EU-Domain Schweizer sind keine EU-ropäer
"Eu" soll es kurz und knackig heißen, das Internet-Kürzel, das künftig europäische Herkunft signalisieren soll. Mehr oder weniger, versteht sich: Denn "eu" wird das Kürzel der Europäischen Union - und die definiert sich innerhalb des Kontinents einerseits durch Zugehörigkeit, andererseits durch Abgrenzung von denen, die nicht dazu gehören.
Völlig logisch ist es also für Gemeinschafts-Europäer, das Schweizer künftig draußen bleiben müssen - ein Schicksal, das sie mit anderen Nicht-EU-ropäern teilen.
Nach jahrelangen Diskussionen und Beratungen fand die EU-Kommission nun also zu einem Entschluss und Zeitplan: Haarklein durchgeplant ist nun die vielstufige Strategie zur reibungslosen Einführung der neuesten, wirklich großen Domain, salopp "DotEU" getauft. Europa erreicht Cyberia, wird Ort im weltweiten Netz der Netze.
Vor zwei, drei Jahren noch klang die Forderung nach der Eu-Adresse dringlich: Bitter nötig sei sie, um dem europäischen E-Commerce eine Chance zu geben im knallharten Wettbewerb vor allem mit den Amerikanern. Das war, als jeder noch an den E-Commerce-Boom glaubte.
Doch die E-Commerce-Unternehmen, die die letzten zwei Jahre überlebten und sich längst anders organisierten, warten nun ganz relaxed darauf, dass für sie die Sonne aufgeht, und sie noch eine Domain beantragen dürfen: In einer "Sunrise Period" sind sie die Ersten, die zuschlagen dürfen. EU lässt grüßen hat natürlich die Wirtschaft Vorfahrt bei den neuen Adressen - zusammen mit Amt und Würden versteht sich.
Erst also, wenn sich Behörden und Betriebe im Frühjahr 2003 am neuen Adressraum gütlich getan haben, darf irgendwann der Bürger folgen - wahrscheinlich ab Sommer nächsten Jahres. Obwohl die detaillierten Vergaberichtlinien wohl nicht vor Dezember diesen Jahres veröffentlicht werden, ist schon jetzt bekannt, was man alles nicht darf, wenn man stolzer Eigner einer EU-Adresse werden möchte:
- Man darf nicht zufällig so heißen wie eine Firma oder Marke: Die hat immer Vorrang.
- Man darf nicht in einem EU-abstinenten oder geografisch nicht-europäischen Lande leben: Schweizer, Nigerianer und Tibetaner müssen demnach genauso draußen bleiben, wie die Beitrittskandidaten, denen das "eu" erst bei erfolgreicher Aufnahme, aber gegen Zahlung verliehen wird.
- Man darf keinen der zahlreichen in einem eigens angelegten Katalog festgelegten Sperrbegriffe . Dieser Katalog soll Prozesse und Abmahnungen verhindern.
Mit der neuen Top Level Domain ("TLD") hofft die EU, der "Vormacht" der Amerikaner im Internet Paroli bieten zu können. Bisher müssten europäische Unternehmen ihre Webseiten unter allen möglichen Landes-Domains registrieren, während US-Adressen doch ganz einfach unter ".com" zu finden seien.
Die EU-Kommission hält das für einen Wettbewerbsnachteil für die Unions-Europäer und ignoriert dabei, dass "com"-Adressen durchaus nicht nur von Amerikanern gehalten werden. Die USA leisten sich seit langem eine eigene TLD namens "us" - die eigentliche Entsprechung zu "eu". Für diese "us"-Adresse interessiert sich bezeichnenderweise jedoch kein Mensch - was sie mit den Neu-Adressen "biz" und "info" gemein hat.
Dass aus den "eu"-Webseiten diverser europäischer Unternehmen wahre Klickknaller werden, ist also unwahrscheinlich. Im Gegensatz zur EU-Kommission dürften es französisch sprechende Belgier als ganz vorteilhaft empfinden, auf einer belgischen Opel-Seite zu landen, und nicht auf einer deutschen (oder englischen oder was auch immer).
Die Begrüßung potenzieller Kunden in allen Amtssprachen der EU ist unwahrscheinlich und wird hoffentlich auf keiner Website Wirklichkeit werden - was mit einem Vorlauf von einem Jahr klarmacht, wofür die "DotEU" geschäftlich gut sein könnte: Interessant ist sie für den B2B-Bereich, Business to Business - für geschäftliche Kontakte zwischen Firmen also. In Sachen privater E-Commerce könnte sie den innereuropäischen Warenverkehr erleichtern, doch daran hat gerade die Industrie überhaupt kein Interesse: Der "graue" EU-Automarkt zeigt, warum.
Politisch hat sie immerhin symbolischen Wert und wird irgendwann, hofft wohl auch die EU-Kommission, mit beeindruckender Zahlenstärke das Gewicht der Europäischen Union auch in der Cyber-Welt symbolisieren. Ohne Schweizer und all die anderen, die nicht mitmachen wollten oder durften, könnte dieser Schuss jedoch nach hinten losgehen. Großes Gedränge in Richtung DotEU herrscht lang nicht mehr - und bekannt und erfolgreich würde die "eu" nur durch Masse.
Frank Patalong