Dieser Tweet bewegt gerade Tausende – weil er auf den Punkt bringt, wer die Schuld an sexueller Gewalt trägt
Dieser Beitrag wurde am 29.09.2018 auf bento.de veröffentlicht.
"Hättest du mal nicht so ein kurzes Kleid getragen." "Hättest du mal nicht so viel getrunken." "Wärest du mal nicht mit diesem Typen mitgegangen."
Solche und ähnliche Sätze müssen sich Menschen, denen sexuelle Gewalt widerfahren ist, häufig anhören. Manchmal sagen sie diese Sätze sogar zu sich selbst.
Es sind Sätze, die unterstellen, dass es für Opfer von sexueller Gewalt so etwas wie eine Mitschuld gebe. Dass sie irgendetwas dazu beigetragen hätten, dass ihnen diese Misshandlung widerfahren ist.
Es sind Sätze, die es den Betroffenen zusätzlich erschweren, mit dem Erlebten umzugehen. Und es sind Sätze, die am Kern der Sache völlig vorbei gehen.
Seit #MeToo reden viele von uns offener über sexuelle Gewalt. Auch dass Opfer keine Mitschuld tragen, kommt häufiger zur Sprache.
Doch selten wurde diese Tatsache so klar und anschaulich gemacht, wie in einer Reihe von Tweets, die gerade tausendfach geteilt und geliket werden.
Geschrieben hat diese Tweets Maura Quint, eine US-amerikanische Journalistin. Sie schreibt normalerweise vor allem für "The Onion", das Vorbild für die deutsche Satire-Seite "Der Postillon". Doch in diesen Tweets will sie etwas Wichtiges sagen – und erzählt deshalb ganz persönliche Geschichten.
Die erste davon lautet:
"Einmal in der High School fühlte ich mich unsicher. Ich zog ein enges, zu tief ausgeschnittenes Top an und trug dunklen Lippenstift auf, den ich normalerweise nicht trage. Ich ging zu einer Party und trank schrecklichen Fruchtwein, zu viel davon. Ein Mann fragte mich, ob ich gehen wollte, ich nuschelte 'vielleicht'. Er sagte: 'Vielleicht?'
Und dann sagte er: 'Vielleicht heißt nicht ja' und ich ging an diesem Abend nach Hause, ohne missbraucht worden zu sein, denn ich hatte auf dieser Party nicht mit einem Vergewaltiger geredet."
In diesem Stil geht es weiter. Ein Mann, mit dem sie vor einer Bar knutschte, der sie aber wieder wegschickte, als sie ihm kein klares "Ja" geben wollte. Ein anderer, der beim Ausziehen ihr Zögern bemerkte und sagte, es mache nur Spaß, wenn sie auch Lust darauf hätte.
Und immer diese Erkenntnis:
Schließlich kommt sie zu ihrer Schlussfolgerung – und die ist ebenso einfach wie treffend:
"Ich wurde belästigt. Ich wurde auch nicht belästigt. Der Unterschied schien aber nicht zu sein, was ich anhatte, wie sehr ich geflirtet hatte, wie viel ich getrunken hatte. Der einzige Unterschied schien zu sein, ob die Männer es okay fanden, mich zu belästigen – oder nicht."
Quint hat die Tweets Freitagnacht veröffentlicht, am Samstagmorgen hatten sie schon zehntausende Likes. Zahlreiche andere Twitter-Nutzerinnen und Nutzer retweeten und betonen, wie wichtig diese Botschaft ist.
Andere erzählen in den Kommentaren ihre eigenen Geschichten, die denen von Quint ähnlich sind. Von Menschen, die nicht das Falsche getan haben. Die keine Nötiger oder Vergewaltiger sind.