Bye, bye, BOL: Kann es nur einen geben? - DER SPIEGEL
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Bye, bye, BOL Kann es nur einen geben?

Bertelsmann trennt sich Stück für Stück von den Überresten seines einstigen Hoffnungsträgers, dem Online-Bookshop BOL. In Deutschland ist BOL ab sofort Vergangenheit - und der Weg noch freier für die Konkurrenz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Konkurrenz, sagt man, belebt das Geschäft. Ein Spruch, der auf Shoppingmeilen ziehen mag, im Internet aber scheinbar nicht verfängt: Anders als in der "realen" Geschäftswelt bummelt nämlich niemand durch Cyberia, um sich von den konkurrierenden Auslagen der Geschäfte verführen zu lassen. Entgegen aller Hoffnungen und Versprechungen der ersten Jahre kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass - wenn es wirklich ums Big-Business mit dem Online-Privatkunden geht - das Internet Monopole begünstigt.

Eigentlich, so scheint es, kann es in jedem Marktsegment nur den Einen geben: das Auktionshaus, den Buchladen, die Searchengine, den Autohändler und so weiter und so fort. Dazu eine kecke These: Mehr als 80 Prozent der deutschen Surfer würde wohl zu jeder der oben genannten Branchen die gleiche Marke einfallen.

Denn im relativen Chaos des Webs ist Otto-Normalsurfer natürlich froh, über einen Satz fixer Adressen zu verfügen, über die er oder sie ohne Umwege und mit befriedigendem Ergebnis ans Ziel kommt. BOL, der Online-Buchladen aus dem Hause Bertelsmann, hat es zu keiner Zeit seiner Existenz in diese Shortlist der wirklich bekannten Websites geschafft.

Buch.de: Ziehen Marken oder eindeutige Adressen?

Jetzt trennt sich Bertelsmann Stück für Stück von dieser Altlast der Middelhoff-Ära, hat gerade die deutschsprachigen Aktivitäten von BOL an die münsteranische Buch.de internetstores AG verkauft. Tief brauchte auch die nicht in die Tasche greifen: Einen Viertel ihrer Anteile trat sie an Bertelsmann ab, zusätzlich 800.000 Euro. Ein Sonderangebot, wenn denn das Kartellamt sein Placet dazu gibt: Schließlich verengt sich das Bewerberumfeld mit der "Fusion" von BOL und Buch.de von "Amazon und die anderen" zu "Amazon und der andere".

Da wittert Buch.de offenbar noch immer seine Chance und hat sie womöglich auch: Der übermächtige Abräumer Amazon mausert sich längst zum neuen "Otto", während Buch.de Fachhändler per definitionem ist und wohl auch bleibt.

Das Unternehmen, heißt es in einer Pressemitteilung, übernehme den Kundenstamm, was natürlich Unsinn ist, weil man so etwas nicht verkaufen kann, trotzdem aber mehr oder minder wahr: Buch.de muss sich nun mit einem Konkurrenten weniger um die Reste prügeln, die der Fast-Monopolist vom Geschäft übrig lässt. Das ist doch mal eine Perspektive. Surfer, die künftig BOL.de, .at oder .ch in ihren Browser eingeben, landen bei Buch.de. Ob das einen so merklichen Zuwachs bringt, wird das Unternehmen wohl niemals zugeben.

Mit dem am Freitag verkündeten Deal können wohl jedenfalls alle Beteiligten gut leben: Buch.de erhält vielleicht die Chance, es doch noch in die mentale Shortlist zu machen, während Bertelsmann ein Geldgrab zugeschüttet, ein kleines Trostpflaster bekommen hat und - im Falle des Erfolges - mit 25,1 Prozent an der Buch.de AG sogar noch einen Fuß in der Tür hält, sollte sich "das Internet" doch noch zur erhofften Geldfabrik entwickeln. Einzige Leittragende der Entwicklung sind damit wie üblich die Mitarbeiter des desintegrierten Unternehmens.

Amazon wiederum dürfte all das völlig egal sein. Wer eine weltweite Handelskette betreibt, den stören die örtlichen, kleinen Einzelhändler nicht. Amazon-Chef Jeff Bezos ist es im Gegensatz zu BOL gelungen, eine echte Marke zu etablieren: Zwar ist "Buch" eine intuitiv auffindbare, kraftvolle Adresse, "Amazon" aber kraftvoller, weil es wie Tempo oder Uhu längst synonym für ein Produkt oder besser eine Einkaufsmöglichkeit für bestimmte Produkte steht.

Buch.de mag Chancen in der Nische haben, und auch für den Dauererfolg von Quasi-Monopolisten gibt es keine Garantie: Vor zwei Jahren erst stieß Google allein durch die Güte seines Produktes den alten Platzhirsch Yahoo! vom Bekanntheits-Sockel. Doch Hand aufs Herz: So etwas passiert zwar, aber Weihnachten ist öfter.

Fair ist das alles nicht, und die einst vom Internet erhoffte Gleichheit der Chancen zwischen Klein- und Großunternehmen entpuppt sich zusehends als Illusion, die allenfalls in der Gründerzeit des World Wide Web kurzzeitig ihre Berechtigung hatte - als auch der Nobody Amazon zur weltweit bekannten Marke wuchs. Was in den bereits abgegrasten Märkten jetzt noch Potenzial zum Boom besitzt, sind klar regional/national definierte Konzepte: Buch.de besitzt dafür zumindest die richtige Adresse. BOL dagegen blieb den Surfern für die Dauer seiner Existenz ein Fremdwort - und nach so was sucht man nicht im Web.