Denkmal, ein Grabmal Auf ewig online?
Es war ein Autounfall. Am 11. Juni 2000, kurz vor seinem 44. Geburtstag, verunglückte Volker B. tödlich. Zwei Freundinnen, Rita und Annika, haben den Schmerz und die Fassungslosigkeit über seinen völlig unerwarteten Tod in einer Anzeige ausgedrückt, die ein Foto des Verstorbenen zeigt, umrahmt von einer elegischen Herbstlandschaft, und mit den Worten endet: "Hinter dem Horizont geht's weiter."
Diese Todesanzeige ist nicht in einer Zeitung veröffentlicht worden. Sie steht im Internet, wo sie überall auf der Welt eingesehen werden kann, heute, morgen und theoretisch in alle Ewigkeit - solange der Provider pünktlich bezahlt wird. Dafür will Christian Kluth sorgen, ein Diplom-Designer aus Bochum, der seit fünf Jahren die Seite www.ewigesleben.de betreibt, auf der Rita und Annika einen Platz für ihren Freund Volker reserviert haben.
Auch Margret H., eine "wunderschöne Frau mit dem seltenen reinen Charme, der alle Menschen verzaubern konnte", Opa Franz ("Für die Welt warst Du irgendjemand, aber für irgendjemand bleibst Du die Welt") oder der Obdachlose Josef Anton G. sind von Freunden oder Verwandten dort für die Nachwelt verewigt worden.
Doch Kluth betreibt keinen Service für virtuelle Todesanzeigen. Eigentlich wendet er sich mit seiner Seite an Menschen, die sich selbst ein virtuelles Vermächtnis schaffen wollen, das nach ihrem Tod im Internet freigeschaltet werden soll. Ein "virtuelles Testament" könnte man das nennen - oder aber ein Grabmal an der Grenze zum Denkmal.
Das Taj Mahal, die Pyramide für jedermann
Neunundzwanzig dieser Gedenkstätten stehen bereits auf der Seite bereit, hinter jeder Nummer ab KN 10067-001 verbirgt sich ein persönliches Schicksal, eine Idee, eine Nachricht, ein Foto oder auch ein öffentliches Testament.
Die Gestaltung der Seiten übernimmt Designer Kluth in Absprache mit seinen Kunden selbst. Die meisten, so sagt er, "bedanken sich bei Angehörigen und schreiben ihren Partnern Liebesgrüße. Es gibt aber auch viele Kunden mit großem Freundeskreis, die diese sehr kostengünstige Alternative zu gängigen Todesanzeigen wählen, um "ein letztes Mal 'auf Wiedersehen' zu sagen".
Für einen Text in Länge einer Din-A4-Seite plus Foto berechnet Kluth 50 Mark, aufwändigere Gestaltungen taxiert er nach der Gebührenordnung der "Allianz deutscher Designer", wobei die Preise nach oben hin natürlich offen sind - es komme nur darauf an, was man nach dem Tod im Web hinterlassen will.
Dabei kann es sich auch um ganze Kunstwerke, Gemälde etwa oder Romane handeln, die, so Kluth, "zu Lebzeiten keine Abnehmer gefunden haben, aber vielleicht in einigen hundert Jahren Erfolg haben werden".
Gut möglich, dass sich so mancher Interessent bei ewigesleben.de nicht traut, seine Werke schon zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Denn die Kunden, die sich nach ihrem Tode der ganzen Welt im Netz präsentieren wollen, sind jetzt noch auffällig öffentlichkeitsscheu. So kann Christian Kluth auch keinen von ihnen bewegen, seine Motive für die Anlage einer persönlichen Internet-Gedenkstätte gegenüber SPIEGEL online preiszugeben: Ein direkter Kontakt zu den Grabmals-Inhabern fällt ebenfalls aus, weil deren Daten von Kluth natürlich nicht weitergegeben werden.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und voreilig vermutet, die virtuellen Grabkammern seien womöglich nicht ganz so wohl gefüllt, wie Kluth behauptet. Immerhin melden sich auf eine offene Nachfrage im Gästebuch der Seite zwei Interessenten, die aber lieber anonym bleiben wollen.
Einer möchte gern "selber Einfluss darauf nehmen, wie er nach seinem Tod in Erinnerung behalten wird" und "die Nachrufe nicht irgendeinem Pfarrer oder missgünstigen Verwandten" überlassen. Eine junge Frau sieht sich bereits als "Teil eines virtuellen Weltgedächtnisses", das im Internet entstehen soll und vielleicht einmal Tausende oder Millionen der programmierten Vermächtnisse umfassen wird.
Aufgehen im "virtuellen Weltgedächtnis"?
Das wäre natürlich ganz im Sinne von Christian Kluth, der fest davon überzeugt ist, dass Verewigungen im World Wide Web eines Tage zum üblichen Ritual bei Todesfällen gehören werden, zumal "es in Zukunft keine Zeitungen oder Zeitschriften in herkömmlicher Form mehr geben wird".
Momentan allerdings gilt wohl die Weisheit: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.
Zwar verzeichnet Kluth "zehn Anfragen pro Woche", doch bei insgesamt 35 Gedenkstätten in fünf Jahren verläuft das Geschäft offenbar eher schleppend, und auch im Gästebuch tauchen nur sporadisch ein paar Eintragungen auf.
Dort findet man dann Lob für Idee und Design der Seite, aber auch viel Kritik an der kommerziellen Nutzung und dem plakativen Werbeslogan "Leben Sie ewig in der virtuellen Realität des Internet". Besonders christliche Gäste stört die Verwendung des Begriffes "ewiges Leben", zumal dessen Dauer naturgemäß nicht zu bestimmen ist.
Denn was nach seinem eigenen Tod mit seiner Domain passieren wird, weiß auch Christian Kluth nicht so genau. Zumindest hat er bereits einen Entwurf für sein eigenes Vermächtnis gebastelt - unter www.ewigesleben.de/zkluth.htm kann man es sich auch jetzt schon anschauen.