Cebit, Tag null Das große politische Schaulaufen
Er kommt. Der Kanzler höchstselbst nutzt die Gunst der Stunde, in trotzig-hoffnungsfrohem Ambiente Flagge zu zeigen und die Cebit formal zu eröffnen. Die steht ganz im Zeichen der miesen Zahlen und der großen Hoffnungen.
Ab 18 Uhr ist es wieder Zeit für salbungsvolle Worte: Dass das tiefe Tal der Tränen tapfer durchschritten sei, wird man in verschiedenster Form hören, und dass - obwohl vorerst noch ein paar rote Zahlen zu verkraften sein werden - die mittelfristigen Aussichten doch irgendwie gar nicht so schlecht, mittelprächtig bis sogar gut aussähen.
Einen Vorgeschmack, wie man das macht, brachte vor Tagen schon Ernst Raue, Vorstandsmitglied der Deutsche Messe AG. Im Rahmen einer Bitkom-Pressekonferenz bewies er, dass es eine ganz eigene Messen-Mathematik gibt: Zwar erschienen in diesem Jahr scheinbar 750 Aussteller weniger als im letzten, aber das sei irreführend.
Denn von den 750 zählten rund 700 sowieso nicht so richtig in die Statistik, weil sie schon im letzten Jahr die Zeche nicht bezahlt hätten.
Vorjahr - Zechpreller = Minimalschwund
Damit korrigiert Raue die Ausstellerzahl des letzten Jahres von rund 7250 physisch vor Ort Feststellbaren auf 6550, die ihre Anwesenheit dann auch per Zahlung bewiesen hätten. Von denen blieben dann faktisch in diesem Jahr eigentlich nur 50 weg, und daraus ergibt sich dann ein im Grunde minimaler Rückgang. So muss das sein, so geht das, denn schließlich erwartet die Branche "starke Impulse von der Messe", so Raue. Darauf kann man sich wohl verlassen.
Die Impulse, die die Repräsentanten der Branche vorab emittierten, sind dabei höchst zwiespältig. Vor Wochenfrist gab Menno Harms vom Bitkom (im Nebenberuf Aufsichtsrat bei Hewlett-Packard) einen Über- und Ausblick über die befürchteten, erwarteten und erhofften Aussichten der Branche. Auch im laufenden Jahr, machte er klar, wird die deutsche IT-Branche keine neue manische Phase einläuten, sondern ihre Depression pflegen.
Die liegt unter anderem darin begründet, dass der Branchenverband mit seinen Prognosen für 2002 noch im Oktober völlig schief gelegen hatte: Dass am Ende nicht 1,7 Prozent Wachstum, sondern 2 Prozent minus heraus kamen, war für viele ein Schock.
Es geht aufwärts
Weil immer nur lamentierende Lobbyisten aber im Chor der anderen unterzugehen drohen, hatte Harms natürlich auch manch positive Nachricht: Mittelfristig gehe es wieder aufwärts, und überhaupt gäbe es Bereiche, da brumme es regelrecht.
So spiele sich rund 28 Prozent des gesamten europäischen Internethandels in Deutschland ab. Der E-Commerce-Markt hier zu Lande sei so groß wie der von Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Und dabei geht es längst nicht mehr um Peanuts: Das Marktvolumen Europas betrug 2002 rund 309 Milliarden Euro. 2006 soll beim E-Commerce ein Umsatz von mehr als 2 Billionen Euro erreicht werden, augurte der Bitkom.
Überhaupt, so richtig durchhalten konnte ein veritabler IT-Manager das Prognostizieren düsterer Zeiten dann doch nicht: Ohnehin zeige die Entwicklung europaweit nach nur 0,2 Prozent Plus in 2002 wieder nach oben. In der europäischen IT- und Kommunikations-Branche insgesamt werde 2003 ein Umsatzplus um 2,5 Prozent auf 607 Milliarden Euro erwartet, der Markt habe die Talsohle verlassen, sagte Harms. 2004 wird europaweit ein Wachstum von 4 Prozent auf 632 Milliarden Euro vorher gesagt. Harms: "Die Zeit der starken Verwerfungen wird hoffentlich zu Ende gehen."
Es geht abwärts
Allein bei der Hardware erwarteten die europäischen ITK-Anbieter 2003 erneut ein Minus. Stark wachsen hingegen sollen die Telekommunikationsdienste und dabei vor allem die Internet- und Online-Dienste.
Womit wir beim Stichwort UMTS wären: Für die entsprechenden Lizenzen sind die Kraftmeier der Telekommunikationsbranche vor Jahren Milliarden losgeworden, was ihnen das Recht gibt, weitere Milliarden für den Aufbau der Dienste zu investieren. Die müssen nun aber so langsam kommen, und wieder einmal wird die Sau UMTS durchs Dorf gejagt.
Vodafone preschte heute vor und nannte als erstes Unternehmen Preise für die Hightech-Handys, die da kommen (300 Euro im Verbund mit Vertrag). O2, durchaus weise, sorgte mit der Ankündigung, auch WLAN-Dienste anbieten zu wollen, für mehr Aufsehen.
Überhaupt, hatte die Telekom ja schon vor Tagen T-Mobile verlautbaren lassen, werde UMTS ja gar nicht teurer als bisherige Dienste wie GPRS.
Wohl aus gutem Grund, wie die Konkurrenz von E-Plus bestätigen könnte: Die hatte pünktlich zur Messeeröffnung die Hosen runtergelassen und zugegeben, dass ihr mit viel Vorschusslorbeeren gestarteter Beinahe-3G-Dienst iMode eine veritable Bauchlandung hingelegt habe: Noch nicht einmal die Hälfte der erhofften Kundenzahl habe man erreicht.
Doch wie erklärte einst der selige Douglas Adams das Geheimnis des Fliegens? Man müsse sich nur auf den Boden werfen, aber daneben.
Also wird weiter gemacht mit iMode und UMTS: Was auch sonst? Dass die Dienste ihr Publikum finden werden, bezweifelt ja auch niemand - dass sie ihr Geld wieder einspielen werden, hingegen sehr.
Die Aufwärm-Phase: Forderungen an den Kanzler
Auch darum stößt Bitkom-Präsident Volker Jung, einst Vater der Greencard-Initiative, die später von Gerhard Schröder gekidnappt wurde, wie alle Jahre wieder ins politische Horn: Einen "Richtungswechsel" fordert er von Schröder, wie er einst die Greencard gefordert hatte.
Damals hatte Schröder einfach mitgefordert, und auch in diesem Jahr stehen die Chancen gut, dass es im Rahmen der feierlichen Eröffnung wieder zu schönen Verbrüderungen von Industrieverband und Regierungschef kommen könnte: "Unsere politischen Entscheider", dröhnte Jung heute, "haben es selbst in der Hand, der Wirtschaft stabile, wachstumsfördernde Rahmenbedingungen zu geben".
"Genau", glaubt man da fast, den Kanzler sagen zu hören, vielleicht gefolgt von einem energisch servierten "Hartz!".
Denn man müsse weg von der verteilungsorientierten und hin zu der angebotsorientierten Politik, meinte Jung, insbesondere im Arbeitsmarkt. Es gebe nicht mehr viel zu verteilen und deshalb müsse dafür gesorgt werden, dass der Kuchen wieder größer wird. Überhaupt müsste wieder mehr gearbeitet werden, und nicht weniger. Virtuell nicken Kabinett wie Opposition.
Cebit-Töne, auf die jedes Frühjahr so viel Verlass ist wie auf die Rückkehr der Wildgänse und der Tech-Begeisterten. Nur schriller sind sie dieses Jahr, Kakophonie statt Chor: Während der Präsident die Verlängerung der Greencard-Initiative und eine Lockerung des Arbeitsrechts einfordert, warnt sein Verband vor einem weiteren Stellenabbau im fünfstelligen Bereich.
Macht nichts, spätestens ab morgen hat die Branche dann wieder ihre Stimme gefunden und wird das Loblied von den Segnungen der Technik singen. Denn Politik hin, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Druckerabgaben oder Kündigungsschutz her, eigentlich brummt die Branche doch nur, wenn es der Cebit gelingt, ihre Ware zu verkaufen. Und das ist nicht etwa nötige oder nützliche Technik, sondern Begeisterung.