Die verflixten 64-Bit: Intel trabt AMD hinterher - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Die verflixten 64-Bit Intel trabt AMD hinterher

Verkehrte Welt in der Chip-Industrie: Branchenprimus Intel hat sich mit seiner 64-Bit-Strategie mächtig verkalkuliert und muss nun seine Prozessoren nach bester AMD-Manier aufmotzen. Wer klont da eigentlich wen?
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor sechs Monaten noch hatte Craig Barrett nur schnippisch abgewinkt. "64-Bit-Technologie für Desktop-Rechner und kleinere Unternehmens-Server?", raunzte der Intel-Boss missgelaunt auf die Frage einer internationalen Journalistengruppe. "Was soll das? Niemand braucht in diesem Segment 64-Bit-Prozessoren, solange entsprechende Applikationen fehlen!" Basta!

Dienstag früh nun schien Ober-Inteller Barrett bei seinem großen Keynote-Auftritt anlässlich der halbjährlichen Intel-Hausmesse IDF erneut nicht sonderlich guter Stimmung. Dabei gab es eigentlich große Neuigkeiten - wie der Fachdienst "Heise Online" schreibt sogar "ein Knallbonbon" - zu vermelden: Intel arbeitet unter dem Codenamen Clackamas Technology an "64-Bit-Extensions" für x86-Prozessoren. Will heißen: Intel frisiert nun ebenfalls seine alten 32-Bit-Chips auf 64-Bit-Leistung und bietet künftig zusätzlich zu seiner 64-Bit-Highend-Server-Technologie "Itanium" auch 64-Bit-Chips für die Desktops, Laptops und Lowend-Server des gemeinen Computervolks an.

Ups, war da nicht mal was?

Adäquate, also für die schnellen 64-Bit-Prozessoren optimierte Anwendungen fehlen nach wie vor. Und Intel tut es dennoch - Intel muss nämlich.

Erzkonkurrent AMD hat mit dem 64-Bit-Athlon-Desktop und dem 64-Bit-Opteron-Prozessor diese Chips schließlich schon seit längerem im Programm und kann durchaus respektable Verkaufszahlen präsentieren. So verbauen etwa auch die Server-Riesen Sun Microsystems und IBM AMDs 64-Bit-Rechnerherzen in ihren Systemen. Intels 64-Bit-Zukunfts-Architektur Itanium leidet dagegen bislang darunter, dass heute gängige 32-Bit-Applikationen nur mit kräftig angezogener Handbremse laufen - und 64-Bit-Programme eben noch fehlen.

Verkehrte Welt also in der Chip-Industrie. Nachdem sich Intel mit seiner 64-Bit-Itanium-Strategie ordentlich verkalkulierte, muss der kalifornische Halbleiter-Weltmarktführer nun zähneknirschend den viel kleineren Konkurrenten AMD kopieren. Dabei galt einst eigentlich AMD als die Firma, die Intels Chips klonte und zu Discountpreisen losschlug.

Barrett zufolge ist die neue Intel-Technologie, die unter dem Namen Nocona vermarket werden soll, zu AMDs 64-Bit-Extensions-Technologie "kompatibel". Gemäß Nathan Brookwood, Analyst bei Insight 64 in Saratoga, ist das eine sehr "schöne Formulierung" dafür, dass der Halbleiter-Goliath Intel nun einfach kurzerhand die Technologie des kleinen Silicon-David AMD "nachbaut".

Die ersten Nocona-Lowend-Server sollen laut Barrett zum zweiten Quartal 2004 in den Handel kommen. Die ersten Desktop-PCs und -Laptops mit "Nocona Inside" werden Intel-Sprecher Howard High zufolge auf den Markt kommen, sobald die "entsprechende Software-Unterstützung" vorhanden sei. Sprich, man wartet auf eine 64-Bit-Version von Windows, die für die zweite Jahreshälfte 2004 erwartet wird.

PCs von AMD mit 64-Bit-Technik, etwa vom Billig-Hersteller eMachines, füllen in den USA dagegen längst die Regale der Computer-Discounter und verkaufen sich dem Mangel an entsprechenden 64-Bit-Programmen zum Trotz ordentlich.

Mehr lesen über