Carnivore: "Ein Wolf bleibt ein Wolf" - DER SPIEGEL
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Carnivore "Ein Wolf bleibt ein Wolf"

"Carnivore" - das klingt nach blutigen Zähnen, nach Bestie. Höchste Zeit also, meinte das FBI als Betreiber des umstrittenen gleichnamigen Schnüffelsystems, die ganze Kiste umzubenennen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der neue Name, meint das FBI, sei nicht so negativ vorbelastet: "DC1000" soll das landesweite Spionageprogramm nun heißen. "Upgrades sind nun mal mit neuen Namen verbunden", begründete FBI-Sprecher Paul Bresson den Schritt. Der alte, ein Fleisch fressendes Raubtier bezeichnender Name habe bei vielen Menschen doch irgendwie "unglückliche Assoziationen" geweckt.

Unglücklich? Wie kommt ein Produkt zu seinem Namen? Warum heißt ein "Big Mac", so wie er heißt; warum heißt ein elektronisches Schnüffelprogramm "Carnivore"?

Weil es die Fähigkeit hat, sich durch den Wust der elektronischen Informationen direkt und hungrig auf sein Opfer zu stürzen, meinen Bürgerrechtsorganisationen in Amerika. Das FBI installierte Carnivore, um eine lückenlose Überwachung allen E-Mail-Verkehrs, aller SMS-Nachrichten, aller Surf-Aktivitäten zu gewährleisten. Carnivore, argumentieren die Bürgerrechtler, schaffe gläserne Bürger - und zerfleische die Bürgerrechte.

Applaus also für das FBI: "DC1000" ist ein kluger Zug. Der langweilige, technisch anmutende Name wird so schnell keine Schlagzeilen machen, und vielen fällt er im Laufe einer hitzigen Diskussion womöglich gar nicht ein. Gut so, denn natürlich wird Carnivore, das bald "alphanumerisch" benannt wird, wie Bresson sagt ("Der Name bedeutet erst einmal gar nichts"), ausschließlich eingesetzt, um Drogenhändler zu schnappen, die Mafia zu überwachen und überhaupt der Gefahr bewaffneter Kriminalität und des Terrorismus zu begegnen.

Lobenswerte Ziele, die dem FBI von den Bürgerrechtlern aber nicht abgekauft werden: Niemand wisse genau, wie Carnivore funktioniere. Arbeitet das System durch direkte Zugriffe auf ganz bestimmte Adressen? Ist es ein Filter, der schlicht alles überwacht? Sollte man vermeiden, Freunden einen schönen Urlaub im Schnee zu wünschen - vielleicht steht ja Minuten später die Drogenfahndung vor der Tür?

Themen, die in Amerika hitzig diskutiert werden: Es gibt kaum ein westliches Land, in dem die Meinungsfreiheit höher gehalten wird. Datenschutz ist und bleibt hingegen ein Fremdwort - und daran wird auch die Umbenennung der neuesten Daten-Bestie in ein Abstraktum nichts ändern. Barry Steinhardt, Kopf der Bürgerrechtsbewegung American Civil Liberties Union: "Wenn das Ding herumschleicht wie ein Wolf, heult wie ein Wolf und den bestialischen Hunger eines Wolfes hat, dann ist und bleibt es ein Carnivore, ein Fleischfresser." DC1000 hin oder her.

Frank Patalong