Das X vor der Box Knabberspaß mit Microsoft
Kein schöner Abend in Berlin. Es regnet in Strömen. Der einladende grüne Teppich im Eingangsbereich saugt sich langsam, aber sicher mit Wasser voll. Schwarz angezogene Gorillas checken die Gäste ein. Kein Zweifel, der Club 90° hat schon bessere Zeiten gesehen. Kurz vor und kurz nach der Wende.
Eine echte Disco ist das heute nicht mehr, eher ein gesponserter Rummelbereich für Firmen und Halligalli-Event-Agenturen. Relativ kurzfristig hat sich auch Microsoft für diesen Veranstaltungsort entschieden, um hier die Geburtsstunde der Xbox in Deutschland zu feiern. Warum nicht in München, kann niemand sagen.
Doch mit Events kennt sich der Softwaregigant aus Redmont nun mal nicht so gut aus. In Australien wollte die angeheuerte Eventagentur überall auf dem Kontinent das magische X hinsprühen, musste sich aber dann nach Vorwürfen des Vandalismus anders besinnen. Auch die Markteinführung in Japan wurde zum Event. Allerdings unfreiwillig: Ausgerechnet in der Höhle des Löwen zerkratzten einige Konsolen die Spiele. Das schmerzt.
Japan: Ist die Box zu blutarm?
Skeptisch waren die Japaner schon vorher. Die Medienresonanz - Bill Gates reiste eigens an - hielt sich in Grenzen. Den Japanern ist die Xbox zu teuer und der ganze Marketingrummel suspekt. Außerdem denken die Menschen im Land der aufgehenden Sonne pragmatisch und wollen, wie alle anderen auch, ballern, bis der Arzt kommt. "Die meisten Spieler fragen sich hier", sagte Atsuko Koizumi von "Newsweek" in Japan, "warum sie das Ding kaufen sollen. Bis jetzt hat die Xbox hier keine Killer-Spiele. Wir haben noch nicht einmal 'Halo'."
"Halo" gehört zu den Favoriten der Spielekonsole. Neben dem, zugegeben ganz witzigen, Abknallen von Außerirdischen machen noch Prügelspiele wie "Dead Or Alive" deutlich, um wie viel besser die Grafik ist. Schließlich ist die Xbox die momentan schnellste Konsole. 733 MHZ, 250 MHz Grafikchip, 64 MB Ram und eine Polygonleistung von 125 Millionen pro Sekunde.
Die Gäste des Clubs können sich davon selbst überzeugen. Überall stehen sie in kleinen Grüppchen herum und drücken abwechselnd die Knöpfchen und ihre Bierflaschen. Es finden hauptsächlich Männer hierher. Liegt am Thema.
Die geladene Konkurrenz kommt nicht
Hostessen in grünen Xbox-T-Shirts stromern herum, verteilen Fingerfood und grüne leuchtende Stangen. "Als Gag", sagte eine von ihnen. Die Party, na ja, sie ist okay. Obwohl zu spüren ist, dass die Macher sie wesentlich lieber cool hätten. Aber das hat Microsoft irgendwie noch nie geschafft: Gelassenheit und Humor klemmen immer ein wenig.
So liegen auf einigen Sofas Zettel: "Reserviert für Sony".
Mittlerweile fressen sich die Uhrzeiger fleißig in Richtung Mitternacht: Die Geburtsstunde der Xbox naht. Das Fernsehen ist gekommen, um das Ereignis live zu übertragen. "Giga TV" auf NBC. Das ist der Sender, bei dem Moderatoren und Zuschauer schleichend von KiKa zu Giga wechseln. Das hippe Moderatorenduo versucht ein bisschen Stimmung zu machen und sagt Hans Stettmeier von Microsoft an: "Director Home & Retail". Der Bayer wird von den Giga-Leuten ganz aufgeregt als "Chef von Microsoft" begrüßt.
Stettmeier zieht seine Jacke aus. Gleich schlägt er eine Xbox mit einem Hammer aus einem Eisblock heraus. Keine große Herausforderung für den Bayern, der das geschickt mit einer Mischung aus hemdsärmeligen Bieranstich und der Eleganz von Sharon Stone in "Basic Instinct" meistert.
Wer in der ersten Reihe steht, bekommt Eisstückchen ab. Später schüttet Stettmeier noch Wasser in die Menge und lobt die geile Location.
Mittlerweile füllt sich der Club. 75 Prozent Männer, 15 Prozent Fernsehleute, der Rest Frauen. Ein Großteil hängt sich die grün-leuchtenden Stangen um den Hals. Echte Berliner Szeneleute, sagen die Münchner und sind zufrieden.
Thomas Caric, Microsofts Marketing Manager, und der Microsoft-Consultant Hans Seyfried nuckeln an ihren Zigarren. Von Sony machte bisher noch niemand von den reservierten Plätzen Gebrauch. Die Musik wird immer lauter, der leere Eisblock schmilzt traurig vor sich hin.
Heute stehen für das Xbox-Team noch weitere Aktivitäten auf dem Programm. Auf dem Potsdamer Platz, vis-a-vis von Sony, werden heute die Berliner zum Zocken eingeladen. Ganz schön provokativ.
Microsofts PR-Firma rechnet mit dem Schlimmsten. Hunderte von Menschen in Playstation-T-Shirts, unglaubliche Guerilla-Marketing-Aktionen der Konkurrenz. Alles in der Hauptstadt, und alles ungeheuer spannend. Aber vielleicht kommt wieder keiner von Sony.
Und dann?