Der Dotcomguy Einzelhaft als Web-Event
Eine Wahnsinnsidee: Da lässt sich ein 24-jähriger "System-Manager" in ein völlig leeres Haus stecken, nur ausgerüstet mit Kreditkarte, Computer und High-Speed-Internetanschluss. Alles, alles, was er zum Leben braucht, muss er sich über das Internet beschaffen. Originell? Schon mal gehört? Sowohl als auch!
Denn im Unterschied zu den "Wir-leben-nur-vom-Web"-Events der Vergangenheit (vor kurzem noch lieferten sich Teams aus München und Stuttgart ein einwöchiges Duell dieser Art) will Dotcomguy ein volles Jahr aushalten. Das sind zwölf Monate, 52 Wochen, 366 Tage, das kann zur Ewigkeit werden.
Nun macht das Dotcomguy ja nicht umsonst. Sein Gehalt beträgt im Januar 24 Dollar. Da es sich aber danach jeden Monat verdoppelt, wird er sein "Gefängnis" Ende Dezember 2000 mit 98.280 Dollar in der Tasche verlassen. Wenn er durchhält. Wenn der Computer durchhält. Wenn er nicht wahnsinnig wird. Oder wegläuft.
Denn die "Progression" seines Gehaltes diene dazu, ihn bei der Stange zu halten. Heißt es in einer Pressemitteilung der Veranstalter. Die Gefahr dürfte jedoch relativ gering sein: Dotcomguy arbeitet für das Unternehmen DotComGuy Inc. Eine entsprechend hohe Identifikation mit dem Arbeitgeber dürfte also gegeben sein.
Die ganze Veranstaltung lebt von Werbung und Sponsoren. "Dotcomguy", diese Mischung aus "hippem" Web-Event, Selbsterfahrungstrip, voyeuristischer Webcam-Veranstaltung und Survivalübung für Stubenhocker ist nichts als eine geschickte Marketing-Veranstaltung. Doch für wen?
Kandidat Nummer 1: Mr. Mitch "Dotcomguy", geborener Maddox. Auf "seiner" Website - bald das "Guckloch" in seine Einzelhaft-Zelle - grinst er uns sonnengebräunt und muskelbewehrt entgegen. Flash-Animationen huschen dramatisch über den Bildschirm, dazu pumpt und pocht in feinster Stereoqualität der Soundtrack zum Event, als ginge es hier um einen Actionfilm - und nicht um eine Übung im Dauerrumsitzen. Ist er das beworbene "Produkt"? Er sieht aus, als habe jemand heimlich Arnold Schwarzenegger geklont: Ist das - im Verbund mit einem Jahr Werbefeldzug - der Grundstein zu einer zwanzigjährigen Karriere als neuer Terminator? Oder wird Dotcomguy terminiert, sobald er bärtig, muskellos, blass und zum Zen-Buddhismus bekehrt aus seiner Einzelhaft entlassen wird?
Kandidat Nummer 2: Macromedia und Realmedia, die technische Plattform, über die uns der Dotcomguy bewegt, wummernd und pochend erreicht. Was wäre Dotcomguy schon, wenn wir ihm nicht pausenlos zusehen könnten? Wenn die Musik nicht so dramatisch wäre? Nichts als ein 24-jähriger, der Tag und Nacht mit seinem Rechner verbringt, surfend, spielend, zwischen Trance und Langeweile vor sich hinklickend. So was sieht man heute in jedem Studentenwohnheim - und in einer steigenden Zahl von Kinderzimmern. Doch DotComGuy Inc wird sich nicht von ungefähr eine sportliche Type ausgesucht haben. Unsere Prognose: Wir werden den Cyber-Häftling regelmäßig und mit nacktem Oberkörper an seinen Trainingsgeräten schwitzen sehen. Action, Dotcomguy, die Welt sieht Dir zu! Sitz nicht nur rum, das hier ist fast Fernsehen!
Am Ende stellt sich heraus, dass alles noch viel profaner ist. Denn als Sponsoren firmieren neben einer Radiostation und einer Zeitung (selbst wenn niemand hinsieht, wird man zumindest in der Presse etwas lesen, und das wahrscheinlich täglich) eine Online-Bank (Kreditkarte), ein Computerunternehmen (der PC!), zwei Networking-Unternehmen (intelligentes Haus, Videoüberwachung, Netanbindung), eine Shopping Mall (Möbel, Hanteln etc.) und - natürlich - ein Lieferunternehmen für Frisch- und Tiefkühlkost. Das ist cool. Internet, Cyberwelt: alternative Realität, neues Medium, neue Möglichkeiten. Ob Dotcomguy bald angstvoll davon träumt, auf was PR- und Marketing-Strategen als nächstes kommen werden?
Frank Patalong