Ende einer Web-Legende Der Rufer in der Wüste schweigt
Eigentlich schreibt man Nachrufe ja erst, wenn alles vorbei ist. Mit diesem Nachruf hier verhält es sich allerdings etwas anders, denn die Institution, um die es geht, liegt noch in den letzten Zuckungen.
Allerdings stehen die Zeichen so schlecht für Vmyths.com, dass ein Nachruf angebracht scheint - und damit auch das Präteritum in der Frage: Was war so interessant an dieser Webseite?
Auf Vmyths.com hat vor sich vor allem einer seit 1995 immer wieder geäußert, der weder still sein konnte, noch wollte: Rob Rosenberger. Mit bissigen Kolumnen schrieb er zusammen mit ein paar Kollegen gegen überzogene Warnungen vor Viren, Würmern und Cyberterroristen an - und brandmarkte diese Warnungen allzu oft als bewusstes Angstmachen der Computersicherheitsindustrie. Nur ums schnelle Geld ginge es den Softwarefirmen, so Rosenbergers Credo, und nicht um die Verbreitung seriöser Informationen.
"Deren Motivation ist es nicht, die Welt zu retten, sondern Profit zu machen", resümierte Rosenberger vor rund zwei Jahren im Interview mit SPIEGEL ONLINE.
Mit Sarkasmus gegen die Panikmacher
Seine Waffe gegen die globale Panikmache, die er mit "Fear, Uncertainty, Doubt" - also Angst, Unsicherheit und Zweifel - umschrieb, war beißender Zynismus, verbreitet auf Vmyths.com.
Legendär wurden Rosenbergers Streitereien mit der Softwarefirma mi2g und deren Chef D.K. Matai. Das Unternehmen war mit aufgeblasenen Warnungen im Zusammenhang mit der Datumsumstellung zum Jahrtausendwechsel bekannt geworden und veröffentlicht mit schöner Regelmäßigkeit haarsträubende Prognosen zu jeweils kurz bevorstehenden Cyber-Kriegen. Rosenberger konterte stets, solcherart Veröffentlichungen seien "lachhaft" - sehr zum Zorn der Rechtsabteilung von mi2g.
Dass Vmyths.com nun voraussichtlich seine Arbeit einstellt, hat aber nichts mit juristischen Streitereien zu tun. Der Firma geht schlicht das Geld aus - wie so vielen Netzangeboten dieser Tage. Und trotzdem ist das Ende von Vmyths.com anders als viele Webpleiten der letzten Zeit. Denn dieses Ende hat auch mit der zweiten Karriere von Rob Rosenberger zu tun, die im Web bereits in der Vergangenheit für Gesprächsstoff sorgte.
Rosenberger: Ein Cyberkrieger?
Rosenberger muss seine Arbeit an Vmyths.com nämlich aufgeben, weil er als Reservist der US-Air Force an den Persischen Golf zieht. Um diesen Teil seiner Karriere hatte der Chef-Zyniker stets den Mantel des Schweigens gebreitet. Angeblich arbeitet Rosenberger für das "609th Information Warfare Squadron" - er selbst könnte im weitesten Sinne also ein Cyberkrieger sein. "Ich kann nicht darüber sprechen", beantwortete er eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE nach seinem Job beim Militär.
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Und weil Rosenberger nun geht, ist sein Projekt gefährdet. Eine Vertretung kann er nach eigenem Bekunden nicht bezahlen - schließlich gebe es kaum Werbekunden. "Wir würden gern jemanden einstellen, WENN wir das Geld bezahlen könnten", so Rosenberger unlängst in einer E-Mail, die im Netz veröffentlicht wurde . Um das Geld dennoch zusammen zu bekommen, können jetzt Vmyths.com-Leser freiwillig spenden .
Doch offensichtlich glauben selbst die Macher der Webseite nicht mehr an einen Erfolg. "Wenn es kein Wunder gibt, wird Vmyths nicht mehr länger aktualisiert", heißt es in einer Mitteilung von George Smith .
Würde Vmyths.com, der Rufer in der Wüste, nun schweigen, wäre das ein Verlust für das Netz. Denn die PR-Strategen der IT-Sicherheitsindustrie schweigen mit Sicherheit nicht.