Daneben Hacker schießen Website der Taliban-Gegner ab
"Defacements", die optische Veränderung bestehender Websites, sind für viele Hacker eine Art Sport. Zunehmend wird das Defacement aber auch zu einem populären Mittel des politischen Protestes. Pakistanische und indische Hacker lieferten sich wahre Defacement-Wettbewerbe, aufgehängt am Kaschmir-Konflikt; israelische und palästinensische Hacker sammelten veränderte Websites des politisch-ethnischen Gegners wie Trophäen und chinesische und amerikanische Hacker führten einen halb spielerischen "Cyberwar", indem sie die Zahl der gehackten Seiten des Gegners als Punkte zählten. Wenn es ganz hart zugeht, greifen Hacker zum Mittel der Denial-of-Service-Attacke: DoS-Angriffe lassen Webserver völlig in die Knie gehen.
Seit der Terrorattacke vom 11. September gehören islamische Seiten, und hier insbesondere solche, die einen Bezug zu Afghanistan haben, zu den beliebtesten Zielen der Hacker und Defacer. Mit wahrem Feuereifer wird da gehackt: Die offizielle Website der Taliban ist seit Wochen überhaupt nur zufällig einmal in unveränderter Form zu sehen. Spätestens wenn Amerika erwacht, erfährt die Taliban-Website phantasievolle bis hasserfüllte Veränderungen.
Ein Schicksal, dass in den letzten Tagen auch die Website der offiziellen afghanischen Regierung teilte. Übereifrige Hacker hatten sich "verschossen" - was in den letzten Wochen wohl kein Einzelfall war.
Jalaluddin Rabbani, Leiter der Website, wendet sich zur Zeit in einem Editorial an die surfende Gemeinde, wo einst seine Website war: Noch immer kann die afghanische Regierung nicht mehr bieten, als eine weiße Textseite mit Kommentaren zu den Hacks der letzten Tage. Rabbani: "Wir haben ignorante und verstörende E-Mails von Besuchern bekommen, die nicht zwischen den Taliban, Osama Bin Laden und der offiziellen Regierung Afghanistans unterscheiden können, die die Taliban seit sechs Jahren bekämpft. Aus diesem Grund sind wir gehackt worden und waren seit letzter Woche offline."
Jetzt ist die Seite wieder da, wenn auch nur in rohem Design. Inhaltlich ist die Sache dagegen interessant: Mehr als das Editorial und einige Briefe sind dort zwar nicht zu sehen. Die jedoch stammen angeblich von Amerikanern, die sich an E-Mail-Aktionen oder Hacks gegen die Seite beteiligt hatten. "Entschuldigen Sie", heißt es in einer E-Mail, "wir haben Sie in unserer früheren E-Mail falsch identifiziert. Doch Kollateralschäden sind in jedem Krieg unvermeidlich."
Die meisten der Absender fühlen sich offenbar als Kombattanten in einer virtuellen Variante eines nicht offiziell erklärten Krieges gegen Afghanistan. Wenn hingegen die von Präsident George W. Bush auf den Weg gebrachte neue Anti-Terror-Gesetzgebung in Kraft tritt, würden die Hacker unter diesen Briefschreibern von den amerikanischen Behörden in erheblichem Maße anders gesehen: Die Gesetzesvorlage kriminalisiert Hacker generell als "Terroristen".
Das ist offenbar auch manchen der Briefschreiber bewusst - und kümmert sie nicht im Geringsten. Skip und Sharon Miller zeichnen ihre Zuschrift mit vollem Namen und vergessen auch nicht, interessierte Leser ihres Briefes in einem "P.S." zu grüßen: "Hallo FBI".