Chinas Digitalisierung: Totale Kontrolle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Digitalisierung in China Alles unter Kontrolle

Längst ist China eine digitale Weltmacht, auf Augenhöhe mit den USA. Der staatlich forcierte Boom lässt staunen - und ist dennoch kein Vorbild, meint SPIEGEL-Korrespondent Bernhard Zand.
Smartphone-Nutzer in Shanghai
Smartphone-Nutzer in Shanghai

Smartphone-Nutzer in Shanghai

Foto: PETER PARKS/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jetzt haben sie sogar die Parkwächter digitalisiert. In China stehen oft Männer und Frauen in abgewetzten Uniformen am Straßenrand, die freundlich lächeln, beim Einparken helfen und einen handgeschriebenen Zettel unter den Scheibenwischer klemmen, auf dem sie die Ankunftszeit notieren. So verdienen sie sich etwas Geld dazu. Fährt man wieder weg, ziehen die Parkwächter den Zettel ab, kalkulieren kurz und kassieren einen kleinen Betrag, den man mit Münzen zahlt, die sich in der Mittelkonsole sammeln.

Bisher jedenfalls. Jetzt aber geht das anders: Der Zettel, den mir kürzlich ein Parkwächter unter den Scheibenwischer klemmte, zeigte einen QR-Code. Bargeld, sagte der Mann, nehme er künftig nicht mehr an. Ich solle beim Wegfahren einfach den Code scannen und mit WeChat zahlen, der Universal-App, die jeder Chinese auf dem Handy hat. Es funktionierte auf Anhieb.

Ganz ähnlich wird in China fast alles digitalisiert: der Einkauf im Supermarkt, die Zahlungen für Wasser- und Stromrechnung, das Trinkgeld für den Pizzaservice. Auch die Händler, die raubkopierte Blu-ray-Disks verkaufen, wollen inzwischen per App bezahlt werden, selbst manche Bettler in Chinas Großstädten haben ein Kärtchen mit ihrem Code dabei. Und was Parkhäuser angeht: In den modernsten gibt es längst keine Tickets mehr, weil an der Einfahrt das Autokennzeichen geblitzt wird. Beim Rausfahren hält man sein Handy aus dem Fenster. Voilà!

Die Geschwindigkeit, mit der das 21. Jahrhundert den chinesischen Alltag durcheinanderwirbelt, kann einen als Europäer schwindlig machen. Lange war es üblich, einem Geschäftspartner beim ersten Treffen feierlich und mit beiden Händen eine Visitenkarte zu überreichen. Heute scannt man gegenseitig seine WeChat-Codes. Wurden Ersparnisse vor Kurzem noch bei einer Staatsbank angesammelt, verwaltet man sein Portfolio heute über das Smartphone. War es vor ein, zwei Jahren noch einfach, an der Straße ein verbeultes Taxi anzuhalten, fahren leere Droschken nun oft stur vorbei: Sie sind per App längst an einen anderen Ort bestellt.

China erlebt gerade einen Entwicklungssprung, den Techniker und Ökonomen als "Leapfrogging" bezeichnen: Dabei überholt ein zuvor rückständiges Land mit einem Mal die scheinbar fortschrittlichsten Gesellschaften, um sich an die Spitze zu setzen. Die Umwälzung ergreift alle Schichten, Milieus und Altersgruppen. Fast 800 Millionen Chinesen nutzen das mobile Internet, mehr als doppelt so viele, wie die Gesamtbevölkerung der USA zählt.

Für einen Europäer ist Chinas digitaler großer Sprung eine ernüchternde Erfahrung. Er ruft in Erinnerung, wie Deutschland einst an der ersten Industriemacht England vorbeizog und später dann Amerika an Europa. Auf den ersten Blick wirken Peking und Shanghai heute so modern, wie einem Berliner oder Wiener vor hundert Jahren Chicago und New York vorgekommen sein müssen: Überall scheint die Zukunft, die London, Rom oder Madrid gemütlich auf sich zukommen lässt, schon da zu sein.

Das hat etwas Dystopisches. Wenn ich abends von meiner Gasse auf die Hauptstraße gehe, blendet mich ein grelles Licht. So geht es fast allen Bewohnern Pekings: Das Licht ist über der Fahrbahn montiert, um Straße und Gehsteig für eine Überwachungskamera auszuleuchten. Sie zeichnet jede Bewegung auf, identifiziert jedes Auto, jeden Fußgänger.

Die Daten laufen zusammen mit denen von Millionen weiterer Kameras, Bewegungsmelder und digitaler Parkwächter. Sie helfen den Behörden, China und die Chinesen zu vermessen: Wer war wann und wo? Wie viele Menschen halten sich zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort auf - und was folgt daraus für die Verwaltung, die Verkehrsplanung, die Verbrechensbekämpfung?

Nicht nur der Staat sammelt solche Daten. Auch Firmen mischen bei der Vermessung Chinas mit, darunter drei Unternehmen, die so allgegenwärtig sind, dass man sie der Einfachheit halber unter ihren drei Anfangsbuchstaben BAT zusammenfasst: die Suchmaschine Baidu, der Onlinehändler Alibaba und der Internetriese Tencent, der unter anderem die WeChat-App betreibt.

Diese drei Firmen dominieren den Alltag in China so total, wie es im Westen nicht einmal Google und Facebook vermögen. Mit den Apps von BAT tauschen die Chinesen Nachrichten aus, hören, sehen, lesen, spielen, organisieren ihre Reisen, verabreden ihre Arzt-, Friseur- und Mechanikertermine. Längst kaufen sie auch über Alipay und WeChat ein, zahlen sich gegenseitig Geld zurück, begleichen Rechnungen. Die Terabyte an Daten, die sie bei jeder Transaktion hinterlassen, sind für die Unternehmen so wertvoll, dass alle versuchen, so viele Nutzer wie möglich auf die eigene Bezahlplattform zu ziehen.

Als Anreiz arbeiten die Dienste beispielsweise mit Punktesystemen: Seit ich bei Alipay angemeldet bin, habe ich 584 von 900 möglichen Punkten gesammelt - nur eine "moderate" Zahl, woran mich die App regelmäßig erinnert. Das liegt unter anderem daran, dass ich Ausländer bin und nicht annähernd alle Dienste nutze. Würde ich auch einen Kredit aufnehmen und meine Raten pünktlich zahlen, stiege mein Punktekonto schneller an. Dann müsste ich bei manchen Autovermietern keine Kaution hinterlegen oder könnte andere Leistungen in Anspruch nehmen.

Bisher haben Baidu, Alibaba und Tencent sich vor allem darauf konzentriert, den nach wie vor stark wachsenden chinesischen Markt unter sich aufzuteilen. Doch Stück für Stück fangen sie an, über die Grenzen hinauszuwachsen. Bieten ihre Serviceleistungen in Indien und Südostasien an, investieren in europäische Firmen, die Rendite und Know-how versprechen, wie etwa die deutsche Direktbank N26 oder den finnischen Spieleentwickler Supercell. Und testen, wie empfänglich Europäer für Digitaldienste "made in China" sein mögen.

Tencent eröffnete 2017 ein Büro in Mailand und hat fast alle europäischen Luxusmarken auf WeChat geholt. Und Alibaba ist mit seinem blauen Alipay-Logo bereits an vielen Flughafenshops in der EU vertreten, Ende des Jahres wird der Bezahldienst in 20 europäischen Ländern zu nutzen sein. Zwar wenden sich solche Angebote zunächst nur an chinesische Touristen, doch zweifellos schmieden die Leute in den BAT-Chefetagen größere Pläne.

Im Wege stehen den Bezahldiensten dabei allerdings Europas strikte Datenschutzvorgaben: Anders als in China müssten sie Kundendaten konsequent vor Dritten schützen - und Nutzer zunächst davon überzeugen, dass ihre Apps ähnlich vertrauenswürdig sind wie die bei uns übliche EC- oder Kreditkarte.

In China gibt es solche Bedenken nicht, dort wird auch nicht darüber gestritten, ob private Internetfirmen ihre Daten mit dem Staat teilen sollten. Selbstverständlich tun sie das, und den meisten Nutzern ist das auch bewusst. Von Alibaba-Gründer Jack Ma ist der Ratschlag überliefert, ein Unternehmer solle die Regierenden lieben, aber er müsse sie nicht heiraten.

In Wahrheit sind Chinas Regierende und ihre Internetkonzerne längst verheiratet. Nicht aus Liebe, sondern weil sie gemeinsame Interessen verfolgen. Die Regierung schirmt den riesigen Markt gegen ausländische Konkurrenten ab, mit Handelsschranken und Zensur. Und die Unternehmen treiben in diesem geschützten Markt die Digitalisierung voran, mit klugen Softwareingenieuren und großem Gewinn. Zusammen bauen sie China zu einer Digitalmacht auf, die das 21. Jahrhundert prägen wird: konsumorientiert und mächtig, aber unter steter Kontrolle der Kommunistischen Partei und im Dienste ihrer Interessen. Wenn Europa das verhindern will, muss uns bald etwas Besseres einfallen.