Cyber-Terrorismus "Die Bedrohung entsteht durch ungeeignete Systeme"
SPIEGEL ONLINE:
Warum sind mögliche Cyberterroristen so gefürchtet?
Andy Müller-Maguhn: Weil Information Warfare, was man wohl als Oberbegriff für Aktivitäten wie Cyberterrorismus verwenden muss, in der Tat im Vergleich zu konventioneller Kriegsführung extrem billig, standortunabhängig und mit relativ wenig Personal durchführbar ist.
SPIEGEL ONLINE: Sicherheitsexperten in den USA befü>rchten, Angriffe könnten großen Schaden anrichten und eventuell sogar Menschenleben kosten, wenn Terroristen etwa mit Hilfe des Internet Energieversorgungs- und Kommunikationsnetze oder andere, so genannte kritische Infrastruktur ausschalten.
Müller-Maguhn: Natürlich lässt sich die Verfügbarkeit von Anlagen und Diensten, die über das Internet abgewickelt werden, durch Angriffe verschiedenster Art einschränken. Zumindest in Deutschland sind sich die meisten Anwender dieser Gefahren wohl bewusst. Das heißt, sie betreiben keine kritischen Infrastrukturen über das Internet. Ich kann aber nicht ausschließen, dass die Situation in den USA partiell anders gelagert ist. Hier mangelt es oft an einer kritischen Herangehensweise beim Einsatz neuer Technologien.
SPIEGEL ONLINE: Ist der Cyberterrorismus demnach wirklich eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA?
Müller-Maguhn: Die Gefährdung einer nationalen Sicherheit oder von Menschenleben kommt durch den unbedarften Einsatz hochanfälliger und damit völlig ungeeigneter Systeme zu Stande. So etwas wie Cyberterrorismus ist nur ein mögliches Symptom. Die großen Probleme entstehen dann, wenn eine Firma, Institution oder eine staatliche Behörde beim Einsatz von Computernetzen grob fahrlässig handelt.
SPIEGEL ONLINE: Ein Experte für Cyber-Terrorismus des National Security Councils hat in der "Los Angeles Times" folgendes Horrorszenario gezeichnet: Mit wenigen Hacker-Kenntnissen und einem Telefon könne ein Terrorist ein Dutzend Radiosender anrufen und behaupten, dass Milzbranderreger in New Yorks Grand Central Station verteilt worden sind. Daraufhin könne er die Computer-Netzwerke, die für die Stromversorgung zuständig sind, sowie die Kommunikationseinrichtungen von Polizei und Feuerwehr lahm legen. Panik in der Bevölkerung wäre die Folge. Ist das wirklich so leicht?
Müller-Maguhn: In Europa ist mir auf Grund der generell ausgeprägteren kritischen Herangehensweise eine Steuerung von kritischen Infrastrukturen wie der Stromversorgung durch an das Internet angeschlossene Systeme nicht bekannt. In den USA mag das teilweise anders aussehen. Das Hauptproblem bei wichtigen Computernetzwerken dürfte allerdings auch nicht die Angriffsfläche durch Anschluss an offene Netze wie Telefonmodems oder Internet sein. Besorgnis erregender sind die teilweise extrem zentralistischen Strukturen und eine entsprechende Gefährdung durch Innentäter.
SPIEGEL ONLINE: Die US-Regierung hat mit dem "Patriot Act" ein hartes Gesetz gegen Hacker auf den Weg gebracht. Der Angriff auf einen Regierungscomputer gilt künftig als terroristischer Akt. Ist dieser "Patriot Act" die richtige Antwort auf den Cyberterrorismus?
Müller-Maguhn: Die von der US-Regierung im Bezug auf die Gefährdung des Internet durchgeführten Maßnahmen gehen schon eine ganze Zeitlang in die falsche Richtung. Bereits mit dem Gründung des National Infrastructure Protection Center (NIPC) wurde ein Weg eingeschlagen, der mit dem "Patriot Act" quasi zementiert wurde. Statt den Betreibern von Systemen Informationen und Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie die Systeme sichern können, werden Teile der Internetkommunikation unter Überwachung gestellt, mit der Begründung, man könne so Früherkennung und -warnung vor Angriffen durchführen. Mitunter bekommt man den Eindruck, die hier eingesetzten Konzepte stammen von Leuten, die vorher im Militär Konzepte für die Abwehr von Raketenangriffen entwickelt haben.
SPIEGEL ONLINE: Führt der eingeschlagene Weg der US-Regierung also eher zur Überwachung der breiten Bevölkerung? Oder kann eine einzelne Person wirklich ein Land durch einen Hackerangriff in ernste Probleme bringen?
Müller-Maguhn: Es gibt natürlich Unternehmen und Institutionen, die sich relativ fahrlässig vom Funktionieren einzelner Systeme abhängig machen. Dadurch können sie leicht über das Internet angegriffen werden. Das dürfte allerdings eher ein geringer Prozentsatz sein. Entscheidend bei der jetzigen Diskussion scheint mir weniger die Gefährdung durch Hacker zu sein als die Bedrohungen durch den Einsatz nicht-transparenter Technologie im Zusammenhang mit dem Einsatz von vernetzten Computern über das Internet in kritischen Bereichen. Ein weitaus höherer Schaden ist zu befürchten, wenn die jetzige Situation dazu ausgenutzt wird, Überwachungsbefugnisse auszuweiten und Verschlüsselungsmöglichkeiten einzuschränken. Die plakative Argumentation, ein einzelner Hacker könne ein ganzes Land herunterfahren, dürften wohl eher Werbeargumente von Sicherheitsindustrie und Geheimdiensten sein, ihre Budgets beziehungsweise Befugnisse auszuweiten.
SPIEGEL ONLINE: Wie wahrscheinlich ist nun Ihrer Meinung nach ein computerbasierter Angriff über das Internet?
Müller-Maguhn: Das Gefährdungspotenzial der am Internet angeschlossenen Systeme ist bereits durch Vorgänge in der Vergangenheit hinreichend dokumentiert.
Die Fragen stellte Sabrina Ortmann