eBay: Anti-Nazi-Filter leicht auszutricksen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

eBay Anti-Nazi-Filter leicht auszutricksen

Eigentlich war es ja eine gute Idee. Ein Filtersystem sollte deutsche Internetnutzer davon abhalten, beim Internet-Auktionshaus eBay.com Nazi-Devotionalien zu kaufen. Doch mit einem simplen Trick lässt sich der Zugriffsschutz aushebeln, hat SPIEGEL ONLINE herausgefunden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Botschaft kommt schlicht daher: "Lieber Nutzer: Leider wurde der Zugriff auf diesen Artikel oder diese Kategorie auf Grund gesetzlicher Regelungen in Ihrem Heimatland gesperrt." So blockt das US-amerikanische Internet-Auktionshaus eBay.com seit einiger Zeit den größten Teil der aus Deutschland stammenden Anfragen nach Nazi-Memorabilien ab. Ein Software-Filter, der bei jedem Zugriff auf eine virtuelle Auktion die Herkunft des Surfers überprüft, arbeitet dabei im Hintergrund. "Erstaunlich leistungsfähig" seien diese Rausschmeißer-Programme, lobte die "Frankfurter Allgemeine" Ende vergangenen Jahres.

Also alles gut? Haben die ewig gestrigen Fans von "Mein Kampf" und Co. keine Chance? Weit gefehlt. Zwar bietet der deutsche Ableger von eBay so gut wie keine Nazi-Artikel an, ein Zugriff auf die entsprechenden amerikanischen Kategorien ist allerdings mit einigen kleinen Manipulationen am Web-Browser möglich. Mit wenigen Handgriffen lassen sich Netscape oder der Internet Explorer in Sekundenschnelle so umkonfigurieren, dass der Filter überlistet werden kann. Nötiges Fachwissen: nahezu null. Die genaue Verfahrensweise verraten wir allerdings nicht.

Filter, welcher Filter?

Das Ergebnis der Veränderungen am Browser ist in jedem Fall durchschlagend. Wo bei eBay.com eben noch der freundliche aber bestimmte Hinweis für Ordnung sorgte, und einen Zugriff auf die Versteigerung der Originalausgabe von "Mein Kampf" verhinderte, ist nun nach einem einfachen Neuaufruf der Seite die virtuelle Auktion des Hitler-Werkes zu sehen. Der Filter ist wirkungslos, er erkennt die Herkunft des Surfers nicht mehr.

"Wenn das so funktioniert, wie hier beschrieben, dann ist das völlig unzureichend", urteilt Michael Dickopf vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) über den eBay-Filter. Das Urteil des Experten ist vernichtend: "Jeder Filter - egal wie er konstruiert ist - kann nur bedingt wirksam sein." Dickopf zeigt die Schwierigkeit beim Design der Zugriffsschutz-Software auf: "Bei der Konstruktion von Filtern dieser Art hat man zwei Probleme. Erstens, wie schaffe ich es, Unberechtigte herauszuhalten, und zweitens, wie realisiere ich es, Berechtigten trotzdem Zugang zu gewähren."

Mindestens die erste der beiden Vorgaben verfehlt eBay klar. Dabei ist der Ansatz der geografischen Filterung durchaus viel versprechend, auch wenn diese - eines fernen Tages - vielleicht dafür sorgen könnte, dass im grenzenlosen Netz wieder nationale Barrieren Einzug halten. Bereits im vergangenen Sommer war der Internetdienst Yahoo! von einem Gericht in Paris dazu verurteilt worden, französische Surfer von Nazi-Auktionen auf der Webseite yahoo.com fernzuhalten. Dort waren zuvor SS-Uniformen und SA-Dolche versteigert worden. Gutachter hatten dem Gericht zuvor bescheinigt, ein geografischer Filter könne 90 Prozent der französischen Surfer ausfindig machen und blockieren. Diese Zahl sei ausreichend, befand der Richter.

"Kein präziser Zeitrahmen" für die Verbesserung der Filter

Als einen "ersten Schritt" bezeichnet Kevin Pursglove, Sprecher von eBay.com, die jetzigen Filter. Aus freien Stücken habe man das System zur Zugriffskontrolle eingeführt und die deutschen Behörden von Anfang an auf die Lücken des Systems hingewiesen. Die offenkundigen Schwächen des eBay-Filters in seiner jetzigen Version interessieren Pursglove nicht: "Wir werden weiterhin die Effektivität des Programms testen und Wege suchen, wie wir die Software verbessern können." Wann die Filter tatsächlich ihre Funktion erfüllen könnten, will der eBay-Sprecher nicht sagen. Dafür gebe es keinen "präzisen Zeitrahmen".

Doch egal wie ausgefallen ein Softwarefilter ist, Experten können ihn stets austricksen, glaubt BSI-Experte Dickopf. Gleichzeitig entwirft er ein alternatives Szenario, das helfen könnte, deutsche Neonazis bei Online-Auktionen von Nazi-Gegenständen weitgehend außen vor zu lassen: "Wirksamer wäre es, beim Versand der Artikel auf die Postadresse zu schauen, und dann gegebenenfalls eine Auslieferung zu stoppen." Und dann formuliert Dickopf eine Vision, die nach Stand der Dinge noch für einige Zeit Wunschdenken bleiben dürfte: "Das Beste wäre, wenn sich Internet-Auktionshäuser klar von Dingen wie Nazi-Devotionalien distanzieren würden. So etwas sollte generell von der Versteigerung ausgeschlossen werden."