Der fast perfekte Computer: Der Würfel ist gefallen - DER SPIEGEL
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Der fast perfekte Computer Der Würfel ist gefallen

Die Geschichte eines Designs, das es ins Museum schaffte und trotzdem missglückt war.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwo muss man sitzen können. Irgendwo muss die Scheiße landen. Irgendwo muss Wasser herkommen. Irgendwo muss das Wasser schließlich abfließen. Und das war's: Toiletten zu entwerfen ist eine recht überschaubare Aufgabe. Von Badewannen und Waschbecken war auch nicht viel mehr zu erwarten. Irgendwann hatte Jonathan Ive die Nase voll davon.

Heute wohnt der 33-Jährige mit dem kurz geschorenen Haupthaar im sonnigen San Francisco. Er gilt ­ dank seines Mottos "Sorry, kein Beige" ­ als Auslöser einer Revolution, die seit mehr als drei Jahren andauert. In seinem Sektor eine halbe Ewigkeit.

Schlechte Laune hat er trotzdem. Zumindest blockt Ive, mittlerweile Design-Verantwortlicher bei Apple, alle Fragen rüde ab. Er sei, so lässt der gebürtige Brite wiederholt ausrichten, nicht zuständig, man solle sich an einen der Produktmanager wenden.

Nicht zuständig? Als Apple seinen Power Mac G4 Cube im vergangenen Jahr auf den Markt brachte, pries das Unternehmen in Anzeigen sein Gerät folgendermaßen: "Es stimmt", hieß es, "er sieht aus, als gehöre er ins Museum of Modern Art." Dort steht er heute auch. "Aber eigentlich", ging der Text weiter, "ist der G4 Cube ein Supercomputer, der auf Ihren Schreibtisch gehört." Und dort ist er nie angekommen. Der Designer des Flops: Jonathan Ive, der Super-Designer.

Unter frenetischem Beifall hatte Apple-Chef Steve Jobs, damals 45, wie immer in Jeans und Rollkragenpulli, das neue Mitglied der "Apple-Familie" am 19. Juli 2000 in New York vorgestellt: einen kleinen, silberfarbentransparenten Würfel. "Unglaublich", "brillant", "das schönste Produkt, das wir je entworfen haben", so lauteten nur einige der Formulierungen.

Kein Jahr nach der Geburt aber, am 4. Juli 2001, legte Apple die Produktion des Würfels, nun ja, auf Eis. Und zwar nach einem brutalen Bilanz-Crash: Am Tag vor der Cube-Premiere meldete das Unternehmen einen Quartalsgewinn von 200 Millionen Dollar; nur ein halbes Jahr später machte es 195 Millionen Dollar Verlust. Statt der von Analysten prophezeiten 400 000 verkaufte Apple im letzten Quartal 2000 gerade 29 000 Stück, im darauf folgenden deprimierende 12 000. Danach wurden keine Zahlen mehr bekannt. Der Würfel war gefallen.

In der Medizin nennt man so etwas den plötzlichen Kindstod. Und wie bei den Neugeborenen, die ihren Eltern jäh entrissen werden, ist auch die Todesursache des Cube unklar. Starb er in Schönheit? Oder an ihr? "Das Design hat nicht versagt", nahm Jobs seinen Chefdesigner Ive in Schutz. "Das Konzept war falsch ­ aber fabelhaft umgesetzt."

Hartmut Esslinger sieht das anders. Der Gründer und Chef der Firma Frogdesign gestaltete den Apple IIC. Das Design des Cube sei zwar grundsätzlich "großartig, aber auch ästhetisch arrogant". Beim Cube zeige das komplett durchsichtige Acryl "die kalte Banalität der Technik".

Bis zur Erfindung des Cube bestand Apples Charme darin, dass die Firma Liebenswürdigkeiten der Hippie-Ära ins Internet-Zeitalter rettete. Wo andere Kisten mit grün flackernder Schrift abstrakte Befehle forderten, leuchtete bei Apple über dem Wort "Willkommen" ein lächelndes Gesicht. PCs waren eckig, Apple-Rechner rund und freundlich.

Apples Botschaft war klar: Nur die Liebe zählt. Und die Kundschaft, Schulen, Studenten sowie Kreative aus der Medien- und Werbebranche, glaubte es. "It's a Mac Thing. You Wouldn't Understand" stand als Slogan auf T-Shirts.

Die Form schlug die Funktion, weil ihr etwas fehlte, was den iMac ausgezeichnet hatte: Gefühl. Der Cube wirkte kalt.

Der Cube war besser als alle seine Vorgänger. Mit drei Milliarden Rechenoperationen pro Sekunde verfügt er über die Geschwindigkeit des viermal so großen Power Mac G4, jenes Computers, der auf Anweisung der US-Regierung zeitweilig nicht in "politisch sensible Regionen" wie Kuba oder Libyen exportiert werden durfte. Gleichzeitig wurde die Stärke des iMacs ausgespielt, seine bibliothekarische Stille. Die im Innern erzeugte Wärme wird durch eine Art Schornstein abgeleitet; das enervierende milde Dröhnen des Ventilators entfällt.

Und dann das Design: ein futuristisch anmutender Würfel, aufgehängt in einem transparenten Acrylgehäuse, das Assoziationen ans Bauhaus ("Weniger ist mehr") weckt und an jenes Back-tobasics-Mantra, mit dem Ketten wie Gap oder Ikea seit Beginn der neunziger Jahre erfolgreich sind. Er schimmert in mattem Silber, das die derzeitige Titanmode vorwegnahm. Der angebissene Apfel in der Mitte des Geräts changiert zwischen dem Meerblau eines australischen Surferidylls und lässigem Anthrazit.

Wenn man oben eine CD in den Cube steckt, schluckt sie der Computer wie ein Toaster das Brot. Stellt man ihn auf den Kopf, um per Hebel die technischen Eingeweide herauszulösen, fühlt man sich wie James Bond, der gerade noch rechtzeitig den Brennstab eines überhitzten Kernreaktors entfernt. Auf einem leeren Schreibtisch schließlich hat der Cube die Anmutung einer abstrakten Skulptur, vor der man meditieren möchte.

Tatsächlich vermittelt der Cube den Wunsch, ihn ehrfurchtsvoll zu streicheln. Womit die Probleme beginnen. Auf der Oberseite befindet sich ein auf Körperwärme reagierender Ein- und Ausschaltsensor, der manchmal schon bei Sonnenschein ansprang.

Weitere technische Mängel: Der Rechner falle sprunghaft, so klagen User, einfach ins Koma. An dem Gehäuse träten merkwürdige Haarrisse auf. Sogar von Übelkeit und Allergien auslösenden Gerüchen war in Internet-Foren die Rede. Hinzu kamen Unzulänglichkeiten bei der Hardware-Ausstattung, etwa ein fehlendes Zip-Laufwerk. Einige dieser Mängel wurden von Apple behoben, andere abgestritten.

Apples Preispolitik sorgte ebenfalls für Misstrauen. So wurde der Cube ohne Monitor ausgeliefert. Wer sich nicht mit seinem konventionellen Schirm begnügen wollte, musste für ein entsprechend designtes Modell mindestens 500 Dollar hinlegen. Innerhalb eines Jahres wurde der Cube außerdem mehrfach technisch aufgerüstet, etwa mit einem CD-Brenner ­ gleichzeitig befand sich der Preis im freien Fall. 1799 Dollar kostete die Standardausführung im August 2000, 1499 Dollar gegen Ende des Jahres, 1299 Dollar dann im Februar 2001. Wer zur Gruppe der "Early Adopters", der Muss-ich-haben-Charaktere gehörte, fühlte sich über den Tisch gezogen.

Die Stärke des Cubes aber war da längst sein größter Fehler geworden: das Design. Die Form schlug die Funktion, weil ihr etwas fehlte, was den iMac ausgezeichnet hatte: Gefühl ­ der Cube wirkte kalt und abweisend. "Er war eine zu logische Weiterentwicklung der poetisch halb transparenten iMacs", bilanziert Hartmut Esslinger, "bei denen der Sex-Appeal in der Andeutung des 'Darunter' liegt."

Design ist immer ein So-tun-als-ob. Die Gestalt der Dinge gab früher kollektiven Werten wie Fortschritt (in den fünfziger Jahren), Protest (Sechziger), Natürlichkeit (Siebziger) oder cooler Dekadenz (Achtziger) Ausdruck. Diese Eindeutigkeit haben die Produkte heute, in Zeiten von Mobilität und Immaterialität, nicht mehr. Die Funktionen der Geräte sind verschwommen ­ der Computer kann als Schreibmaschine, Fernseher, Tonstudio, Spielekonsole oder Schaltzentrale zur virtuellen Welt genutzt werden.

Dem iMac, mit dem Ive bei Apple seine Design-Revolution begann, sieht man dieses Flüchtige, Wabernde, Membranhafte an. Der bauchige, an ein Haustier erinnernde iMac verkaufte sich in den ersten beiden Jahren weltweit dreimal pro Minute, bis heute über fünf Millionen Mal. Zudem gibt es derzeit kaum ein Produkt, vom Philippe-Starck-Stuhl bis zum Dach des neuen Peugeot 206, das nicht mit transparenten Elementen spielt.

Damals referierte Ive noch ausführlich über seine Arbeit im Allgemeinen: "Design ist meist der unmittelbarste, deutlichste Weg, um zu bestimmen, wie sich ein Produkt im Kopf der Menschen festsetzt." Und im Besonderen: "Um sicherzustellen, dass Farbe und Transparenz vom ersten iMac an gleich blieben, suchten wir uns einen Partner aus der Süßigkeitenindustrie. Die meisten Bonbons sind lichtdurchlässig."

Der Cube wirkt dagegen wie ein unwirtlicher Klotz, eisig, hart. Dahinter bleifarbenes Blech. Und das alles in der Form eines Würfels ­ so wie auch Gefängniszellen konstruiert sind. Das war angesichts der kalten Technik vielleicht ehrlich, aber wenn Dinge für ihre Besitzer sprechen sollen, signalisiert er die falsche Botschaft. Aber vermutlich spiegelt er nur das Wunschbild seiner Macher. "Die Gestalter", so jedenfalls Esslinger, "haben ihr Ego zu sehr ausgelebt."

Andererseits: Revolutionäre haben den Status quo nie respektiert. Und deshalb die Welt verändert. So sieht es jedenfalls Jobs. Mit diesen markigen Sätzen ließ er seinerzeit die Präsentation des Cube einleiten. Und bis heute gilt bei Apple die Sprachregelung, dass die Produktion des Cube nicht eingestellt wurde, sondern nur "unterbrochen".

An die Wiederauferstehung des Cube aber glaubt wohl niemand ­ auch wenn Nintendo kürzlich einen Game Cube präsentierte, einen düsteren Quader, der in der Kategorie Spielkram gegen Microsofts XBox und Sonys Playstation 2 antreten soll. Einer der Revolutionäre, die Apple für sein Motto "Think different" als Zeugen anrief und dessen Bild auch während der Cube-Präsentation im Juli 2000 über eine gigantische Videoleinwand flimmerte, ist Albert Einstein. Der Nobelpreisträger erkannte vor Jahrzehnten: "Gott würfelt nicht."

Von Helmut Ziegler