Der Faircom-Flop: Warten, ärgern, zahlen - DER SPIEGEL
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Der Faircom-Flop Warten, ärgern, zahlen

Das Bonner Unternehmen Faircom lockte seine Kunden mit einem tollen Angebot: Handy-Telefonie ohne Grundgebühr und dazu ein kostenloses Premiere-Doppelabo. Der Deal platzte, niemand will schuld sein – aber die Kunden sollen zahlen.
Von Mario Gongolsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Frühlingsangebot auf www.handy-pak.de sorgte für glänzende Augen bei Schnäppchenjägern: Wer einen 24-Monate-Handyvertrag mit der Firma Talkline abschließe, stand da zu lesen, erhalte eine Gutschrift über die anfallenden Grundgebühren. Als Dankeschön für den faktisch kostenlosen Handy-Handel gäbe es dazu das Zwölf-Monats-Premiere-Sport- und das Film-Abo zum Nulltarif und oben drauf einen passenden DVB-Receiver für nur 20 Euro. 10.000 Kunden wollten da sofort zugreifen. Heute heißt es: Warten, ärgern, zahlen!

"Ich habe mir das ganze Kleingedruckte durchgelesen und keinen Haken an der Sache gefunden", versicherte Gerhard Grabe (Name geändert) seinem Freund am Telefon. Dem ungläubigen Staunen der beiden Schnäppchenjäger folgten zwei Vertragsabschlüsse mit der hinter Handy-Pak stehenden Firma Faircom. Grabe, ein Medizinstudent, freute sich über das Handy, das er eigentlich nicht brauchte, und noch viel mehr über das nach drei Wochen eingetroffene Paket mit dem Kabelreceiver und den zwei Premiere-Smartcards - das eigentliche Lockmittel in dem sonderbaren Angebot.

Allzu lange währte die Freude aber nicht: Während die Gutschriften für den Handyvertrag auf sein geschundenes Konto tröpfeln, zahlt der junge Mann nun monatlich 36 Euro an Premiere, denn das ist die Abogebühr für die zwei Premiere-Pakete. Auf eine Gutschrift hierfür wartet er bislang vergebens: "Da fällt diesen Sommer so mancher Biergartenbesuch leider aus".

Seinem Freund erging es anders, aber auch nicht besser. Auch er ist heute stolzer Handybesitzer, doch von einem Premieredekoder fehlt jede Spur. Er schrieb jede Support-E-Mail-Adresse an und bedrängte entnervte Callcenter-Mitarbeiter, ohne nennenswerten Erfolg. Im Internet füllen sich derweil die Diskussionsforen rund um Premiere mit den Berichten enttäuschter Kunden. Für sie alle ist der Fall klar: Die Firma Faircom in Bonn ist hierfür verantwortlich.

Das Geschäftsmodell: Faircom im Kartenhaus

Doch ist ein kostenloses Premiere-Abonnement für einen Händler finanziell überhaupt machbar? Stefan Hofmeir, Chefredakteur der Zeitschrift "Digital-Fernsehen", hat eine Vermutung, wie das Geschäftsmodell aussehen könnte: "Wenn man zwei Einzel-Abonnements zum Sport- und zum Filmpaket abschließt, dann erhält man eigentlich auch zwei Receiver."

Faircom liefert seinen Kunden jedoch nur einen Receiver mit zwei Smartcards. Sorgt die Summe aus Talkline- und Premiere-Händlerprovisionen für eine Kostendeckung, liegt der Faircom-Gewinn offenbar im Abverkauf überzähliger Kabelreceiver - wenn man die schnell genug verkauft bekommt.

Die Geschäftsführung von Faircom stand weder für persönliche, noch für telefonische Auskünfte zur Verfügung. Auch die Pressesprecherin wiegelte ab und vertröstete auf eine schriftliche Stellungnahme, die jedoch nicht erfolgte. Erst nach Veröffentlichung dieses Artikels regte sich etwas: Lars Hallatsch, der "die rechtlichen Interessen der Firma Faircom" vertritt, wollte einige Aussagen aus dem Hause Talkline und Premiere nicht unwidersprochen lassen.

Faircom-Kunden mussten sich dagegen seit Wochen mit Ausreden, Versprechungen und Vertröstungen zufrieden geben: Wenn die Abogebühren nicht erstattet wurden, lag das mal an Problemen in der Datenbank, manchmal waren auch einfach keine Scheckvordrucke mehr vorhanden. In mehreren E-Mails und einem Newsletter wettert Faircom gegen seinen Geschäftspartner Premiere: Der Sender sei nicht bereit, die noch nicht bedienten Faircom-Kunden zu dem im März genannten Konditionen zu beliefern. Premiere sei schuld und man möge sich bei Premiere-Geschäftsführer Kofler und seinem Vertriebschef persönlich beschweren. Sogar deren E-Mail-Adressen wurden vermerkt.

Bei Premiere in München will man davon nichts wissen. Bereits Ende Februar habe man alle Händler von Lieferschwierigkeiten bei DVB-Receivern des Herstellers Galaxis informiert. Das wiederum bestreitet Faircom: Vor dem 28. März, sagt Hallatsch, habe er keine Kenntnis von Lieferschwierigkeiten gehabt.

Premiere-Unternehmenssprecher Dirk Heerdegen ist sich aber sicher, dass hier kein Kommunikationsproblem vorliegt: "Außerdem haben wir Faircom darauf hingewiesen, dass sich unsere Provisionsstrukturen zum 1. April verändern würden. Daraufhin hat sich Faircom offensichtlich entschlossen, möglichst schnell möglichst viele Abos mit Receivern zu vermarkten, über die Faircom zu diesem Zeitpunkt gar nicht verfügte." Und setzt hinzu: "Ein erkennbar unseriöses Angebot, zumal jeder unsere Handelspartner Abos in Verbindung mit vergünstigten Receivern anbieten darf, wenn er auch tatsächlich über die Receiver verfügt."

Und es geht noch weiter: "Außerdem hätten dem Kunden von Faircom zwei Digital-Receiver zugestanden, Faircom lieferte aber nur einen, kassierte jedoch die Vermarktungsprovision für zwei. Das ist eine Verletzung unserer Verträge mit Händlern."

An Formulierung wie Inhalt dieser Aussage stößt sich Lars Hallatsch ganz ungemein. In mehreren gemeinsamen Sitzungen, sagt der Faircom-Rechtsvertreter, sei "die Kombination unserer Angebote als 'überaus clever' bezeichnet" worden. Faircom habe Premiere zahlreiche Abonnenten zugeführt, die der Sender auch "gern empfangen" habe.

Genau an diesem Punkt beginnt jedoch das Zerwürfnis zwischen Premiere und Faircom - und das Geschäftsmodell beginnt zu krümeln: Abos mit subventionierten Receivern dürfen nach Angaben von Premiere nur dann aufgenommen werden, wenn in den Vertrag die Receiver-Gerätenummer eingetragen wird. Das aber wäre Faircom nicht möglich gewesen, wenn jedes zweite Gerät statt beim Kunden in den Verkauf gehen sollte.

Im zweiten Teil: Tausende Kunden sitzen auf Abo-Verträgen, die sie nie bezahlen wollten, für die sie aber nun zahlen sollen. Wie gehts weiter?

Feilen am Image: Vertrag ist Vertrag?

Kein Wunder also, dass Premiere prüft, gegen Faircom wegen Betruges vorzugehen. Faircom-Rechtsvertreter Hallatsch widerum behält sich vor, rechtliche Schritte gegen Premiere einzuleiten, wenn die Formulierung vom "unseriösen Angebot" so wirklich gefallen sei. Auch, ob die Geschäftsbeziehung zu Premiere wirklich beendet sei, zweifelt er an: "Meines Wissens nach hat Premiere mehrere Male erfolglos versucht, den Vertrag fristlos zu kündigen". Wie man nun zusammen oder auseinander gehe, sei noch im Einzelnen zu prüfen.

Doch gegenseitige Schuldzuweisungen helfen den Faircom-Premiere-Kunden nicht weiter. Wird Premiere weiter für die Faircom-Abos kassieren, obwohl der Verdacht im Raum steht, dass diese unter zweifelhaften Umständen zustande kamen?

"Wir unterbreiten den Kunden individuelle Angebote", verspricht Heerdegen. Faircom-Kunden, die nachweislich keine Gebührenerstattungen erhalten haben, werde Premiere besondere Angebote unterbreiten. Kunden, denen diese Angebote dennoch inakzeptabel erscheinen, werde man auf Kulanzbasis die Möglichkeit einer vorzeitigen Vertragsbeendigung einräumen.

Faircom-Kunden, die bislang weder einen Receiver noch eine Smartcard erhalten haben, sollen ebenfalls von den besonderen Angeboten profitieren können. Unter einer besonderen E-Mail-Adresse werden sich leer ausgegangene "Faircomler" registrieren lassen können. "Bis Ende dieser Woche", hofft Heerdegen, "sollten die Angebote stehen und auch alle Verfahrensfragen hausintern geklärt sein."

Ebenso wie Premiere hat auch der Mobilfunkanbieter Talkline aus Elmshorn seine Geschäftsbeziehung zu Faircom zunächst auf Eis gelegt. Faircom widerum geht davon aus, dass die Geschäftsbeziehung zu Talkline normal weiterlaufe.

Von dem Angebotsbundle erfuhr man bei Talkline durch die hohe Zahl von Kartenanträgen. Thomas Stormanns, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Talkline, zieht bereits Konsequenzen aus dem Faircom-Angebot: "Viele über das Faircom-Angebot angelockte Kunden beschwerten sich bei uns über eine schleppende Auslieferung." Die Handys mussten von Faircom auf dem freien Markt beschafft werden. Doch auch Talkline sah schon Ungemach auf sich zurollen: "Wir wollen ja nicht einfach Handykarten verkaufen, sondern Kunden gewinnen, die tatsächlich Gesprächsumsätze generieren."

Jedenfalls kürzte Talkline die Provisionszahlungen kräftig, um Faircom zu bewegen, unverzüglich Handys an die neuen Kunden auszuliefern. Darüber kann sich Lars Hallatsch von Faircom erregen: "Ich glaube nicht, dass es ein 'Einbehaltungsrecht' gibt". Wenn das als pädagogische Maßnahme zu verstehen sei, müsse man dem Geschäftspartner klar machen, dass dieser über keine Erziehungsrechte verfüge. Tatsache bleibt, dass das spektakuläre Angebot eines Handy-Premiere-Pakets zum Fast-Nulltarif nicht mehr läuft, und dass zahlreiche Kunden, die versuchten, es wahrzunehmen, nicht zu ihrer Zufriedenheit bedient wurden. Zu wenig Provisionen von Talkline, zu wenig gelieferte und bezuschusste DVB-Receiver von Premiere ließen den großen Gratis-Coup der Firma Faircom platzen. Doch in Zeiten, in denen Geiz angeblich geil ist, dürfte die nächste sensationelle Kreuz- und Querfinanzierungsidee schon irgendwo ausgebrütet werden - und längst nicht immer zum Vorteil des Kunden.