Bühne Cebit: Schaulaufen der Politgrößen - DER SPIEGEL
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Bühne Cebit Schaulaufen der Politgrößen

Hightech schmückt und wertet das Image kräftig auf: Das weiß die politische Prominenz. Auch in diesem Jahr schwingt Kanzler Gerhard Schröder die Schere zur offiziellen Messe-Eröffnung. Und weil's so schön ist in Hannover, kommt der beste Teil des Kabinetts gleich mit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Große Ereignisse werfen nicht nur ihre Schatten voraus - sie wirken auch nach. Zum Beispiel im Image von Politikern: Kaum einer weiß das besser als Kanzler Gerhard Schröder. Als der im letzten Jahr zur Cebit-Eröffnung anreiste, hörte er von Volker Jungs Green-Card-Initiative, warf seine eigene Eröffnungsrede weg, sprach spontan - und beherrschte als Hightech-Kanzler die Schlagzeilen der folgenden Monate. So was nennt man wohl politischen Instinkt.

Auch in diesem Jahr will sich der Kanzler - aus seiner Zeit als Landesfürst seit langem daran gewöhnt - den Spaß der Cebit-Eröffnung nicht nehmen lassen. Das tut er nicht allein, sondern so sachkundig wie dekorativ begleitet durch die Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina. Man darf sich also in den Abendnachrichten auf launige Worte und charmante Lächler freuen.

Mehr als das wollen Schröders Kabinettsmitglieder bieten, denn natürlich kommt der Kanzler nicht allein. An praktisch jedem Messetag gibt sich die Polit-Prominenz ein Stelldichein, und verknüpft diese Auftritte gern mit ein wenig Selbstdarstellung. So sind zahlreiche, mehr oder weniger überraschende "Rundgänge" zu befürchten, bei denen die Bodyguards, die Politiker und Pressetross begleiten, die gemeinen Zuschauer in die Auslagen drücken werden.

Deshalb der aktuelle Cebit-Tipp Nummer 1:

    Wenn Sie von so einer "Veranstaltung" hören, machen Sie einen großen Bogen darum. Sollten Sie hören, der Außenminister sei auf dem Weg in ihre Richtung, wählen Sie einen Seitengang: Er könnte Sie tatsächlich einholen.

Denn zu den sicherlich meistbeachteten und bestgeschützten Besuchern der Messe dürfte tatsächlich Außenminister Joschka Fischer gehören. Einziger Programmpunkt des derzeit arg gebeutelten Grünen: Ein "Rundgang" - wenn auch nur über den Stand des Auswärtigen Amtes. Da der Termin für Montag 17.45 bis 18.00 Uhr angesagt ist, wird das Tempo entsprechend hoch sein müssen.

Was sagt uns das? Zwei mögliche Antworten: Entweder Fischer qualifiziert sich für Olympia, oder er kommt nur wegen der Fotografen.

Vermuten wir mal Letzteres.

Deshalb der aktuelle Cebit-Tipp Nummer 2:

    Glänzen Sie gegenüber Bekannten mit Insider-Wissen. Wenn Sie Fischer im Fernsehen sehen, verkünden Sie mit großer Selbstsicherheit: "Der war gar nicht wirklich da. Den haben die nur für die Fotografen eingeflogen, damit er ein paar Schritte joggt. Mit MP3-Player."

Mehr hat da zum Beispiel Innenminister Otto Schily zu bieten, der für die Zeit der Cebit von der Regierung zur Messegesellschaft Hannover gewechselt zu sein scheint.

Sein Programm beginnt direkt am Donnerstag um 10 Uhr morgens mit der Vorstellung des Bundesportals www.bund.de. Man kennt solche Präsentationen: Eine Webseite wird per Beamer auf eine Leinwand geworfen, während ein Moderator erklärt, was man dort lesen kann. So etwas füllt zwar normalerweise keine 45 Minuten, aber gerade deshalb ist Schily ja als nahezu ideale Wahl für eine solche Präsentation zu bezeichnen: Er wird die Details in bekannt sonorer Manier sehr akzentuiert und langsam erklären.

Cebit-Tipp Nummer 3:

    Kaffeetrinken vorher nicht vergessen. Aber keine Thermoskannen mitnehmen: Da haben die Bodyguards was gegen.

Kein Kaffeebedarf dürfte dagegen am Folgetag aufkommen, wenn Schily - ganz Frühaufsteher - wieder um 10 Uhr zu einer Präsentation für Paranoiker lädt: Wenn der Innenminister zum Thema "Sicheres Internet" referiert, dürfte so manche Gänsehaut garantiert sein. Stephen King ist nichts dagegen.

"Kl@sse" findet hingegen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn ihre neueste Aktion gleichen Namens, die sie am Freitag gegen 11.15 Uhr präsentiert. Mit im Boot: Der Bitkom, Vertreten durch Volker Jung, im letzten Jahr politischer Stichwortgeber des Kanzlers.

Ach, man könnte ewig so weitermachen. Uwe-Karsten Heye, Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, stimmt am Freitag ab 10 Uhr die Zuhörer mit "Das Verhältnis zwischen Regierung und Medien im Zeitalter der digitalen Kommunikation" auf den Vortrag von Staatsminister Julian Nida-Rümelin zum Thema "Digitale Medien in der herkömmlichen Medienlandschaft" ein. Eine satt zweistündige kommunikationswissenschaftliche Vorlesung mit am Stand gereichten Häppchen: Wenn das nicht besser als Mensa ist!

Cebit-Tipp Nummer 4:

    Orientierungsveranstaltung Kommunikationswissenschaft und Publizistik-Studium mit Uwe-Karsten Heye und Julian Nida-Rümelin! Da sage noch einer, die Cebit sei eine Techno-Show ohne intellektuellen Anspruch.

Und es geht weiter: An allen Ecken und Enden droht die Kollision mit Leibwächtern. Staatsminister Hans Martin Bury referiert und flaniert; Werner Müller, während der Cebit vornehmlich Technologie-Minister, verleiht Preise; Staatssekretärin Brigitte Zypries ruft Behörden zum Wettbewerb eGovernment - und diverse Landesfürsten und -minister sorgen dafür, dass die Titelseiten ihrer Regionalpresse auch etwas zu berichten haben.

Doch - wie im letzten Jahr, als Gerhard Schröder mit sicherem Gespür das wichtigste Produkt des Jahres in die Hand nahm: die Fühlmaus - präsentiert wieder der Kanzler höchstpersönlich den wichtigsten Event des Jahres: Endlich, endlich erhält der Bundes-IT-Adler einen Namen. Der wird nicht vor Donnerstag, 11.30 Uhr verraten. Sekt kalt stellen und Däumchen drücken, dass man bei der Namensfindung für das gefiederte Bundes-Maskottchen mehr Phantasie bewiesen hat, als beim Expo-Maskottchen. Das hieß Twipsy.

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