Dotcomtod: Rückkehr der indiskreten Lästermäuler - DER SPIEGEL
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Dotcomtod Rückkehr der indiskreten Lästermäuler

Keine Frage, so manchen Firmen-Chef freute das Ableben von Dotcomtod, "Europas führendem Anbieter und Distributor für exitorientierte Unternehmensmeldungen". Zu früh, wie es scheint, denn Anfang dieser Woche soll die Seite neu entstehen - als Forum für Indiskretionen aus und über marode Unternehmen.
Von Johannes Boie
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Korrupte CEOs, gefeuerte Mitarbeiter, schlechte Produkte und eine unvorstellbare Menge an verbranntem Geld: Das sind die Zutaten, aus denen einige anonyme Webaktive von 2001 bis 2003 den "Dotcomtod" mixten - zeitweilig die meistbeobachtete Webseite für Gerüchte und Geläster aus wackeligen Unternehmen.

Das Gerüchteforum basierte auf wenigen Regeln. Wer sich unter dotcomtod.com als "Sentinel" (engl. "Wache, Wächter") registrieren ließ, konnte dort Insiderwissen über Firmen (so genannte "Insider") und abwertende Nachrichten ("Boos") über Unternehmen veröffentlichen. Auch Pleiten ("Finals") machten die Sentinels bekannt. Bevorzugt abgewatscht wurden bei Dotcomtod die Medienbranche und die ungeliebte New Economy.

Heitere Geschäftschädigung seit 2001

Mit dem großen Pleiten-Knall des "Dotcom-Crashes" gründete "lanu", die es bis heute geschafft hat, anonym zu bleiben, den Dotcomtod. Sie entwarf mit einigen Bekannten die Spielregeln und ließ die Website von einem Dritten online stellen. Das Spiel fand viele Mitspieler, denn lanu ließ sich nicht davon abhalten, dem Ganzen einen ironischen bis zynischen Beigeschmack mit auf den Weg zu geben.

So wählte sie den Namen "Boo" für eine negative Unternehmensnachricht nicht nur wegen seiner lautmalerischen Ähnlichkeit mit dem Wort "jemanden ausbuhen". lanu wollte mit dieser Wortwahl vor allem an die spektakuläre Pleite des einst hoch gefeierten Internetstartups "boo.com" erinnern: 1999 verbrannten dessen Gründer rund 200 Millionen Euro innerhalb nur eines einzigen Jahres.

Dass das Konzept von Dotcomtod von manchen zynisch genannt wird, kann lanu verstehen. Gleichzeitig rechtfertigt sie den vor Hohn triefenden Tonfall, der auf Dotcomtod herrschte: "Würden wir trocken mit Zahlen jonglieren, würde uns niemand lesen. Wir haben uns eine Lücke gesucht und uns darin echt breit gemacht", erklärt sie. Und: "Die wichtigsten 'Sentinels' waren mir immer die, die direkt aus den betroffenen Firmen heraus geschrieben haben. Die sind alles andere als schadenfroh und zynisch."

Für Leute, die um ihren Job bangten und gleichzeitig mit ansehen mussten, wie die Chefetage das Geld verschleuderte, war Dotcomtod ein Ventil - und soll es wieder werden. Für die häufig kritisierten Branchen war Dotcomtod sogar einmal mehr als das: Für einige heiße Jahre spielte die Webseite die Rolle eines Seismographen, der Hinweise gab, wo das nächste große Beben zu erwarten war.

Geschäftsführer auf Konfrontationskurs

Entsprechend unbeliebt war die Indiskretionen-Börse bei Unternehmenslenkern. Schwer wog der Vorwurf, dass die Gerüchteküche in einzelnen Fällen wackeligen Firmen regelrecht über den Jordan geholfen habe. Kein Wunder also, dass lanu hartnäckig anonym agiert: Nicht einmal als Domaininhaberin ist sie eingetragen.

Denn der unbezahlte Job ist nicht ohne Risiken. Nach spektakulären Insidern aus dem inzwischen neu aufgestellten Unternehmen Pixelpark sollen, so lanu, beim Domaininhaber von Dotcomtod plötzlich Abgesandte der Firma drohend vor der Haustür gestanden haben.

Noch häufiger als Hausbesuche war dagegen Post vom Anwalt. Unvergessen auch bleibt der "frogdesign"-Fall 2001: Nach einem Bericht auf SPIEGEL ONLINE über die Differenzen zwischen Dotcomtod und der auf dotcomtod.com oft "gebooten" Firma frogdesign schaltete der Provider die Server ab.

Massenhafte Zugriffe als Folge des SPIEGEL-ONLINE-Artikels und juristische Drohungen hatten alle Beteiligten überfordert. Aber Dotcomtod war bekannt geworden wie "ein bunter Hund", sagt lanu. Und prompt wurde die Website im Frühjahr 2003 Preisträger des Alternativen Medienpreises der Nürnberger Medienakademie. "Es ist zu wünschen, dass Dotcomtod noch lange als Korrektiv unserer schönen neuen Wirtschaftswelt da sein wird", hoffte damals der Laudator.

Ein frommer Wunsch, der nicht in Erfüllung ging, denn schon zum Zeitpunkt der Preisverleihung war es fast vorbei mit dem Dotcomtod. Schon im Oktober des gleichen Jahres war zeitweilig Schluss mit "Boos", "Finals" und "Insidern", danach ging es zunächst und zunehmend ruckelig weiter.

Die Abschaltung im Oktober 2004, sagt lanu, hatte am Ende eine Vielzahl von Gründen. Ja, es gab rechtliche Querelen, doch schwerer wogen die internen: Nachdem sich lanu "aus persönlichen Gründen" weitgehend aus der Arbeit an der Webseite zurückgezogen hatte, verlor das Angebot zunehmend seine Linie. Schließlich wurde dem nicht durch Anonymität geschützten Domaininhaber das ständige Kopf-Hinhalten zu blöd, andere Verantwortliche mussten gesucht werden. Ein neuer Betreiber in der Schweiz wurde gefunden, die Server immer häufiger gewechselt. Nach diversen Umleitungen und Verzögerungen war Dotcomtod schließlich gar nicht mehr erreichbar. Wer die Seite aufrief, musste sich mit dem Hinweis "Dotcomtod is reloading" zufrieden geben.

Doch wie es so weit kommen konnte, dass Dotcomtod offline gehen musste, soll in Zukunft niemanden mehr interessieren, Gründerin lanu hält die Zügel wieder in der Hand.

Ursprünglich sollte Dotcomtod Montagmittag wieder online sein. Den Termin kann lanu nicht halten, aus technischen Gründen, wie sie sagt. Die neuen Seiten werden in den USA gehostet, weit weg von deutschen Anwälten. Aber unabhängig davon, wie sich der neue Internetauftritt von der altbekannten Lästerecke in optischer und funktionaler Hinsicht unterscheiden wird - wenn alles gut (oder schlecht) läuft, wird es nur eine Frage von Stunden sein, bis der erste "Boo" eine neue Kontroverse anheizt.