DER SPIEGEL Infektiöse Lügenbriefe
ACHTUNG!! Noch während Sie seelenruhig diesen Artikel lesen, könnte Ihr Rechner von einem ELEKTRONISCHEN Virus KLEINGESCHREDDERT werden. Schicken Sie diese Mail SOFORT an ALLE Menschen, die Sie kennen!!!"
Online-Veteranen kennen derartig hysterische Warnungen, die immer wieder im elektronischen Postkasten landen, häufig von aufgeschreckten Bekannten weitergeleitet. Die Gefahren, vor denen diese E-Mails warnen, existieren nicht. Doch bis der Empfänger das gemerkt hat, haben die Mitteilungen ihre Aufgabe bereits erfüllt: seine Zeit gestohlen.
"Hoaxes" heißen die Windei-Warnungen auf Internet-Neudeutsch im Klartext: "Verarschungen". Wichtigstes Stilelement ist der ausgiebige Gebrauch von Ausrufungszeichen, Großbuchstaben und pseudotechnischem Science-Fiction-Geschwafel: "Der Prozessor wird in eine n-komplexe, unendliche Binärschleife geschickt", orakelt etwa die Warnung vor dem (nicht existierenden) "Good Times"-Virus, einem stilbildenden Klassiker des Genres, der anno 1994 für viel unnötige Aufregung sorgte. Meist kulminieren Hoaxes in der Aufforderung, die Mail an möglichst viele Menschen zu versenden.
"Ganz oben in meiner Virenhoax-Hitparade steht derzeit der Kettenbrief ,Wobbler'", erzählt Wolfgang Stiller, ein amerikanischer Virenspezialist, der rund 600 der Lügenmärchen analysiert hat, die zusammengekommen sind, seit Mitte der Achtziger der erste Virenhoax auftauchte.
In Deutschland ist derzeit wieder einmal der "Telefonmissbrauch"-Hoax virulent. Er warnt Mobiltelefonierer davor, eine bestimmte Nummer einzugeben (meist die 09 oder 90), da sonst die SIM-Karte ausgelesen werden könnte und später die Telefonkosten "ins Unermessliche" steigen würden.
Ein "Klingelstreich" mit Folgen: Beim Mobilfunkanbieter T-Mobil gehen seither immer wieder besorgte Anrufe ein. "Einmal in die Welt gesetzt, ist ein Hoax nicht mehr zu stoppen", sagt Pressesprecher Stephan Althoff genervt. "Ein Scherz bekommt im Internet ein Eigenleben."
Der SIM-Karten-Jokus zum Beispiel geht seit fast drei Jahren um: Anfang 1998 grassierte er laut Althoff in Irland. "Als man dort Entwarnung gab, schwappte der Hoax auf den Kontinent rüber, anfangs vor allem in die Alpenrepubliken." Vor einem Jahr eroberte er Deutschland, wo er immer wieder von neuem auszubrechen scheint. "Wir haben mal drei Monate Ruhe, dann kommt er wieder", so Althoff.
Der Grund: Immer neue Handy- und Internet-Nutzer kennen das abgedroschene Seemannsgarn der alteingesessenen Netzbürger noch nicht. Einem Hoax auf den Leim zu gehen gleicht einer Äquatortaufe im Meer der Daten und Frequenzen.
Auch Hillary Clinton musste Anfang Oktober diese Demütigung über sich ergehen lassen mitten im Wahlkampf und live im Fernsehen. Eine Journalistin fragte sie und ihren Gegenkandidaten Rick Lazio, was sie vom Gesetzentwurf "Bill 602P" hielten, der eine Besteuerung von fünf Cents pro E-Mail vorsehe. Beide Politiker wandten sich wortreich gegen die Luftnummer 602P. Die Frage war per E-Mail von einem Zuschauer eingereicht worden ob bösartig oder gutgläubig, blieb ungeklärt.
"Unsere Hotline hat mehr mit Hoaxes zu kämpfen als mit echten Viren", heißt es auf der Homepage von Sophos, einem Antivirenprogramm-Hersteller, und weiter: "Obwohl es keine offiziellen Studien darüber gibt, wird geschätzt, dass ein Hoax mehr Schaden anrichten kann als ein echter Virus."
Die amerikanische EDV-Eingreiftruppe Computer Incident Advisory Capability (CIAC) nennt mögliche Schäden: Der E-Mail-Verkehr schwelle unnötig an, und der Produktivitätsverlust sei enorm, wenn Tausende von hoch bezahlten Büromitarbeitern auch nur eine Minute mit dem Lesen und Löschen eines Hoaxes verbringen was häufig vorkommt.
Wie das Signalgewitter eines epileptischen Anfalls jagen die Unsinnsmeldungen durchs Zentralnervensystem des Internet vor allem, weil viele User schneller klicken als denken. Unzensiert huschen so finstere Phantasmen durchs Netz. Und Spekulationen über das Warum und Woher klingen bisweilen selbst wie Hirngespinste: "Es gibt Gerüchte, dass die Versender von Werbe-Mails absichtlich Hoaxes und Kettenbriefe anzetteln, um E-Mail-Adressen zu sammeln", munkelt das CIAC nur um gleich einzuschränken: "Natürlich könnte auch das wiederum ein Hoax sein."
"Hoaxes sind kein technisches, sondern ein soziologisches Phänomen", sagt Frank Ziemann, ein Berliner Netzwerkspezialist, der einen kostenlosen Newsletter zum Thema an 12 000 Abonnenten verschickt. "Die meisten Hoaxes kommen von Kids, die zu doof sind, echte Viren zu programmieren."
Der Ursprung einiger Hoaxes entpuppt sich als Aprilscherz in einer Zeitung, wie etwa die Meldung, dass die USA Drucker mit manipulierten Chips in den Irak lieferten, die dort Rechner infizieren. Andere Hoaxes scheinen einen wahren Kern zu haben, der durch das Prinzip der stillen Post immer weiter verfälscht worden ist.
Selbst harmlose Scherze wie der "Honor System"-Hoax können verunsichern, wenn ein Netzneuling das Humorige daran nicht gleich kapiert: "Dieser Virus funktioniert auf Vertrauensbasis. Schicken Sie diese Botschaft an jeden, den Sie kennen, und löschen Sie dann alle Dateien auf Ihrer Festplatte. Vielen Dank für Ihre Mithilfe."
HILMAR SCHMUNDT