Das Beispiel Bill So wird man Ritter
Dereinst mag ein "Ritter" jemand gewesen sein, der schwer gerüstet durch die Welt zog und seiner Sache mit dem Schwert in der Hand zum Durchbruch verhelfen wollte. Auch diese Beschreibung würde auf William Gates III., genannt "Bill", durchaus zutreffen - aber aus solchen Gründen wird heute niemand mehr Ritter.
Ritter ist heute vielmehr ein Ehrentitel, mit dem die englische Queen In- und Ausländer auszeichnet, die sich irgendwie um Großbritannien verdient gemacht haben.
Das, verkündete am Montag kein Geringerer als der britische Außenminister Jack Straw , treffe auf Gates zu, da er in Großbritannien nicht nur 2000 Arbeitsplätze geschaffen habe, sondern auch ein mehr als 210 Millionen Dollar schweres Stipendienprogramm an der Universität Cambridge fördere und überhaupt viel zur "Verringerung der Armut in der Welt" getan habe.
Da hebt Gates mit seinem geschätzten Privatvermögen von 46 Milliarden Dollar zwar einwandfrei den Durchschnitt, aber das ist nicht gemeint: Der umstrittene Softwaremogul ist auch als Mäzen und Wohltäter bekannt, verfügt über eine eigene Stiftung und spendet jährlich dreistellige Dollarmillionen-Beträge. Zuletzt machte seine Stiftung Schlagzeilen mit einer 200-Millionen-Dollar-Spende zugunsten von Aids-Hilfsprogrammen in Indien.
Gates selbst, hieß es fast umgehend nach Verbreitung der Nachricht, sei "absolut begeistert".
Als Nicht-Brite darf er sich zwar nicht "Sir" nennen, immerhin aber seinen Namen mit einem "KBE" verzieren, was soviel wie "Knight Commander of the British Empire" bedeutet.
Der exklusive Club der 100.000
Damit gehört er zur oberen Kruste des "Orders of the British Empire", des jüngsten und zugleich größten und schnellstwachsenden britischen Ritterordens.
Der "OBE" wurde erst 1917 von König George V. ins Leben gerufen, um dem rapide ansteigenden Bedarf an Heldenauszeichnungen im Ersten Weltkrieg gerecht zu werden. Seitdem ist der OBE für Großbritanniens Prominenz, was das Bundesverdienstkreuz für die deutschen Handwerkerinnungen bedeutet - ist aber mit einem höheren Prestige verbunden. Unter dem Motto "Für Gott und Empire" zeichnet die Queen mit dem OBE Bürger für Verdienste um den britischen Staat aus und nimmt sie damit auf in den Kreis der "Ritterschaft der britischen Demokratie".
- Website der Queen:Alles über Ritterorden
- Pressemitteilung der britischen Regierung:Bill Gates wird Ritter
- Die Royale Investitur:Würdevoller hat man Refinanzierung von Ordensverleihungen nie gesehen
- Britische Regierung:Cabinet Office, Abteilung "Ceremonial Secretariat"
- British Ceremonial Arts:Kommerzieller Buckingham-Ableger mit der Lizenz zum Filmen
- Download:Nominierungs-, respektive Bewerbungsunterlagen für eine Ritterschaft
- "Dein Tag":Kommerzielle Andenken-Päckchen der Königlichen Investitur für frisch geschlagene Ritter
- "Sunday Mirror":Queen prügelt Fasan zu Tode
In diesem illustren Kreis hat Bill Gates nun rund 100.000 lebende Kollegen, zu denen Künstler wie Mick Jagger, Paul McCartney oder Peter Ustinov gehören, prominente IT-Figuren wie Tim Berners-Lee oder der bereits 2001 geadelte IBM-Chef Lou Gerstner und natürlich das Gros der einflussreichen Politiker englischer Sprache. Dazu zählen George Bush Senior und Junior, Ronald Reagan, Norman Schwarzkopf, Colin Powell, Caspar Weinberger und der frühere Bürgermeister New Yorks, Rudolph Giuliani. Direkte Kollegen gleichen Ranges findet Bill Gates nun in Wesley Clark und Alan Greenspan.
Von nichts kommt nichts
Trotz der Fülle von Ritterschlägen kommt Queen Elizabeth II. höchstpersönlich noch dazu, ab und an das Schwert zu schwingen. Der "Ritterschlag" selbst ist natürlich nur ein symbolischer. Verletzungen braucht da niemand befürchten, zumal die Schlagkraft der Queen gerade ganz aktuell von der britischen Presse diskutiert und in Frage gestellt wird : Ende letzter Woche brauchte sie "vier bis fünf Schläge mit ihrem Gehstock", um einen bereits angeschossenen, von einem Jagdhund herbeigebrachten Fasan zum Tode zu befördern. Immerhin beförderte das nach Augenzeugenberichten ihre Laune, was Englands Tierschützer ziemlich auf die Palme bringt: Sie unterstellen der Queen ein "grausames Verhältnis zu Vögeln".
Doch bekanntermaßen leben die Royals ihre wilde Seite auf dem Moor aus, während die offiziellen Termine prunkvolle, weithin beachtete Ereignisse sind, die auch The Royal Collection, der kommerzielle Arm des Buckingham Palast, gekonnt in bare Münze umzusetzen versteht.
So verfügt seit 1991 die Filmfirma British Ceremonial Arts über die Lizenz zum Filmen und Fotografieren. Dort können sich Ritter-Aspiranten und frisch Geschlagene mit Videos und Fotoalben eindecken. Wirklich prominente Zeitgenossen dürfen sich jedoch darauf verlassen, dass die Königliche Investitur hinreichend Bildmaterial produzieren und den Medien zur Verfügung stellen wird.
Weniger Prominenten bietet auch die Investitur das "The Sovereign Collection" -Paket, dass neben zahlreichen Bildern auch eine editierte, 30-minütige Videodokumentation inklusive Aufmarsch der Gäste etc. bietet. Was der Spaß kostet, erwähnt die königliche Website nicht. Wozu auch, steht der Service doch nur wirklich Geadelten zur Verfügung. Und soweit bringt es schließlich nicht jeder.
So wird man Ritter
Wer nun gerne Ritter werden will, muss weder unbedingt Brite sein, noch 200-Millionen-Dollar-Stipendien ausloben. Mitunter reicht auch eine spektakuläre gute Tat oder Verdienste um den englischen Export. Und man muss noch nicht einmal darauf warten, dass die Queen höchstselbst aufmerksam wird: Ritter wird man heute auch in Großbritannien per Vorschlag und Auswahlkommission.
Zuständig dafür ist das "Ceremonial Secretariat" des Cabinet Office, der britischen Entsprechung des Kanzleramtes. Das nimmt - ganz zeitgemäß - Vorschläge nicht nur per E-Mail entgegen, sondern bietet Ritter-Aspiranten sogar den Service, sich die Nominierungsanträge per PDF direkt aus dem Web zu laden . Wahrlich ein königlicher Service.
Frank Patalong