Cass Sunstein "Das Internet ist wie eine Religion"
Cass Sunstein hätte eigentlich wissen müssen, was er da anrichtet. Als der 46-jährige Juraprofessor an der Universität Chicago vor einigen Monaten sein provokatives Essay "Republic.com" veröffentlichte, hatte er zwar mit kontroversen Diskussionen gerechnet. Aber als ihn diverse Angehörige der Internetgemeinde als "Nazi" und "sozialistischen Windbeutel" beschimpften, war er doch etwas schockiert.
Dabei hatte Sunstein jenen passionierten Internet-Verfechtern schlichtweg nur den Spiegel vorgehalten. Denn die Kerntheorie seines Buches heißt, dass das Internet dazu beiträgt, die Gesellschaft zu polarisieren. Dass die unerschöpflichen Möglichkeiten, sich nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben, den Blick für andere Meinungen verstellt und im Extremfall zu Radikalisierung und Intoleranz führen kann. Dass diese Entwicklung bedrohlich für eine Demokratie werden kann.
"Die meisten Weißen vermeiden Nachrichten und Unterhaltung, die auf ein afro-amerikanisches Publikum zugeschnitten sind", heißt es in dem Kapitel "Daily Me". "Mit der sinkenden Bedeutung der General-Interest-Magazine und -Zeitungen und der Blüte individuell zugeschnittener Programme treffen unterschiedliche Gruppen eine grundlegend unterschiedliche Wahl."
Besonders erbost reagierten seine Kritiker auf vorsichtig artikulierte Vorschläge, wie man das Problem beheben kann. Zum Beispiel freiwillige Initiativen, in denen parteiliche Webseiten weiterführende Links zu den Seiten der Opposition posten. Er unterstützt die Idee seines intellektuellen Mitstreiters, Andrew Shapiro , der in seinem Buch "The Control Revolution" die Installation einer Webseite namens Public.net vorschlägt, auf der unterschiedliche Sichtweisen zu aktuellen Problemen dargestellt werden könnten. "Dies sind weitaus aufdringlichere und unliberale Vorschläge, als Mr. Sunstein es zu bemerken scheint", bemängelt das Londoner Magazin "The Economist".
Sunstein fühlt sich in diesem Aspekt missverstanden, auch wenn die meisten Reaktionen auf sein Buch positiv ausgefallen seien, sagt er im Interview. "Das Buch ist kein Plädoyer für die Regulierung des Internet", bekräftigt er. "Manche Leute sind vom Internet einfach so begeistert, dass man nichts Negatives sagen darf. Es ist ein bisschen wie eine Religion."
Die positivsten Reaktionen auf Sunsteins Buch kamen aus Europa und Australien. "Ich glaube, dass zum Beispiel in Deutschland die Diskussion, was ein Kommunikationssystem erfordert, viel weiter fortgeschritten ist als in den USA", sagt er. "Ich hoffe, dass sich die Deutschen nicht auch in der derzeitigen Begeisterung für den freien Markt verlieren und die langfristigen Folgen für Kommunikation und Politik außer Acht lassen."
Sunstein diskutiert in "Republic.com" die Folgen des Zusammenspiels von Internet und des First Amendments, also des ersten Zusatzes der amerikanischen Verfassung, der für die USA eine sehr offene Interpretation der Meinungs- und Redefreiheit festlegt. Tatbestände wie Volksverhetzung gibt es demnach nicht, sondern fallen unter das Prinzip der Meinungsfreiheit. "Doch wenn der Individualismus so weit getrieben wird, dass das einzig Wichtige die freie Wahl der Lebensform ist, und der Rest ist uns egal, diese Form von Individualismus ist nicht kompatibel mit Demokratie", protestiert Sunstein.
Mit dieser Ansicht befindet sich Sunstein auf gleicher Linie mit dem amerikanischen Rechtsphilosophen Louis Brandeis, der darauf hinwies, dass die größte Bedrohung der Freiheit ein passives Volk sei. "Auch eine Gesellschaft von Individualisten kann passiv sein, wenn die Leute lieber auf der Couch sitzen oder Bowling spielen, als sich für Politik zu interessieren", ergänzt Sunstein.
Bestärkend wirkt es für ihn, dass er mit seiner Kritik am Internet nicht allein ist. Er verweist in seinem Buch neben Andrew Shapiro auch auf Lawrence Lessigs "Code and Other Laws of Caberspace". Dessen Vision, dass eine Regierung oder ein Konzern durch das Internet die Daten und die Privatsphäre der Bürger kontrollieren kann, nähert sich laut Sunstein George Orwells Roman "1984" an. "Was wir jetzt sehen, ist eine qualifiziertere und subtilere Bewertung des Internet. Es ist ein bisschen wie mit der Gobalisierung. Es gibt viele positive Folgen, aber es wäre dumm, nicht genau danach zu fragen, wo sie hinführt."