Entlassungen: Wired schrumpft weiter - DER SPIEGEL
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Entlassungen Wired schrumpft weiter

Einst war Wired die prominenteste Newsseite im Internet. Doch in zehn Jahren wechselte einige Male der Besitzer - und damit die Strategie. Der neue Besitzer, Daum Communications aus Korea, setzt auf Sparen: Bluten musste in dieser Woche die Redaktion.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Louis Rossetto im Oktober 1994 die Webseite "Hotwired" aus der Taufe hob, wurde das als Beginn des wahren Online-Publishing gefeiert: Die Seite veröffentlichte eigenständige, nur für das Web produzierte Beiträge. Dabei kamen nicht nur Nachrichten und Berichte heraus, sondern auch exklusiv für das Web gestaltete Beiträge und Features, die mitunter mehr Design- als Informationsgehalt hatten. Hotwired wurde zum Trendsetter sowohl für die Internet-Berichterstattung, als auch für das Web-Design und die Erprobung neuer Werbeformen.

In Rossettos Visionen und Plänen hatte Hotwired bald einen höheren Stellenwert als das im Jahr zuvor gegründete "Wired"-Magazin. Er glaubte an den Übergang von Print zu elektronischem Publizieren, war der festen Überzeugung, bald schon würden die Umsätze und Erträge von Hotwired die des Magazins überholen. Konsequent investierte er in immer mehr Web-Unternehmungen, leistete sich mit Hotbot unter anderem die Entwicklung einer eigenen, zeitweilig zu den Marktführern gehörende Suchmaschine.

Und dann kam der Ausverkauf. Die in den Tagen des beginnenden Dotcom-Booms mutig auf Pump gewagte Finanzierung brach zusammen, als Banken und Finanziers begannen, nach Sinn, Verstand, Businessplänen und Erträgen zu fragen. "Wired" wurde verkauft, die Onlinedienste ebenfalls.

Print und Online-Marke blieben bis zum heutigen Tag in einem seltsamen Konstrukt verbunden: Wired News, wie Hotwired nun hieß, behielt das Recht, die Inhalte des inzwischen von Conde Nast aus New York publizierten "Wired"-Magazins im Web zu veröffentlichen. Die Webseite selbst aber wurde zum reinen Newsdienst.

Und schrumpfte.

Zwar gelingt es Wired News nach wie vor, eine sehr eigenständige, stark kommentierende Berichterstattung über das Web zu veröffentlichen, doch stützt sich die Newsseite dabei auf die Arbeit von immer weniger Redakteuren. In dieser Woche mussten wieder sieben gehen - was bei einer Gesamtgröße der Redaktion von nur 17 Mitarbeitern einen ganz erheblichen Einschnitt bedeutet.

Sparen und besser werden?

Dabei hatte es noch im Mai geheißen, Daum Communications, die den Wired-News-Besitzer Lycos im Herbst letzten Jahres aufgekauft hatten, wollten Wired News ausbauen.

Offiziell ist das immer noch so. Die Kürzungen, heißt es aus der Firmenzentrale von Lycos, sollten die finanzielle Basis des Unternehmens "konsolidieren", ohne die redaktionelle Qualität von Wired News zu beeinträchtigen.

Die war vor einigen Monaten kräftig ins Gerede geraten. Wired sah sich gezwungen, Hunderte von Meldungen und Berichten der freien Korrespondentin Michelle Delio als von zweifelhaftem Informationsgehalt zu kennzeichnen, als sich Informationen in einigen Artikeln von Delio als nicht verifizierbar erwiesen. Die Marke Wired, die immer für sehr subjektive Sichtweisen stand, immer aber auch für einen hohen Standard der Berichterstattung, musste so erstmals ernste Dellen und Kratzer hinnehmen.

Eine weiter zusammenschnurrende Redaktion wird die Qualitätskontrolle nicht erleichtern. Bei einer Verteilung der redaktionellen Arbeitslast auf weniger Schultern ist zudem zu erwarten, dass ein höherer Prozentsatz der "großen" Geschichten nicht mehr in der Redaktion, sondern durch freie Autoren zugeliefert werden wird.

Für Jon Rochmis, selbst bis 2003 Redakteur bei Wired News, ist das aber nicht das einzige Problem. Gegenüber CNet sagte Rochmis: "Die haben ein paar ungewöhnlich engagierte und talentierte Leute gehen lassen. Das schlimmste daran ist, dass immer dann, wenn man eine einzigartige Stimme verliert, der Journalismus als Ganzes leidet."

Genau so kann man das sehen: Individualität und Subjektivität, wie sie Wired News seit zehn Jahren pflegt, ist eine Mangelware in der Medienwelt. Uniforme Agenturware gibt es satt bei Google, Yahoo News und all den anderen News-Robotern. Bleibt zu hoffen, dass deren Anteil nicht auch noch bei Wired steigt.