Close Encounter: Der Mann, der den 1-Euro-Schein erfand - DER SPIEGEL
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Close Encounter Der Mann, der den 1-Euro-Schein erfand

SPIEGEL ONLINE ist eine Webseite, eine Medienmarke. Aber "SPON", das sind auch die Menschen dahinter. Leser Thilo Figaj traf einen von uns - unfreiwillig und zufällig, in einem kaputten Zug zur Weihnachtszeit. Leser und Redakteur kamen ins Gespräch - und entdeckten, dass man sich ja irgendwie gar nicht fremd ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Noch fünf Minuten, und wir sind im Frankfurter Hauptbahnhof. Hier ist die Endstation des schnellen Zuges, die Reisenden verteilen sich in der riesigen Halle zu ihren Anschlüssen. Ich muss nach Bensheim. Das sollte eigentlich kein Problem sein.

Ein IC mit Reiseziel Berchtesgaden steht auch schon bereit und soll in zehn Minuten abfahren. Der hält in Bensheim. Gut, ein Regionalzug geht erst eine Stunde später und ist viel langsamer. Ich helfe Großeltern mit ihrem vielen Gepäck. Adventszeit macht hilfsbereit. Ein schwarzhaariger junger Mann fällt mir auf. Gut, so jung ist er auch nicht mehr, vielleicht Mitte 30. Der könnte auch noch beruflich unterwegs sein.

Der Zug ist richtig voll, alle Plätze werden besetzt, aber es geht. Trotzdem, irgendetwas stimmt nicht. Das Licht ist aus, die Heizung auch. Dann die Durchsage. Man merkt solchen Ansagen schon am ersten Ton an, schon in der Art des "Guten Tag, sehr verehrte Fahrgäste", dass sie nichts Gutes bringen. So ist es auch diesmal.

Nicht ungewöhnlich: Lok kaputt

Leider, ein Lokschaden. Man versuche, ihn zu beheben, wie lange das dauern könne wisse man nicht. Man bemühe sich auch um eine Ersatzlok. Die sehr verehrten Fahrgäste schweigen erst mal, fünf Sekunden ist es immer völlig still nach solchen Botschaften, dann erhebt sich allgemeines Gemurmel. Ich habe niemanden, mit dem ich murmeln könnte, und so bin ich der Erste, der aufsteht, sein kleines Gepäck schnappt und den Zug verlässt. Gut, dass ich nicht nach München muss oder noch weiter. Dieser Zug fährt heute nur noch hinterher.

Noch mal zum Fahrplan. Es muss doch mehr Züge geben auf meiner Strecke, die in Bensheim halten. Immerhin eine Hauptstrecke. Leider nein. Noch eine Stunde warten, bis der Regionalzug kommt. Der hält dann an jeder Milchkanne. Das hieße: anderthalb Stunden später zu Hause als geplant. Wenn die Anschlüsse nicht passen, wenn der Regionalverkehr nicht bedient wird, dann macht die schnellste Städteverbindung keinen Sinn.

Kommissar Zufall schlägt zu

Der schwarzhaarige Mann hat ebenfalls den Fahrplan studiert. Er möchte nach Heppenheim, in Bensheim am Bahnhof wartet nun ein Abholer auf ihn. Auf dem Gleis gegenüber steht ein ICE, der in die richtige Richtung abfährt, allerdings hält er fahrplanmäßig nur in Darmstadt, dann nimmt er die Mannheimer Route. Ich schlage ihm vor, diesen Zug bis Darmstadt zu nehmen und dann gemeinsam mit dem Taxi nach Bensheim zu fahren. Er zögert. Der ICE wartet aber nicht, er kann jeden Moment abfahren. Ich steige ein.

Der Schwarzhaarige bleibt stehen. Ich stelle meine Tasche zwischen die Beine. Die Mühe, mir für die kurze Strecke von vielleicht zehn, fünfzehn Minuten einen Sitzplatz zu suchen, mache ich mir nicht. Er schaut mich an. Ich zucke mit den Schultern. Dann springt er doch noch auf, die Türen schließen im gleichen Moment hinter ihm und der Zug fährt los.

"Sie können es sich ja in Darmstadt immer noch überlegen, ob Sie auf den Regionalzug warten oder mit im Taxi fahren", sage ich.

"Wie weit ist es denn von Darmstadt nach Bensheim, und was kostet es mit dem Taxi?", fragt er. "Nicht weit. Ich schätze mal, so 20, 30 Euro. Keine Ahnung. Wir können ja fragen. Wenn sich's nicht lohnt, warten wir einfach auf den Bummelzug. Wir haben doch Zeit. Besser als herumstehen."
"Ach so. Ja, genau."

Er sei von Hamburg nach München unterwegs. Weihnachtsurlaub. Na klar. Er arbeite in Hamburg, und seine Eltern wohnen in München. In Heppenheim werde er einen alten Studienfreund besuchen. Nachdem ich mein Woher und Wohin geschildert habe, schimpfen wir gemeinsam über die Bahn.

Meckern auf hohem Niveau

Das hier sei noch gar nichts, meint der Schwarzhaarige, er reise oft mit der Bahn, und letztlich habe er eine Odyssee hinter sich gebracht, in deren Verlauf er zeitweise fürchten musste, irgendwo zu stranden, weil überhaupt kein Zug mehr weiter ging. Das sei ja auch alles kein Wunder, nach der Zerschlagung der Bundesbahn und der Aufteilung der Geschäftsbereiche in unabhängig voneinander arbeitende Gesellschaften. Eine Gesellschaft für die Strecken, die nächste für die Züge, eine für die Liegenschaften, eine für den Betrieb und so weiter. Der Mann kennt sich aus, stelle ich fest. Es ist die Art, wie er es sagt, die Begriffe, die er benutzt.

Jetzt schneit es wirklich. Man kann es deutlich sehen. Der Zug wird langsamer, wir schwanken, auf unserem Drehgestell zwischen den Wagen stehend, in den Bahnhof von Darmstadt hinein. Außer uns steigen nur wenige Fahrgäste aus. Ich muss mich orientieren. Wir prüfen noch mal kurz den Fahrplan. Es bleibt dabei, es ist auch von hier aus so, wir hätten fast noch eine Stunde zu warten. Auf zum Taxistand.

"Fahr' isch Sie für dreissisch", sagt der türkische Fahrer, "is Superpreis."
Wir schauen uns an, nicken und steigen ein, ich vorn, der Schwarzhaarige hinten.
"Ich rechne das ab", sage ich. "Ich bin schließlich geschäftlich unterwegs. Und halbe Quittungen gibt's nicht."

"Das ist aber jetzt sehr nett von Ihnen, vielen Dank."
"Keine Ursache, ist doch Weihnachten."
Er lacht. Der Taxifahrer freut sich mit.

"Was machen Sie denn beruflich, wenn Sie heute noch unterwegs sind?"
Ich erzähle ihm, dass ich auf der Weihnachtsfeier einer meiner wichtigen Kunden war und gebe ihm meine Geschäftskarte. Er reicht mir seine nach vorn: "Wenn Sie mal in Hamburg sind, rufen Sie doch durch. Ich würde mich gern revanchieren. Unsere Kantine wird allgemein gelobt."

"Danke, sehr nett. Ich komme bestimmt einmal darauf zurück." Ich schaue mir die Karte genauer an. "Matthäus", sage ich, "wie der Fußballer. Beim SPIEGEL sind Sie?" "Online. SPIEGEL ONLINE, die Website."
"Das ist ja interessant. Das ist meine absolute Lieblingsseite. Ich bin bestimmt zehnmal am Tag drauf, ich lese fast alle Nachrichten nur da. Was machen Sie genau?"
"Ich bin Wirtschaftsredakteur."
"Donnerwetter."

Da fällt mir etwas ein. Vier oder fünf Tage zuvor hatte es einen Artikel bei SPIEGEL ONLINE gegeben, der den Wunsch der Italiener behandelte, als kleinste Note den 1-Euro-Schein einzuführen.

Die Italiener sind kein Münzgeld mehr gewohnt, vor allem ihren Espresso mit großen Scheinen zu bezahlen fällt schwer, wenn umständlich auf die Herausgabe von Kleingeld gewartet werden muss. Jetzt fehlt ihnen diese nonchalante Geste des Bezahlens, wie sie sich über Jahre eingebürgert hat, wenn Kaffee oder ein Croissant bezahlt werden, und ein oder mehrere 1000-Lire-Scheine die dafür passende Barschaft waren. Auf Wechselgeld konnte mit italienischer Grandezza verzichtet werden.

Der SPIEGEL hatte seinen Artikel mit der Grafik eines 1-Euro-Scheines geschmückt. Mit einem Brötchen drauf. Statt eines Espresso könnten wir Deutschen doch genauso nonchalant unsere Brötchen mit dem 1-Euro-Schein bezahlen.
Unter der Grafik stand:

Nicht ausdrucken. Falschgeld.

Im zweiten Teil: Kollege Matthäus hat eine Begegnung mit der eigenen Arbeit, Leser und Autor Figaj ein Aha-Erlebnis. Die Welt ist klein und manchmal wird beim Pläuschchen im Taxi das Online-Publishing zur Zwei-Wege-Kommunikation. Weiter...

Ich hatte den Schein natürlich sofort ausgedruckt. Allein des Falschgeldes wegen. Jetzt greife ich in mein Jackett zum Portemonnaie und ziehe den Brötchen-Euro hervor:

"Sehen Sie, so genau lese ich Ihre Seite", und reiche dem SPIEGEL-ONLINE-Mann das Papierchen nach hinten.

Für eine Weile ist im Wageninneren nur die Arbeit der Scheibenwischer zu hören, bei ihrem Bemühen, die nassen Flocken an die Ränder der Frontscheibe zu drücken. Der Schnee beginnt, auf der Fahrbahn liegen zu bleiben, noch halten die Reifen der wenigen Autos Asphaltkontakt in wässrigen Spuren. Trotzdem, es wird Zeit, nach Hause zu kommen.

"Donnerwetter", kommt es dann von hinten. "Der ist von mir. Die Story ist von mir. Der Brötchen-Euro! So was. Das ist ja wirklich ein Ding." Er lacht.
"Da sehen Sie mal, dass Ihre Leser nicht virtuell sind."
"Echt wahr. So was. Wenn ich das in der Redaktion erzähle. Unglaublich."
Er schüttelt den Kopf und freut sich. Ich freue mich auch. Der Taxifahrer freut sich mit.

Am Bensheimer Bahnhof trennen sich unsere Wege. Wir wünschen uns ein frohes Fest und verabreden ein Mittagessen im neuen Jahr in der Kantine des SPIEGEL. Das Taxi bringt mich zu meinem Firmen-Parkplatz. Ich rechne mit dem Fahrer ab, und dabei kommt mir der Brötchen-Euro wieder in die Finger, den ich zwischen die Scheine gesteckt hatte. Ich habe eine Idee. Für was wäre er eigentlich besser geeignet, denke ich, als hier und heute für diesen netten Fahrer als Trinkgeld. Niemals hätte ich gedacht, dass der Schein für irgendetwas gut sein könnte. Dieses Souvenir kann ich mir ja jederzeit wieder aus dem Internet holen. Und so lege ich den Schein auf den vereinbarten Obolus obenauf.

Der Gute schaut mich verständnislos an, seine Laune scheint um Nuancen einzutrüben. Dachte ich es mir doch. Ich lege ein paar Münzen nach. Jetzt grinst er wieder. Ist offenbar richtiger. Mir soll's Recht sein. Bleibt die Anekdote nur durch zwei zu teilen.

Epilog

Bevor ich meinen Wagen abfege und nach Hause fahre, gehe ich hinauf in mein Büro, fahre den Rechner hoch und rufe die Post ab. Einmal noch kurz auf die SPIEGEL-Seite und Nachrichten lesen. Ach ja, der 1-Euro-Schein, den sollte ich mir wiederholen. Damit lässt sich die Anekdote doch viel besser erzählen.

Ich schaue auf die Wirtschaftsseite. Aber er ist weg, der Euro. Verschwunden im Nirwana alter Daten.

Es hat aufgehört zu schneien. Viel war es ja nicht, aber ausreichend, um die Landschaft weihnachtswinterlich einzukleiden. Ich genieße die klare und kalte Luft, ich atme sie tief ein und freue mich am Knirschen des locker gefallenen Schnees unter meinen Schuhen.

Außer meinen eigenen Fußspuren ist nur die Einfahrt des Taxis frisch, und in vollkommener Präzision des Reifenprofils in die leere, weite Parkplatzfläche geprägt. Neben dem Aufschwung der Spur, am Wendepunkt des Wagens, dort wo die Parallelen sich in sich selbst schneiden, schimmert zart etwas Bläuliches im Weiß des Schnees.

Mein 1-Euro-Schein.

Thilo Figaj