Ein Tag mit dem Game Boy Advance
Freitag, der 22. Juni 2001, markiert für Nintendo ein ganz besonderes Datum. Nach elf Jahren unangefochtenen Monopols wird der Dauerbrenner unter den mobilen "Spielkonsolen" abgelöst. Der Game Boy ist tot, es leben der Game Boy Advance.
Der Game Boy hat in all den Jahren Segas Game Gear genauso überlebt wie Ataris Lynx oder all die anderen kläglich gescheiterten Versuche, Video-Gaming ebenfalls mobil zu machen. Das Erfolgsrezept? Das Ding macht einfach Spaß. Ein Batteriesatz hält ewig, und es gibt tolle Spiele. Ob der Neue das genauso gut kann?
Rund 250 Mark kostet der Game Boy Advance. Leider ohne "Tetris"-Spiel. Den alten Game Boy gab's mal mit. Schön, dass wenigstens das alte Modul auf dem neuen Game Boy funktioniert. Klappt mit allen Spielen, sagt Nintendo. Der Neue ist klein, wirkt aber nicht zerbrechlich. Nur das Steuerkreuz links scheint etwas winzig geraten.
Und die Farbe!
Das Gehäuse ist rosa eingefärbt, in keinem satten Ton, eher transparent. So, als sei er dazu gedacht, kleine Mädels mit niedlichen Barbie-Spielen zu verführen. Es gibt aber auch andere Varianten.
Christian, acht Jahre alt, ist das egal. Unser Probespieler lebt in Haar bei München und hat den Praxistest für uns gemacht. Das Gerät nach der Schule ausprobiert und ein bisschen herumgezeigt. Cool fand er das, weil seine Freunde ihn damit cool finden. Schön für ihn: Als Lifestyle-Gadget für Achtjährige taugt der Game Boy Advance also offenbar.
Und Christian kommt mit dem Gerät sofort klar. Schaltet ein und freut sich über den lustigen Jingle, mit dem der rosa Mini zum Leben erwacht. Hinten im Schacht parkt bereits eines dieser aberwitzig winzigen Spielmodule. So klein wie eines dieser Streichholz-Briefchen, mit dem der Italiener um die Ecke immer wieder an seine Adresse erinnert. Wenig handfest, was man da für 90 Mark bekommt. Aber ein komplettes Spiel ist drauf: "F-Zero". Ein Rennspiel.
Intuitiv bedienbar für kleine Spieler
Christian steht sofort am Start, hat gleich die richtigen Knöpfe gefunden. Der neue Game Boy hat mehr davon als der alte, insgesamt sechs, dazu Steuerkreuz und Ein/Aus-Schalter. Unsere erwachsene Probespielerin Steffi hat sich da erst mal vertan und im Labyrinth der Bildschirme verrannt. Kinder werden offenbar von untrüglichen Videospiel-Instinkten geleitet. Trotzdem meckert Christian wegen der Steuerung, rodelt dauernd von der Straße. Irgendwann hat er den Bogen aber raus und viel Spaß.
Zeit für ein neues Spiel: "Super Mario Advance". Ein Favorit der älteren Spielergeneration. Christian steht eher auf Pokémon. Aber die gibt's für den Advance vielleicht erst um Weihnachten, sagt Nintendo. Unser Tester mag den Klempner im Blaumann nicht, weil der zwar selten redet, aber dann nicht deutsch. Das ist tatsächlich seltsam: Von einem Achtjährigen erwartet niemand, das er englische Bücher versteht. Wieso sollte das dann bei englischen Videospielen der Fall sein? Leider teilen sich die meisten Titel für den Game Boy Advance dieses Problem: Nur die Anleitung ist übersetzt.
"Wieso geht der nicht heller?"
Das gilt auch für "Castlevania". Ein Actionabenteuer mit Vampiren und Fledermäusen. Ein Klassiker, jedenfalls vor vielen Jahren am alten Game Boy. Christian kennt den Titel nicht.
Und beschwert sich: "Wieso geht der nicht heller?" Gemeint ist der Mini-Bildschirm, wo die Vorgeschichte als (englische) Laufschrift zwischen Gewitterstürmen und verlassenen Gruselhäusern herumgeistert. Kaum zu entziffern. Schade, dass der Game Boy in diesem Punkt nicht verbessert wurde: Dem Display fehlt die Hintergrundbeleuchtung, das Bild ist sehr dunkel. Außerdem spiegelt die Verglasung wie eine frisch polierte Harley.
Wehe, wenn es dämmert, die Sonne vom Himmel brennt oder jemand auf die Idee kommt, mit dem Gerät die U-Bahn-Fahrt kurzweiliger zu gestalten: Wie die Blüte einer Sonnenblume muss Christian seine Position nach der hellsten Lichtquelle in der Umgebung ausrichten. Den Game Boy Advance mit beiden Händen gleichzeitig locker im Griffm nach dem einen Winkel suchen, in dem das Display mehr zeigt als das Spiegelbild des Sitznachbarn. Ob der wegen der zu lauten Musik so missmutig dreinblickt? Na denn: Ohrhörer auf, Friede gesichert, und das sogar in Stereo. Die Klangqualität ist ziemlich erstaunlich. Das findet jedenfalls unser Testspieler, dem der kunterbunte Geschicklichkeitstest "Rayman" wegen der lustigen Musik so gut gefallen hat. Weil außerdem der Held deutsch spricht und die knallbunte Optik so "krass" ist, "Alder"!
Also, wenn man sie mal gut sieht, sehen die Spiele schon ziemlich gut aus. Nicht so toll wie auf der PlayStation, sagt Christian. Aber besser als früher auf Mega Drive und Super Nintendo. Warum der Vergleich? Weil Preise und Spielangebot auch und gerade die erwachsene Generation ansprechen. Gamer, die mit Sonic und Mario aufgewachsen sind und zu gerne in Nostalgie schwelgen. Fazit: der Game Boy Advance, ein schönes, teures Spielzeug. Außer man ist nachtblind.