Laufnummer würde benötigt, um Nutzerpräferenzen zu registrieren - etwa ob es ein Kunde vorzöge, doch die Google-Adwords als erstes zu sehen zu bekommen und nicht die Brockhaus-Links. Die Personendaten hingegen würden getrennt verwaltet und für Marketing-Zwecke benutzt, etwa für die Zusendung von Angeboten.
Kreissig: "Natürlich besteht eine theoretische Möglichkeit, Daten zu missbrauchen, aber die besteht im Internet immer. Wir versichern, dass wir einen Missbrauch nicht vorhaben. Man kann auch ein Jagdgewehr nutzen, um einen Menschen zu töten."
Kreissig empfindet es als ungerechtfertigt, sich über die theoretische Möglichkeit eines Missbrauchs zu erregen. Er verweist auf die Newsletter der Wikipedia-Mailinglists, die unverschlüsselt über das Web übertragen würden und das Passwort des Empfängers enthielten. Auch das beeinhalte das Risiko eines Missbrauchs: "Herr Schindler sollte erst einmal vor seiner eigenen Türe kehren."
Diese Notwendigkeit sieht Schindler nicht im gleichen Maße - auch, wenn er Kreissigs Behauptung bestätigt: Wikipedia setze für die Mailinglists das Programm Mailman ein, das tatsächlich ein Passwort generiere oder abfrage. Schindler: "Wenn nun jemand statt eines eigenen Passwortes für die öffentliche Mailinglist im Internet für alles immer dasselbe Passwort einsetzt, könnte man sich ein Missbrauchs-Szenario denken, wenn jemand in der Lage ist, E-Mails abzufangen." Das sei allerdings arg konstruiert und etwas anderes, als wenn ein Unternehmen Daten erhebe: Wer Mails abfangen könne, finde wohl auch lohnendere Ziele als den Nutzeraccount eines Wikipedia-Mailinglist-Mitglieds.
Eine Einschätzung von Seiten des ebenfalls angefragten Innenministeriums von Baden-Württemberg steht noch aus.
Die Details seiner Recherche über LexiScout hat Mathias Schindler am Donnerstag in seinem Blog veröffentlicht .