Cyberbytes: Fliegende Untertasse mit Lenkstange - DER SPIEGEL
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Cyberbytes Fliegende Untertasse mit Lenkstange

Willkommen im Post-"Ginger"-Zeitalter: Der Segway Human Transporter ist out, es lebe das Airboard für 18.000 Dollar +++ E-Books: Game over für die Digi-Schmöker +++ Neues an der Online-Musikfront: Labels begreifen das Ticken der Web-Community
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum zu glauben, aber es gibt tatsächlich noch abgefahrenere Transportvehikel als den Segway Human Transporter, der bis Anfang des Monats unter dem Alias "Ginger" die Technikwelt zu kühnsten Science-Fiction-Tagträumereien veranlasste.

Doch Dean Kamens Erfindung ist längst Schnee von gestern. Im Januarkatalog des amerikanischen Versandhändlers "Hammacher Schlemmer" wird als neuester Transport-Schrei das Airboard offeriert. Dieser "Personal Hovering Scooter" gleicht einer fliegenden Untertasse mit Lenkstange und basiert in etwa auf demselben Prinzip wie ein Luftkissenboot.

Allerdings kann man sich mit dem Airboard auch zu Lande fortbewegen - und das immerhin mit Spitzengeschwindigkeiten von 15 Meilen pro Stunde. Gesteuert wird das spacige Gefährt durch Gewichtsverlagerung. Die Idee für das ungewöhnliche Transportgerät haben die australischen Erfinder Michael J. Fox' fliegendem Skateboard aus "Zurück in die Zukunft" abgekupfert.

Und was hat dieser Spoof bitte in der Netzwelt verloren? Gegenfrage: Was hatte Ginger hier verloren? Mal ganz abgesehen vom zweifelhaften Nutzwert, hat das Airboard schließlich auch preislich "Ginger"-Potenzial: Mit 18.500 Dollar ist auch das Luftkissen-Vehikel ein kaum erschwingliches Yuppie-Spielzeug. +++

Game over für die Digi-Schmöker

Was haben wir im Zeitalter des kommerziellen Internets nicht schon für viel versprechende Online-Geschäftsmodelle präsentiert bekommen. Auf der Suche nach dem "next big thing" galten E-Books die letzten zwei Jahre als Killer-Applikation. Mal abgesehen von Pleitenmeldungen, ist es inzwischen ziemlich ruhig geworden um die Digi-Schmöker.

Mit MightyWords schließt nun erneut ein hoffnungsvoller Online-Buchverlag seine virtuellen Pforten. Dabei hatte die Webfirma aus Santa Clara einst selbst Horrorschreiber Stephen King zur Publikation seiner E-Novellen "Riding the bullet" und "The Plant" inspirieren können. Bekanntermaßen floppten allerdings auch diese ambitionierten Versuche ordentlich.

"Wir konnten einfach nicht genügend Bücher absetzen", kommentierte ein sichtlich frustrierter MightyWords-CEO Chris MacAskill den Rückzug seiner Firma. Beliebtester Download aus dem 30.000-E-Book-Portfolio war eine weniger amüsante - dafür aber kostenlose - Essaysammlung zum amerikanischen Grundgesetz.

"Die Konsumenten sind einfach noch nicht bereit für elektronische Bücher", spricht MacAskill der Szene aus der Seele: Vor knapp zwei Wochen hatte auch AOL Time Warner bei seiner höchst defizitären E-Book-Unit den Stecker ziehen und die gesamte Abteilung auflösen müssen. Ergo: Wir warten weiter gespannt auf das "real next big thing". +++

Labels begreifen das Ticken der Web-Community

Und was gibt's Neues an der Online-Musik-Front? AOL hat angekündigt, die Betaversion seines Webdienstes MusicNet 1.0 freizuschalten. Ebenso wie der vorvergangene Woche gelaunchte RealOne-Service basiert der AOL-Ableger auf dem MusicNet-Joint-Venture von EMI, BMG, AOL-TW und RealNetworks. Der offizielle Startschuss für den ebenfalls zehn Dollar teuren Abodienst soll im Januar fallen.

RealNetworks hat derweil einen Deal mit dem in die HP-Fusionsmangel geratenen PC-Hersteller Compaq vereinbart. Der RealOne-Player wird künftig als Standard-Media-Player auf Compaq-Rechnern vorinstalliert. Compaq promotet im Gegenzug den Real-Abomusikdienst. RealNetworks hat die Extrareklame bitter nötig, aller Voraussicht nach startet diese Woche schließlich Pressplay. Das Sony-Universal-Gemeinschaftsprojekt hat vor einigen Tagen angekündigt, im Gegensatz zu RealOne das Brennen von Musikstücken auf CD zuzulassen.

Na also, geht doch. Selbst wenn die Auswahl deutlich limitiert sein wird, ist dies immerhin mal ein positives Zeichen. Die Musikindustrie beginnt allmählich zu begreifen, wie Webmusikfans ticken: Mal ganz abgesehen davon, dass es Millionen User gibt, die gerne unterwegs Musik hören, verbinden viele Musikliebhaber ihr Hobby nun mal mit dem Sammeln ihrer favorisierten Tracks. Pressplay scheint das im Gegensatz zu Real verinnerlicht zu haben - von AOLs MusicNet ist dergleichen dagegen kaum zu erwarten.