England Per Kartoffelkraft ins World Wide Web
"Die Zunahme des Volumens der subterranen Agrarfrucht steht in reziproker Relation zum Intellekt des Kultivators" - ein wahrscheinlich seit Jahrhunderten beliebter Joke unter Studenten. "Der dümmste Bauer erntet die dicksten Kartoffeln" soll das heißen - und verortet die Produzenten der nahrhaften Knolle nicht unbedingt im oberen Feld der Ansehensskala. Das könnte sich ändern.
Der "Kartoffel-Server " macht weltweit Schlagzeilen: Englischen Tüftlern ist es angeblich gelungen, einen Web-Server nur mit der Energie zu betreiben, die sie aus einem "Kartoffel-Kraftwerk " gewannen. Seit Anfang der Woche ist der "Spud Server" online, betrieben mit der Kraft aus zwölf Kartoffeln.
Das klingt nach Aprilscherz, ist aber wohl keiner: Tatsächlich lässt sich in einem ganz einfachen Versuchsaufbau innerhalb weniger Minuten mit Kartoffeln (und anderem Obst und Gemüse) mittel Elektrolyse eine geringe Menge Strom erzeugen. Mit Kartoffelstrom betriebene Uhren gehörten zu den zahlreichen Geschmacksverirrungen der siebziger und achtziger Jahre, konnten sich aber am Markt nicht nur wegen ihrer optischen Nachteile nicht durchsetzen: Genügend große Kartoffeln sind nicht zu jeder Jahreszeit verfügbar, was die Stromerzeugung zum Saisongeschäft mit starken preislichen Schwankungen macht.
Die Bastler von "totl.net " speckten ihren Web-Server bis auf die absolut notwendigen Grundbestandteile ab, um den Strombedarf zu senken. Gute britische Kartoffeln (England-Reisenden als "Pinks" bekannt, die sich durch Größe, guten Geschmack, mehligen Biss und gute Stromausbeute auszeichnen) genügen nun - nach Angaben der Produzenten - als alleinige Energiequelle. Die Kartoffel-Produktion auf dem Weg zum Dot.com-Business?
Wohl kaum. Kartoffelwechsel könnten zu Stromausfällen führen, der fortschreitende Verfall (unter Kartoffelstrom-Produzenten als "Faulung" berüchtigt) zu erhöhtem Kartoffelbedarf (besonders im Sommer!) und wäre - obwohl das alles zunächst preiswert klingt - wahrscheinlich teurer als konventioneller Strom. Effektiver scheint die Stromgewinnung aus Kartoffelschalen zu sein, ihr Einsatz wird auch in Deutschland geprüft.
Immerhin böten sich Zweitverwertungen der bereits benutzten, nun unschöne Elektroden-Löcher aufweisenden Erdäpfel an. Möglich wäre zum Beispiel die Vermarktung der unappetitlichen Gebraucht-Knollen als Munition. Denn neben der Stromerzeugung aus "Krummbeeren" (so die pfälzische Bezeichnung) erlebt derzeit auch eine weitere Nutzung der Feldfrucht ein überraschendes Revival: Die Kartoffel-Knarre , ebenfalls eine Errungenschaft der siebziger Jahre, feiert im Web fröhliche Urständ.
Wer bekäme nicht feuchte Augen bei der Erinnerung an die kleinen, praktischen Spielzeugwaffen, für die immer und überall passende Munition zu erhalten war? Die - ohne Einsatz brennbarer oder explosiver Materialien - herrliche Knallgeräusche von sich gaben und zudem die Identifikation von Getroffenen dadurch erleichterten, dass sie hässliche, gut sichtbare Flecken auf weißen T-Shirts hinterließen? Doch auch an der Kartoffel-Knarre ging der Fortschritt nicht vorbei: "Spudgun Technologies " bietet für wahre Fans sogar Aluminiummodelle mit Laser-Zielvorrichtung an (Modell SP9004).
Nein, die Zeit der Kartoffelproduktion und zahlreicher anderer Alt-Industrien ist auch im Dot.com-Zeitalter nicht vorbei, gerade Dank des World Wide Web. Kartoffel-Uhren, -Knarren und anderes, längst vergessenes Siebziger-Jahre-Spielzeug: Eine Idee für ein Internet-Startup? Gründungskredite gibt es bei der Deutschen Ausgleichsbank .
Frank Patalong