Ende eines Un-Falls DVD-Codeknacker Johansen freigesprochen
Von "Bandenkriminalität" hatte die Staatsanwältin ganz im Sinne der auf eine harte Strafe drängenden Industrie gesprochen. Sie malte das Bild einer international vernetzten Gruppe von Hackern und Codeknackern aus Schweden, den Niederlanden, Großbritannien, Deutschland, Russland und anderen Ländern, die der Industrie schwersten Schaden zugefügt hätten. Ihr Vergehen: Die Verbreitung von DeCSS, dem Programm, das DVD-Kopien erst möglich machte. Schöpfer dieses Programmes war unbestritten John Lech Johansen, der daraufhin kurzzeitig zum webweit gefeierten Star avancierte. Seine Verteidigung konnte der heute 19-Jährige aus den Spendengeldern finanzieren, die Bürgerrechtler in aller Welt für ihn gesammelt hatten.
Seine Verteidiger malten ein durchaus ähnliches Bild wie die Kläger: Weltweit vernetzt sei die Gruppe gewesen, und sie verbreitete und tauschte eine Menge, und das befremdlicherweise völlig ohne kommerzielle Interessen.
Auch Johansen, versicherten sie, schrieb DeCSS nicht, weil er irgendjemandem hätte schaden wollen, sondern weil er so ein Programm gerade brauchte und Vergleichbares von der Industrie nicht angeboten wurde. Johansen wollte auf seinem Linux-Rechner DVD-Filme sehen. Dafür schrieb er DeCSS und verteilte den Code, treulich dem Grundgedanken der Open Source folgend, im Web: Teilen, teilen, das macht Spaß, denn dann kriegen alle was. Ob man das nun als gefährliche Piraterie oder als jugendliches Heimwerken versteht, ist anscheinend eine Wahrnehmungsfrage.
Die Richter neigten da eher der Verteidigung zu. Johansens Taten, befanden am Dienstagmorgen die drei Richter am Stadtgericht Oslo, waren keine Verbrechen, weil sie gegen kein geltendes Gesetz verstießen. DeCSS habe er für den Eigengebrauch aus Code-Schnipseln zusammengebastelt, die ihm andere zugeschickt hätten. Davon, dass er sich illegal Zugang zu geschützten Daten verschafft habe, wie es in der Anklage hieß, könne keine Rede sein.
Ende einer Schlacht von gestern
Für die Entertainment-Industrie ist das eine schwere Schlappe, auch wenn Kopiersoftware mittlerweile ganz offen gehandelt wird. Sie hätte gern ein Exempel statuiert gesehen: Selten hatte die Industrie hysterischer auf einen "Hack" reagiert als auf DeCSS. Im August 2000 kam gar es zu Klagen gegen einen T-Shirt-Hersteller, weil der Teile des DeCSS-Sourcecodes auf so genannte Open-DVD-T-Shirts hatte drucken lassen.
Denn CSS, das durch DeCSS geknackte "Content Scrambling System", galt der Industrie als heilige Kuh. Das angeblich narrensichere, unknackbare CSS sollte als Kopierschutz die DVD unangreifbar machen. Stattdessen kollabierte das hochgelobte System, die gemeinschaftliche Entwicklung führender Industrieunternehmen, nach wenigen Wochen, weil ein frustrierter 15-Jähriger es fies fand, das CSS es verhinderte, dass er DVDs auf seinem Linuxrechner sehen konnte. Die Industrie reagierte auf die peinliche Panne mit solcher Lautstärke, dass dies beinahe die Lacher übertönt hätte. Doch die Katze war aus dem Sack: DeCSS ging um die Welt, landete auf Webseiten, in E-Mails, Diskussionsforen, auf T-Shirts, Postern und Tassen. Am Ende sah sich die Industrie gezwungen, auf ein anderes (ebenfalls längst geknacktes) Verschlüsselungsformat umzusteigen.
Die Staatsanwaltschaft überlegt nun, ob sie in Berufung gehen sollte. Dabei ginge es dann ganz offenbar ums Prinzip: Zuletzt hatten die Kläger gerade noch ein Strafmaß von 90 Tagen auf Bewährung und die Beschlagnahmung von Johansens Computer gefordert. Den darf der "Computerfreak" nun behalten, wenn er ihn überhaupt noch hat: Das gute Stück wäre inzwischen immerhin vier Jahre alt.
Frank Patalong