E-Sport Lidija kommandiert Terroristen
"Ich liebe Rechner!" Agnes aus Goslar steht auf der Showbühne in Halle 22 und strahlt. Der Moderator hat sie eben aus der Masse gepickt und zu sich geholt es ist Show Time bei den Europäischen Meisterschaften der World Cyber Games . Agnes hat jetzt die Chance, ein Headset zu gewinnen. Während Hostessen mit einem Dauerlächeln Schlüsselbänder und rote Käppis in die Menge werfen, erzählt Agnes, dass sie am liebsten "World of Warcraft" spielt. Die Menge vor der Bühne gröhlt und applaudiert. Denn Agnes hat seltenheitswert. Sie ist eine der wenigen Frauen, die überhaupt den Weg in das 8000 Quadratmeter große Areal gefunden hat.
Vielleicht liegt es daran, dass die Elite der europäischen E-Sportler fast durchweg männlich ist. Unter den mehr als 250 Gamern, die in Hannover um Preisgelder von insgesamt rund 100.000 US-Dollar kämpften, war keine einzige Frau.
Kurz nachdem Agnes mit einem Trostpreis von der Bühne verschwunden ist, wird der Wettkampf der Gamer offiziell eröffnet. Zaali Kheladze aus Georgien tritt im Computer-Fußball gegen Karolis Zaveckas aus Litauen an. Oder wie es im Jargon heißt: "Gruzin" spielt gegen "draugas001". Denn jeder Spieler ist unter seinem ganz speziellen Pseudonym in der Cyberwelt unterwegs. Die beiden Kontrahenten sitzen in einer Art Glaskasten, abgeschottet vom Rest der lauten Messehalle.
Während das Fußballspiel auf Großleinwand übertragen wird, findet die Eröffnungsrunde des "Counter-Strike"-Turniers im Verborgenen statt. Der Tactik-Shooter fällt unter den Jugendschutz und darf in Deutschland erst ab 16 Jahren gespielt werden in einer entschärften Version.
Deswegen sitzen die "Counter-Strike"-Spieler in einem abgetrennten Areal - hinter einem grauen Vorhang. Dort steht auch Lidija Abovic und gibt ihren fünf Jungs Anweisungen. Bei "Counter-Strike" zählt vor allem eines: das Zusammenspiel im Team. Meist sagt einer der Spieler, der "Game Leader", die aktuelle Taktik an, die anderen ziehen mit. Der Clan aus Serbien hat hierfür nicht nur den Game Leader, sondern auch Lidija. Und das ist ungewöhnlich. Sie sind hier die einzigen, die ein weibliches Wesen kommandiert. Deswegen erntet Lidijas Clan jede Menge ungläubiger Blicke.
Doch die Lehramts-Studentin lässt sich davon nicht beirren, sondern hat alle fünf Bildschirme des Clans im Blick. "Ich hoffe die Jungs machen heute einen guten Job", sagt sie. Ihr Team bemüht sich darum, erfolgreich eine Bombe zu legen - sie sind in die Rolle von Terroristen geschlüpft. Die Gegner aus Estland wollen sie als Anti-Terror-Einheit genau an diesem Auftrag hindern.
Lidija Abovic nennt sich selbst die Managerin des Teams. Sie ist die einzige Frau in dem abgetrennten Areal. "Früher bin ich selber auf Turnieren angetreten allerdings waren das nur Wettkämpfe für Frauen", sagt sie. Mittlerweile befände sie sich mit ihren 23 Jahren aber im "Ruhestand".
Die Female-Turniere, von denen Abovic spricht, sind bei vielen männlichen Profi-E-Sportlern nicht sehr hoch angesehen. Es geht die Meinung um, dass das spielerische Niveau bei den Damen einfach zu niedrig sei. Umgekehrt beklagen einige Frauen, dass die männlichen Zocker schon ziemliche Machos wären.
Bei den World Cyber Games 2005 in Singapur sorgte die Studentin Verena Vlajo endlich für die Sensation: Sie hatte es als erste und bisher einzige Frau in der Geschichte der E-Sport-Olympiade bis in die Endrunde geschafft. Das Metier der Österreicherin war das Computerspiel "Dead or Alive". Vlajo schied zwar schon zu Beginn des Turniers aus, war aber ein gefeierter Medienstar. In verschiedenen Internet-Foren tauchten sogar Heiratsanträge auf. Doch das ist mittlerweile knapp zwei Jahre her.
Inzwischen steht Lidija Abovic am Rand von Halle 22 und raucht eine Sieges-Zigarette. "Wir haben gewonnen!" ruft sie. Ihr Clan hat Estland besiegt. Die Managerin aus Serbien ist stolz auf ihr Team. Sie würde die Jungs am liebsten sofort zum Finale der World Cyber Games nach Seattle schicken.
Während Lidija noch an ihrer Zigarette zieht, hüpft das Maskottchen des Turniers in silberfarbenem Kostüm an ihr vorbei. Es hebt grüßend die Hand - vielleicht aus Solidarität. Denn auch unter dem schimmernden Schaumstoff verbirgt sich ein weibliches Wesen. Das Team von Lidija schafft es noch die Schweiz zu schlagen - fliegt dann aber in der zweiten Runde aus dem Turnier. Jetzt ist das Maskottchen die letzte offizielle Teilnehmerin der europäischen Meisterschaften.