Copyleft und Open Source Zwischen Kommerz und Mythos
"Fotografen, Musiker, Screendesigner und Autoren, beendet die schmähliche Sklaverei durch Rechteverwerter!" Der Homo digitalis glaubt wie seine Vorfahren an eine bessere Welt durch eine andere Werteordnung. Fernab der dogmatischen Auseinandersetzung zwischen Tauschökonomen und Geschenkökonomen entwickeln sich im Netz tatsächlich funktionale Märkte.
Teil 1: Berühmt durch Geschenke
Free Software - für den Begründer dieser Bewegung, Richard Stallman, ist die Idee zum philosophischen Lebensmotto geworden. Als Mitarbeiter des Massachusetts Institut of Technology (MIT) in Boston war er es gewohnt, Rechner mit einem offenen Betriebssystem geliefert zu bekommen. Wissenschaftler in aller Welt passten das System auf ihre Bedürfnisse an, schickten sich gegenseitig ihre Veränderungen und Funktionsmodule zu. Doch nach der Zerschlagung des US-Telefonriesen AT&T im Jahre 1984 wurde die Grundlage des Unix-Betriebssystems kommerzialisiert und der Quellcode gesperrt.
Stallman erstellte ein neues Betriebssystem und nannte es trotzig GNU, was so viel heißt wie "Gnu is Not Unix".
Um diese offene Plattform vor einer kommerziellen Enteignung zu schützen, erfand er die GNU General Public Licence und gründete die Free Software Foundation . Seine Lizenz basiert vor allem darauf, dass jeder ein Programm nutzen, kopieren, verbreiten und modifizieren darf, solange er den so entstandenen Quellcode ebenfalls offen lässt und keine Eigentumsrechte daran geltend macht.
Copyleft: Eine wirtschaftliche Anomalie?
Für diese Philosophie wurde schließlich auch der Begriff des Copyleft geprägt und die GNU Public Licence, kurz GPL, entwickelte sich zum Auslöser einer Geschenke-Ökonomie, die alle im Internet kursierenden Werke betrifft. Die bloße Existenz einer selbst erklärten Kultur des Gebens ohne gewinnstrebendes Interesse stellt den Schutz des Urheberrechts in Frage und unterläuft das Unrechtsempfinden des Netzsurfers.
Die kommerzielle Verwertung eines Produktes benötigt nicht nur eine mit Zahlungswillen verbundene Nachfrage, sondern auch eine Knappheit, an der sich ein Preis nach Angebot und Nachfrage ausbilden kann. Das Internet bringt den klassischen Handel durch ein rigoroses Überangebot an ähnlichen, kostenlos angebotenen Waren in eine instabile Lage. Da sich die Funktion einer nicht marktpreisorientierten Warenwirtschaft mit den geltenden Paradigmen nicht erklären lässt, kann man von einer Anomalie sprechen .
Doch die wirtschaftliche Störkraft dieser Cyberkultur ist umstritten. Stallman, der ewige Messias der Bewegung, erklärt, Free Software stehe für Freiheit, nicht für Freibier und muss also nicht kostenlos sein. Damit versucht er sich ungelenk von Hardlinern in den eigenen Reihen zu distanzieren, die in der Copyleft-Idee ein Paralleluniversum zur Installation eines digitalen Marxismus sehen wollen.
Gestaltungsräume für Künstler
Das Copyleft zieht heute vor allem Künstler in ihren Bann. So auch den jungen Pariser Studenten Jérémie Zimmermann , der durch sein digitales Fotoalbum im Netz unvermittelt zur neuen Pariser Kunstszene gerechnet werden kann: "Nehmen wir an, ich habe einen leckeren Apfelkuchen. Da möchte man doch jedem ein Stück zum Probieren anbieten. Mit dem Internet kann ich nun den halben Kuchen verschenken, ohne dass mir auch nur ein Stück verloren geht." Wie Zimmermann entscheiden sich immer mehr Künstler für das Copyleft, um ihre Arbeiten publik zu machen.
Mit oder ohne Copyleft, die globale Selbstvermarktung macht das Netz zur Alternative zum Verlag. Allein dieser Umstand stärkt die Position des Urhebers, so die Theorie.
Der Soziologe Hans Genser von der Universität Zürich warnt die Urheber dennoch vor den glänzenden Verlockungen des Internet. Dabei lässt sich erkennen, dass er mit der Idee des Copyleft durchaus sympathisiert, ohne allerdings auch auf die sozioökonomischen Probleme der "prekären Lage geistigen Eigentums im Cyberspace" hinzuweisen: "Zusammenfassend ließe sich sagen, dass ein Autor heute mit dem Akt der Veröffentlichung in fundamentalerer Weise als früher die Kontrolle über sein Werk verliert. Anstatt bloß die Kontrolle darüber aus der Hand zu geben, wer sein Werk rezipiert (und allenfalls an persönliche Bekannte weitergibt), droht er heute zusätzlich jeglichen Einfluss darauf zu verlieren, wer es kopiert, massenhaft weiterverbreitet, nach eigenem Gutdünken modifiziert, in seine Teile zergliedert oder mit Elementen anderer Werke rekombiniert."
Im zweiten Teil: "Lob statt Gehalt"
Die Verfechter der Open Source plädieren für eine andere, transparentere Software-Welt, in der das Wissen um die Funktionen von Programmen von niemandem mehr monopolisiert werden darf. Trotzdem gelingt es der Open-Source-Bewegung, profitable Produkte zu produzieren.