Deal mit Sony BMG iMesh wird stubenrein
Wenige Tage vor dem Urteil gegen die Börsen Grokster und Morpheus schien es so, als würde eine der einst beliebtesten P2P-Börsen der Welt freiwillig aufgeben, die Waffen strecken, kapitulieren: iMesh erklärte sich bereit, 4,1 Millionen Dollar an die US-Musiklobby RIAA zu überweisen und fürderhin allem schändlichen P2P-Tun zu entsagen.
Für die härtesten unter den P2P-Fans ist so etwas weit mehr als ein Canossa-Gang. Die "Börsen" sind für sie per definitionem die Robin Hoods der Datenwelt, im gerechten Kampf gegen die unersättlichen Gierschlünde der Musikindustrie, die uns alle - so die Mär - über Jahrzehnte mit Wucherpreisen veräppelt hätten.
Folgt man dieser Sichtweise, wird klar, warum bei P2P-Tauschern kein Unrechtsbewusstsein zu wecken ist: Jeder Download ist da ein kleiner Racheakt für erlittenes Preis-Unrecht. Dass dabei Recht gebogen, gar gebrochen wird, kratzt nicht wirklich: Das Recht des "Sheriffs", auch das weiß man seit Robin Hood, ist manchmal auch Unrecht.
Die mächtige RIAA aber, der Lobbyverband der US-Musikindustrie, ist in diesem Universum der Beelzebub selbst. An die RIAA zu zahlen heißt, seine Seele zu verkaufen.
Natürlich ist all das naiv, vermengt richtig und falsch, Beobachtbares und Imaginiertes, macht Fronten auf, wo keine sind und verherrlicht Engagement, wo keines ist.
Schon der Napster-Erfinder Shawn Fanning, über Jahre ein Idol der P2P-Welt, hatte im Sinn, mit seiner Software Geld zu machen. Während seine Fans in den Diskussionsforen von Napster das nahende Ende der großen Musikkonzerne bejubelten, suchte Fanning, unterstützt von seinen Finanziers aus der Investmentbanker- und Risk-Capital-Welt, den Schulterschluss mit der Bertelsmann-Tochter BMG.
Das eigentliche Geschäftsmodell der meisten P2P-Börsen bis zum heutigen Tag machte Bertelsmann-Verhandler Andreas Schmidt bereits kurz nach der Vertragsunterzeichnung mit Napster in einem Telefoninterview mit SPIEGEL ONLINE klar: Siegestrunken, eine Flasche Schampus frisch entkorkt, freute er sich darauf, ein Fünftel der Napster-User in den Bezahldienst zu locken.
Genau so läuft das bis heute: Die iMeshs, KaZaAs und Co dieser Welt streben nach "kritischer Masse", die sich als Erpressungspotential und lockende Ware gegenüber der Industrie instrumentalisieren lässt. Über die Daten von potentiellen Kunden in zweistelliger Millionenzahl zu verfügen, ist allein ein mächtiges Pfund; ein Programm als Schnittstelle zum Kunden bereits auf deren Rechnern platziert zu haben, noch viel verlockender.
Keine Niederlage
Also ist es weder überraschend noch ein Abfall von alten Überzeugungen, wenn iMesh sich mit 4,1 Millionen Dollar einen Ablass vergangener Sünden erkauft: Es ist ein Investment in die nächste Phase des Businessplans - und der nun folgende Sony-Deal keine Niederlage, sondern natürlich ein Erfolg.
Diesen hatte iMesh nach eigenem Bekunden "seit über einem Jahr" penibel vorbereitet. Die Technik für die Umwandlung in einen legalen, kommerziellen Musikshop steht. Dass nun so schnell nach dem Grokster-Urteil und der "Ablasszahlung" an die RIAA ein großer Lizenzdeal mit Sony BMG folgt, ist die Frucht einer guten strategischen Vorbereitung bis hinein in die Personalpolitik bei iMesh: An der Spitze des Unternehmens steht seit dem 27. Juni, dem Tag des Grokster-Urteils, der Musikindustrie-Veteran Robert Summer. Der verdiente seine Brötchen einst als Chef von Sony Music und RCA Records.
Auch wenn P2P-Puristen voll Abscheu auf diesen "Verrat" der einstigen Börse iMesh blicken mögen, der Rest der "P2P-Branche" wird es mit Neid beobachten - und möglicherweise mit einiger Spannung. Denn zum ersten Mal gelingt es nun einer P2P-Börse, die weiland schon im Businessmodell von Napster angedachte Transformation zum Shop wirklich zu vollziehen. Das heutige Napster teilt mit der einstigen Börse ja nur den Namen, der aus der Konkursmasse verkauft wurde.
Wie lang die Zukunft der restlichen P2P-Börsen mit kommerziellen Interessen noch dauert, wird sich auch daran entscheiden, ob es iMesh gelingen wird, überhaupt einen Teil seiner Nutzer für einen Bezahldienst zu gewinnen, der noch in diesem Sommer an den Start gehen soll.
Das könnte die P2P-Szene noch einmal von Grund auf verändern: Neben den fraktalen Netzen wie eDonkey und BitTorrent, denen so etwas wie ein "Betreiber" mit eventuellen kommerziellen Interessen völlig fehlt, könnten sich kommerzielle P2P-Modelle, die ihre Kunden für den Kauf und Weitervertrieb von Musik entlohnen, etablieren. Schon beginnen Firmen zu sprießen, die das dafür nötige Digital Rights Management an P2P-Betreiber verkaufen. Die Nase ganz weit vorn hat hier die Firma Snocap. Ihr Chef ist ein alter Bekannter in P2P-Kreisen: Napster-Entwickler Shawn Fanning.
Für den Rest der Alt-Börsen nach dem Napster/KaZaA-Muster dürfte dagegen die Zukunft vorbei sein: Das Grokster-Urteil hat den Weg für Klagen gegen Börsen wieder frei gemacht, die einen "legitimen Nutzen" nicht hinreichend nachweisen können.
Für die P2P-Macher ergeben sich damit für die Zukunft drei Modelle:
- der iMesh-Ansatz: mit der Industrie zu kooperieren, sich zu legalisieren und den Dateitausch zu kommerzialisieren,
- der BitTorrent-Ansatz: Software ohne kommerzielle Hoffnungen damit zu verbinden, in Umlauf zu bringen, sich selbst aber vom P2P-Tausch zu distanzieren; sich damit zwar aus der Verantwortung zu nehmen, aber auch auf den größten Teil des Business-Potentials zu verzichten,
- der KaZaA-Weg: Mit Werbung und Ad- und Spyware so viel aus dem Tauschgeschäft zu ziehen, wie irgend möglich, bevor vor Gericht der Hammer fällt.
Die Perspektive hat sich damit verschoben, "freies P2P" hört auf, ein viel versprechendes Geschäft zu sein. Die P2P-Szene hingegen verliert nicht mehr als ein paar falsche Robin Hoods: Sie wird mit frei verfügbarer Software weiter machen, ohne dass am P2P überhaupt noch jemand verdient.