Browsermarkt: Die Unschärfen der Web-Marktforschung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Browsermarkt Die Unschärfen der Web-Marktforschung

Der Internet Explorer 9 soll verlorenen Boden zurückgewinnen. Ganz so einfach wird das wohl nicht: Microsofts Marktanteile sinken wieder leicht, während vor allem Chrome weiter hinzugewinnt. Über diese Trends sind sich Marktbeobachter einig, über die Höhe der Zahlen hingegen ganz und gar nicht.
Browser: Vehikel für das WWW
Browser: Vehikel für das WWW

Browser: Vehikel für das WWW

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die aktuellen Marktanteile der führenden Internet-Browser dokumentieren, wie stabil und ungebrochen die Markttrends trotz der Veröffentlichung mehrerer neuer Browserversionen nach wie vor sind. Das gilt auch für Microsofts Internet Explorer, der nach zwischenzeitlichem Hoch im Sommer wieder leicht Federn lassen muss, wie die Zahlen führender Web-Marktbeobachter dokumentieren. Net Applications sieht den MSIE nun bei 59,65 Prozent Marktanteil (-0,75 Prozent gegenüber dem Vormonat). Die Verluste kommen allen maßgeblichen Konkurrenten zugute: Firefox (22,96 Prozent) gewinnt leicht hinzu, so wie auch Chrome (7,98 Prozent), Safari (5,27 Prozent) und Opera (2,39 Prozent).

Zu Beginn des vierten Quartals sind die Effekte, die sich Microsoft von der Veröffentlichung der neunten Generation seines einst marktbeherrschenden Browsers versprach, damit noch nicht zu sehen. Das sommerliche Zwischenhoch entpuppt sich (so wie ein zeitgleiches Schwächeln des Firefox) möglicherweise als Strand-Effekt. Jetzt sind eben auch die Hobbysurfer wieder im Web unterwegs, wovon die Browser-Alternativen zum MSIE profitieren (siehe erste Statistik unten). Aus Microsofts Schwächeln zu schließen, Microsofts Browser befinde sich weiter im Abwärtstrend, wäre aber wohl verfrüht. Der MSIE 9 dürfte - gerade zwei Wochen nach seiner Veröffentlichung - in den Statistiken noch gar keine spürbare Rolle spielen.

Der soll einen seit sehr langer Zeit anhaltendem Abwärtstrend Paroli bieten. Microsofts Marktdominanz bröckelte peu à peu spätestens seit Veröffentlichung des Firefox-Browsers zur Jahreswende 2002/2003 von einst über 95 Prozent auf heute - tja, wieviel eigentlich?

So einfach ist das gar nicht zu sagen. Absolute, wirklich verlässliche Zahlen über die Verbreitung von Programmen im Internet gibt es nicht. Hier sind Marktdaten immer nur Einschätzungen, die entweder auf Downloadzahlen, Befragungen oder Messungen beruhen.

Alle drei Datenbasen aber sind nicht verlässlich: Nicht jeder, der ein Programm herunterlädt, wird auch zum regelmäßigen Nutzer. Bei Befragungen und Messungen kommt es nicht nur auf die Breite der Datenbasis an (je mehr, desto besser), sondern auch, wo man misst und wen man wo und wie fragt. Dabei spielen sowohl geografische Faktoren eine Rolle (es gibt krasse regionale Unterschiede bei der Nutzung von Programmen, Webdiensten und Webseiten), als auch inhaltliche. So dürfte die Antwortbereitschaft bei Onlinebefragungen mit der Technik- und Internetaffinität der Befragten korrelieren.

Auch abweichende Schätzungen sind aussagekräftig

Das aber kann nur zu verzerrten Ergebnissen führen: Je größer die Technikaffinität eines Internetnutzers, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht Microsofts Internet Explorer nutzt, den normalerweise vorinstallierten Browser auf einem PC. Alle Nutzerstatistiken von Tech-Seiten zeigen das überdeutlich. Das Tech-Blog Ars Technica beispielsweise veröffentlichte soeben seine Septemberzahlen  - und dort liegt der Internet Explorer mit gerade einmal 16,83 Prozent natürlich nicht nur weit hinter dem Firefox (35,22 Prozent), sondern sogar hinter Safari (19,99 Prozent) und Chrome (22,96 Prozent). Doch Einzelmessungen sagen wenig über den Marktanteil von Programmen aus, dagegen viel über die Nutzer der Webseite, über die die Zahlen erhoben wurden.

Man muss also festhalten: Alle Web-Marktdaten sind mehr oder weniger gut begründete Schätzungen. Große Stichproben führen zu realistischeren Ergebnissen. Selbst dann aber sind die Statistiken vornehmlich zur Dokumentation von Nutzungstrends tauglich, nicht aber, um Marktanteile als unumstößliche Fakten zu konstatieren.

Der Vergleich der Zahlen von zwei der größten Web-Marktbeobachter, die regelmäßig Browserstatistiken zusammentragen, macht das deutlich: Net Applications Marketshare  und StatCounter GlobalStats  sind sich bei der Beobachtung von Marktbewegungen meist sehr einig: Sie messen in aller Regel die gleichen Trends im Markt. Allerdings sehen sie bei den Marktanteilen die verschiedenen Browser auf deutlich anderen Niveaus - mit einer Differenz von rund zehn Prozent beim Internet Explorer (siehe eingebundene Statistiken oben und unten).

Der Grund dafür liegt nicht in der Erhebungsmethodik, die sich ähnelt, sondern in einer grundlegenden Verschiedenheit der Messpunkte: Beide Dienste beobachten technische Grunddaten von Nutzern von Webseiten. Bei Net Applications gehören diese Webseiten zahlenden Kunden seines kostenpflichtigen Web-Tracking- und Statistikdienstes. Der Dienst erfasst also vor allem die Nutzung von "Profi-Seiten", von kommerziellen Websites und Diensten. 40.000 davon fließen ein.

Globalstats kann sich sogar auf eine noch größere Stichprobe stützen. An schwer zu schlagenden drei Millionen Messstellen erhebt das Unternehmen seine Daten, die Verteilung ist wahrhaft global. Die Erklärung: Die Daten werden über einen kostenlos verteilten Web-Counter und Trackerdienst erfasst. Entsprechend landen sie auf einer Vielzahl kleiner Webseiten, in Blogs und sogar Social Network-Profilseiten.

Wenn man so will, liefert Net Applications also ein stärker Business-orientiertes Bild der Netznutzung (mit vielen Messpunkten bei Dienstleistern, Unternehmenswebsites, Medien-Webseiten u.ä.), GlobalStats dagegen ein Abbild aus dem Teil des Netzes, in dem von Seitenbetreibern eher kostenlose Programme eingesetzt werden (Blogs, oft private Webseiten, kleinere Mittelständler).

Damit werden die Unterschiede in den Zahlen der beiden Dienste plausibel. Wenn es stimmt, dass Net Applications eher "Profi-Zahlen" und Globalstats eher "Hobby-Zahlen" erfasst; respektive der erste Dienst eher dienstlich/beruflich/sachlich genutzte Webseiten, der zweite hingegen eher in der Freizeit genutzte, dann korreliert das mit den Zahlen, die wir bei SPIEGEL ONLINE schon seit Jahren beobachten: Abends und an Wochenenden steigt der Prozentsatz der so genannten Alternativbrowser, während Wochentags während der Kernarbeitszeiten der Anteil des Internet Explorers höher ausfällt - in Unternehmen und auf Arbeitsplatzrechnern wird vornehmlich der vorinstallierte Microsoft-Browser eingesetzt (aktuelle Browser-Nutzungsdaten der SPIEGEL-ONLINE-Leser: siehe Tabelle unten).

Man ist also gut beraten, verschiedene Datenbasen und Dienstleister abzufragen, wenn man sich wirklich ein Bild machen will vom Web-Markt. Im Grunde ist das sogar interessanter, als hätte man nur eine absolute, felsenfeste Zahl über die weltweiten Marktdaten, in die dann jede Nutzung einfließen würde. Unter dem Strich erfahren wir aus dem Vergleich der unterschiedlichen Statistiken von Net Applications und GlobalStats nicht zuletzt, in welchen Nischen verschiedene Browser-Entwickler tatsächlich Chancen hätten, ihre Marktanteile weiter auszubauen - und in welchen Bereichen sie Defizite aufweisen.

Bei Microsoft weiß man das offenbar auch sehr genau, will mit dem MSIE 9 vor allem verlorenes Territorium zurückerobern - daher die klare Konzentration auf den Ausbau der Entertainment-Potentiale des MSIE, auf den Freizeit-Nutzer. Das könnte sich am Ende als mühseliger erweisen, als den Markt mit einem dezidierten Business-Browser anzugehen, optimiert für eine "dienstliche" Nutzung: Diesen Markt hat Microsoft offensichtlich noch stärker im Griff.

Das Problem an diesem naheliegenden Ansatz: An mehr Multimedialität am Arbeitsplatz haben Arbeitgeber wahrscheinlich weniger Interesse als an einem nüchternen, skalierbaren und sicheren Browser. Wenn man so will, bedient der MSIE 9 also eher die Interessen der verlorenen Nutzerschaft als die der Microsoft-treuen Business-Kundschaft.

Browser-Nutzungsdaten SPIEGEL ONLINE

Browser Prozent
Firefox 49,33
Internet Explorer 33,52
Safari 7,6
Opera 3,98
Chrome 3,08
Andere / Ältere (zusammengefasst) 2,49
Statistik: Stichprobe 4. Oktober 2010, ca. 13 Uhr