CyberBytes Euphoriebremse für den Online-Musik-Markt
Vergangene Woche schlug für viele amerikanische Unternehmen aus der Hightech- und Internet-Branche mal wieder die Stunde der Wahrheit - und zwar die der Quartalszahlen. Allenthalben hätte die Stimmung wohl kaum schlechter sein können. Selbst Branchenriesen wie IBM, Sun Microsystems oder Microsoft präsentierten verhagelte Bilanzen. Trotz Hoffnungsschimmer seitens Apple und Compaq rutschte der Nasdaq fast fünf Prozent ab.
In dieses Bild passt eine Meldung von Jupiter Media Metrix. Auch der eigenem Bekunden nach weltweit führende Internet-Marktforscher nutzte die wieder mal so pessimistische "Berichtssaison" zu einem Tritt auf die Euphoriebremse - und zwar in der Online-Musiksparte.
Die New Yorker korrigierten ihre Prognosen zum Umsatzvolumen des Internet-Musikmarktes deutlich nach unten: In vier Jahren sollen nicht wie ursprünglich sehr optimistisch angenommen 6,2 Milliarden US-Dollar, sondern nur 5,5 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden.
Im vergangenen Jahr soll das Webmusik-Genre tatsächlich schon Umsätze in Höhe von 900 Millionen US-Dollar generiert haben. Sie lesen richtig, 900 Millionen US-Dollar. Kaum vorstellbar angesichts der Tatsache, dass die ersten von den Majorlabels autorisierten Abo-Webmusikdienste erst im Dezember an den Start gingen: Die müssen ja Heerscharen von Kunden haben.
Sei's drum. Die Negativ-Korrektur kommt jedenfalls alles andere als überraschend. Schließlich sei die US-Wirtschaft deutlich rezessiv und die Entertainment-Budgets der Konsumenten entsprechend schmaler, so die Jupiter-Analysten. Doch neben den weiterhin florierenden kostenlosen Peer-to-peer-Piratendiensten sind wohl vor allem die so mauen Starts der viel gescholtenen Kommerz-Napster für die gebremsten Prognosen verantwortlich.
Dabei mühen sich Pressplay, MusicNet/RealOne oder auch das San Franciscoer Indie-Musikportal Listen.com derzeit redlich. Letztere E-Music-Initiative durfte nun etwa erneut einen echten Trumpf präsentieren: Mit Sony konnte Listen.com neben EMI und BMG die dritte Major-Plattenfirma für seinen "Rhapsody"-Dienst gewinnen. Damit hat nun auch das Letzte der fünf großen Labels seinen Musikkatalog an eine Independent-Web-Company lizenziert. +++
Napster: Betaversion sehr "technologisch fokussiert"
Auch beim Urheber der ganzen MP3-Revolution, Napster, laufen derzeit die Lizenzierungsdeals auf Hochtouren. Jüngsten skeptischen Äußerungen im Rahmen eines Branchentreffens zum Trotz sind die Napster-Verantwortlichen optimistisch, bald Content-Partner aus der Unterhaltungsindustrie im Boot zu haben.
Napster-CEO Konrad Hilbers scheint momentan sogar derart durch Verhandlungen mit den Musikverlagen ausgelastet, dass er bis März keine Interviews mehr gibt. Da soll der File-Sharing-Methusalem endlich sein Revival feiern. Derzeit sind Medienvertreter selbst als Betatester unerwünscht. Zu "technologisch fokussiert" sei der derzeit mit ausgewählten Nutzern laufende "Trial", so die offiziellen Töne aus Redwood City.
Müssen wir uns eben mal wieder mit ein wenig Tech-Geheimniskrämerei begnügen. Seit den (Marketing-)Erfolgen des Segway Human Transporters alias Ginger, der Set-top-Box Moxi oder des neuen iMac ist diese Masche so oder so mächtig angesagt. Alle drei verstanden es in den letzten Wochen brillant, durch keine oder nur minimale Info einen ordentlichen Vorab-Hype zu entfachen.
Ob Napster ein ähnliches Kunststück gelingen wird, ist fraglich. Die Peer-to-peer-Community interessiert sich für den File-Sharing-Opa längst nur noch historisch. Dabei hatten die Napster-Manager erst jüngst angekündigt, gerade den P2P-Gedanken unbedingt fördern zu wollen - spiegele dieser Ansatz doch den "Spirit" der Napster-Gemeinschaft wider. Nach monatelangem Gerichtsgeplänkel, Filtertheater und Revivalspekulationen sind die Digi-Musikfans längst entnervt abgewandert - und das nicht zur inhalts- und konzeptionsschwachen Abo-Konkurrenz, sondern zu Gratis-Filesharing-Diensten à la Morpheus. Das Gerangel im Online-Musikgeschäft bleibt für Beobachter weiter mächtig spannend, weniger allerdings für das erfolgsverwöhnte Unterhaltungsbiz: In absehbarer Zeit sind in Cyberia wohl kaum große Profite zu realisieren. Wetten, dass Jupiter Media Metrix nicht seine letzte Prognose zur Webmusikbranche nach unten korrigiert hat?