Dunkelziffer e.V.: Hilfe mit geballten Fäusten - DER SPIEGEL
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Dunkelziffer e.V. Hilfe mit geballten Fäusten

Im Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie hat sich ein Hamburger Verein bundesweit einen Namen gemacht. Die Helfer von Dunkelziffer e. V. kümmern sich um Opfer, organisieren Anwälte, schulen Richter und Polizisten - und kämpfen mit ihren Gefühlen.
Von Stefan Lemke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn in der Hamburger Geschäftsstelle von Dunkelziffer e. V. das Telefon klingelt, muss Leiterin Vera Falck auf alles gefasst sein. Es könnten Unterstützer wie "Pur"-Sänger Hartmut Engler oder die Firma Bvlgary dran sein, ein Redakteur der RTL-Talkshow von Hans Meiser, der einen Dunkelziffer-Mitarbeiter einladen will - oder ein kleines Mädchen, dass zum ersten Mal in ihrem Leben von der Hölle erzählen will, die sie jeden Tag durchmacht.

"Meistens erfahren wir von Übergriffen auf Kinder durch Angehörige", erzählt Vera Falck, die seit knapp drei Jahren das Büro von Dunkelziffer leitet. Der Erstkontakt zu Opfern oder Angehörigen erfolge zu 95 Prozent telefonisch. Oft meldeten sich die Mütter von missbrauchten Kindern. "Manchmal ruft aber auch ein besorgter Opa oder eine Lehrerin an, die einen Verdacht hat und nicht weiß, wie sie sich verhalten soll." Die Unsicherheit im Umgang mit dem Thema Kindesmissbrauch ist groß.

Immer noch ein Tabu-Thema

Dunkelziffer bietet Beratung, Therapie und Prävention. 1993 gründete der Journalist Klaus Meyer-Andersen den Verein zusammen mit Ärzten und Psychologen, nachdem er die Öffentlichkeit bereits durch eine "Stern"-Artikelserie aus der Kinderporno-Szene schockiert hatte. Doch auch heute schlafe ein großer Teil der Öffentlichkeit, meint Vera Falck:"Trotz einiger Initiativen ist Kindesmissbrauch immer noch oft ein Tabu-Thema."

Die öffentliche Sprachlosigkeit beim Thema Kindesmissbrauch, die nur vereinzelt durch große Berichte über "Sex-Monster" durchbrochen wird, befällt zuweilen auch die Dunkelziffer-Mitarbeiter selbst. Zu tief sind die menschlichen Abgründe, mit denen die Helfer es täglich zu tun haben: "Ich möchte gar nicht in Worte fassen, was ich schon alles sehen musste", meint Vera Falck. Die 53-Jährige organisiert Dunkelziffer-Schulungen für Richter, Staatsanwälte und Kriminalbeamte. Dabei werde auch einschlägiges Material aus der Praxis gezeigt, so Falck: "Manche Bilder werde ich nie vergessen können."

Aufklärung für Richter und Staatsanwälte

Dennoch sind die Internet-Seminare ein wichtiges Aktionsfeld des Vereins. Viermal im Jahr stellen sich dabei Experten aus der Wirtschaft und vom Kieler Landeskriminalamt zur Verfügung, um ihr Wissen über Kinderpornografie an Richter, Staatsanwälte und Kriminalbeamte weiterzugeben - und dies kostenlos: "Wir zahlen den Teilnehmern sogar die Anreise", erzählt Vera Falck. Sie hält die gezielte Aufklärung im Kampf gegen den Kindesmissbrauch für unerlässlich: "Strafverfolgung ist das A und O, um einen möglichst großen Abschreckungseffekt zu erreichen." So manchem Richter oder Staatsanwalt seien bei den Schulungen die Augen aufgegangen.

Vor allem aber will sich der Hamburger Verein um die die Opfer kümmern. Zwei Therapeutinnen betreuen zurzeit 16 Kinder in Einzel- und Musiktherapie. Zudem bieten sie zwei Mal in der Woche eine "Erstberatung" an: telefonische und persönliche Sprechstunden, für Opfer oder Angehörige ein möglicher Weg aus der seelischen und oftmals auch sozialen Isolation. Wenn die Beraterinnen den Anrufern nicht selbst weiterhelfen können, vermitteln sie den Kontakt zu den regionalen, mit Dunkelziffer kooperierenden Einrichtungen.

Der Verein hat zudem ein Netz aus spezialisierten "Opferanwälten" aufgebaut, das sich fast über das gesamte Bundesgebiet erstreckt. Dabei handelt es sich überwiegend um Juristinnen mit einschlägigen Erfahrungen im Bereich Kindesmissbrauch. Wichtig sei, so Vera Falck, dass der rechtliche Beistand für die Opfer kostenlos ist: "Die Täter kommen zwar aus allen Bevölkerungsschichten, aber Hilfe darf nicht am Geld scheitern." Dunkelziffer arbeitet nur mit Spenden und Bußgeldzuweisungen. Daher ist die Unterstützung von Prominenten wie den Musikern von Pur, dem Mode-Designer Joop oder dem Schauspieler Mario Adorf sehr willkommen. "So bleiben wir unabhängig. Wenn schnell eine Pflegefamilie für ein Kind in einem anderen Bundesland organisiert werden muss, wollen wir nicht erst die Behörden um Erlaubnis fragen."