Der Web-Wahlkampf: Träume sind wählergenerierte Inhalte - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Der Web-Wahlkampf Träume sind wählergenerierte Inhalte

John McCain isst Erdnüsse, Barack Obama liest Geschichten vor, Hillary Clinton zieht an der Wasserpfeife: Auf der US-Webseite MetaphysicalPoll werden Träume gesammelt, in denen Kandidaten vorkommen. Und die sagen einiges darüber aus, was der Wahlkampf mit den Menschen macht.
Von Tobias Moorstedt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der politische Traum lebt. 40 Jahre nach Martin Luther Kings berühmter I-Have-A-Dream-Rede auf der National Mall erlebt der Traum ein Comeback in der US-Politik. Eine Webseite namens MetaphysicalPoll.com  sammelt die Bewusstseinspartikel über den Wahlkampf, die den Menschen während des Schlafs durch den Kopf gehen – anders als Dr. King in seiner historischen Rede träumen die Menschen im Jahr 2008 aber weniger von universalen Rechten oder konkreten Gesetzen, sondern visualisieren die Präsidentschaftskandidaten in all ihrer Menschlichkeit; die Politiker essen, lieben, fluchen. Barack Obama liest in einem Traum eine Gute-Nacht-Geschichte vor. John McCain isst Erdnüsse in einem Irish Pub und wird von einer Hornisse gestochen. Hillary Clinton kommt in eine Studenten-WG, nimmt einen tiefen Zug von der Wasserpfeife und schenkt den verdutzten Gastgebern dann ein iPhone.

Das Internet spielt eine wichtige Rolle im diesjährigen US-Wahlkampf. Die Wähler / Bürger / Nutzer werden nicht nur von den Kampagnen und Medien mit Botschaften beschossen (top down), sondern kreieren mit Final-Cut-Pro und der Tastatur ihre eigenen Botschaften und schießen zurück (bottom up). Es beginnt das Zeitalter des Voter-Generated-Content.

Die meisten YouTube-Videos und Blog-Einträge zur Wahl ergreifen deutlich Partei für eine Partei. Das Projekt Metaphysicalpoll, das Ende 2007 von der kanadischen Künstlerin Sheila Heti ins Leben gerufen wurde (und leider nicht mehr häufig aktualisiert wird), zeigt, dass man die interaktiven und kreativen Potentiale des Webs auch auf ganz andere Weise nutzen kann.

Hillary pokert. John McCain bewirbt sich für eine Rolle in einem Action-Film. Barack Obama verfolgt eine Frau in einer dunklen Stadt. Seit Freud glauben wir, dass Traum-Phänomene nichts über die Welt, aber alles über den Träumenden aussagen. Zähne, Tunnel, Nonnen und auch Barack Obama sind Symbole für individuelle psychische Zustände.

Sheila Heti hat mehrere hundert Träume über die Kandidaten gesammelt und ist sicher sicher: "Es muss irgendwas bedeuten. Ich wünschte, die Kampagnen würden beachten, was die in den Köpfen der Menschen auslösen." Die detaillierten Traum-Anekdoten sind nicht nur unterhaltsam. Die Akkumulation der "dreams of politics" lädt dazu ein, darüber zu spekulieren, wie Menschen den Wahlkampf, die hysterischen Debatten und die multimediale Omnipräsenz der Kandidaten verarbeiten - das Internet als kollektives Unbewusstes, an dessen Bildern und Halluzinationen man ablesen kann, was die Menschen beschäftigt, wovor sie Angst haben, worauf sie hoffen.

Mittlerweile liegt eine Studie vor, in der Psychologen und Künstler mehr als 300 Träume über den Wahlkampf  analysiert haben. So fand zum Beispiel die Psychologin Kelly Bulkeley heraus, dass Aggression und Gewalt in 53 Träumen über Hillary Clinton auftauchten (von 100), jedoch nur in 39 Träumen über Barack Obama. Während Obama in den Träumen meistens das Opfer von Gewalt sei, werde Hillary genauso oft als Gewalttäter erdacht. Bulkeley: "Diese Häufigkeiten unterstützen die Annahme, dass Obama zu wenig aggressiv ist, und Hillary sich erfolgreich als Kämpferin präsentiert hat."

Manchmal sind die Träume auch ganz einfach zu deuten. Eine Frau berichtet von einem Traum über Barack Obama: Der Senator holt die Grafikdesignerin in einer lachsfarbenen Hummer-Stretchlimousine ab und fährt mit ihr durch LA. Auf einmal kommen sie in einen Stau und müssen anhalten. "Ich hatte Angst, dass Obama nun ganz wütend wird und die Autos zu Schrott fährt"; berichtet die Frau, "aber er war ganz ruhig, wendete das große Auto in sieben oder acht Zügen und wir fuhren davon" – klingt ganz nach der Sehnsucht für eine kluge, durchdachte Politik.