Cyberkino Web-Video mit Hindernissen
Hollywood und das Netz. Seit Jahren gestaltet sich diese Beziehung als scheinbar unendliche Geschichte ohne Happy-End. Zaghaft bemühen sich nun jedoch immer mehr Studios um eigene Online-Filmdienste. Allen voran Sony: Der Unterhaltungsmulti will im Herbst den Web-Service MovieFly lancieren, über den Hunderte Streifen aus dem eigenen Hause sowie von Universal und voraussichtlich 20th Century Fox online bestellt werden können. Die Movies werden "on demand" via Internet geliefert - der Gang zur Videothek sollte damit eigentlich überflüssig werden.
Die Betonung liegt allerdings auf eigentlich: Um tatsächlich mit dem Videoladen um die Ecke konkurrieren zu können, müsste Sony ein vergleichbares Sortiment offerieren können. Genau an dieser Vorgabe scheiterte der einst für dieses Frühjahr anvisierte MovieFly-Launch.
Sony, das sich mit dem Online-Angebot eigenem Bekunden zufolge um einen De-facto-Standard im Web-Videomarkt bemüht, war es nicht gelungen, unter den Studios ausreichend Lizenzpartner zu gewinnen. Technisch lief der Dienst im Testbetrieb vergangenen Sommer dagegen einwandfrei.
Die führende US-Videokette Blockbuster Video hatte Ende vergangenen Jahres mit einem Video-on-demand-Pilotprojekt ähnliche Erfahrungen machen müssen. Gerade mal eine Handvoll Filmhäuser hatte Verwertungsrechte abgetreten - darunter etwa Artisan, Metro-Goldwyn-Mayer, Trimark und Lion's Gate. Im Februar konnte mit Universal wenigstens noch ein Major-Studio für den Probe-Service gewonnen werden.
"Aktive" Deals mit anderen Studios
Zu wenig Content - zu wenig Potenzial für Web-Videodienste. Darüber sind sich nicht nur Analysten, sondern auch die Sony-Manager einig: Der Elektronikriese arbeitet nun mit Hochdruck daran, Online-Filmlizenzen zu erwerben. Wie Yair Landau, Präsident von Sony Pictures Digital Entertainment (SPDE), jüngst auf dem Streaming-Media-West-Branchentreffen in Long Beach verlauten ließ, laufen derzeit "aktive Verhandlungen mit anderen Studios". Für Herbst plant SPDE zudem, unter dem Namen Screenblast ein Do-it-yourself-Unterhaltungsportal zu starten.
Welche Partner Landau demnächst präsentieren kann, wird nicht nur in Hollywood mit Spannung erwartet. Anstatt Inhalte an Konkurrenten wie eben Sonys MovieFly zu lizensieren, haben viele Filmfirmen in den vergangenen Monaten eigene Cybermovie-Initiativen auf den Weg gebracht.
Beispiel Disney: Die Micky-Maus-Company arbeitet mittlerweile nicht nur mit Erzrivalen Viacom daran, die Möglichkeiten des digitalen Filmvertriebs auszuloten, sondern experimentiert auch mit webbasierten Video-on-demand-Systemen für Wireless-Set-top-Boxen.
Die Universal Studios vereinbarten bereits im Frühjahr eine mehrjährige Allianz mit dem Online-Videodienst Intertainer - die Broadband-Firma aus Los Angeles konnte sich immerhin bereits Filme von Warner Bros., Disney, DreamWorks, Sony, Miramax sowie 20th Century Fox sichern.
Seit Monaten machen auch der Disney-Ableger Miramax und der Cyberkino-Pionier Sightsound gemeinsame Sache. Anfang des Jahres hatten die Partner mit dem ersten legal aus dem Netz downloadbaren Hollywood-Blockbuster, "Guinevere", für Schlagzeilen gesorgt. Zwölf weitere - bereits im April 2000 großspurig angekündigte - Online-Movies lassen bislang noch auf sich warten.
Das alte Dilemma: die Bandbreiten
Wen wundert's, sagen Kritiker. Das Cyberkino steckt schließlich nach wie vor in den Kinderschuhen - was sowohl konzeptionell als auch technisch gilt. Viele Studios müssen erst noch die Position ihrer Digi-Video-Initiativen in der Filmvermarktungskette definieren. Geklärt werden muss etwa, inwieweit bestehende Geschäftsbeziehungen zu Kabelfernsehanstalten, Pay-TV-Sendern oder Videofilmvermarktern tangiert werden.
Auf technischer Ebene mangelt es weiterhin vor allem an Bandbreite. Selbst in den USA surfen optimistischen Studien zufolge weniger als acht Millionen User mit Highspeed. In Deutschland wollen NFO Europe/Infratest Burke nicht mehr als 750.000 Breitband-Nutzer ausgemacht haben. Wie dringend die Webfilm-Kultur jedoch "schnelle Leitungen" benötigt, zeigt folgendes Exempel: Der Download eines 100-Minuten-Spielfilms - stark komprimiert immer noch gut 500 Megabyte groß - benötigt selbst mit einer 2-Mbit-DSL-Verbindung eine halbe Stunde.
Droht die "Napsterisierung" Hollywoods?
Cyberfilmpiraten schreckt dies jedoch keinesfalls. US-Studien sprechen schon seit Monaten davon, dass via Video-Tauschbörsen im Internet täglich mehr als 400.000 Streifen illegal kopiert werden. Dem Film-Biz droht ein ähnliches Millionen-Desaster wie den Entertainmentkollegen aus der Musikbranche.
Auch wenn aktuell etwa eine Untersuchung der DG Bank keine unmittelbare "Napsterisierung" der Filmindustrie sieht, scheint rasches Handeln unabdingbar - Hollywood begnügte sich bislang allerdings mit Ankündigungen. Noch im Januar hatte Jack Valenti, Präsident der mächtigen Motion Picture Association of America, versichert, dass gleich mehrere Studios im ersten Halbjahr 2001 Internet-Unternehmungen starten würden. Je länger die Filmfirmen nun den Launch eigener Webdienste hinauszögern, desto schwieriger wird es, das illegale Digi-Filmtauschtreiben in Zaum zu halten.