Facebook: Chinas Premier sammelt virtuelle Freunde - DER SPIEGEL
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Facebook Chinas Premier sammelt virtuelle Freunde

Facebook mag ein Social Network sein, es ist aber auch der Königsweg, junge Zielgruppen zu erreichen. Entsprechend schießt die Zahl der Politiker mit eigener Profilseite ins Kraut. Nun präsentiert sich dort auch Chinas Premier Wen Jia Bao - und erweist sich als überraschend populär.
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Zu viel Volksnähe oder die Sehnsucht nach dem Bad in der Menge sind Vorwürfe, die man den Mitgliedern des Zentralkomitees der chinesischen KP eher selten macht - geschweige dem einem chinesischen Premier. Chinas Top-Politiker gelten als entrückt, als Geheimniskrämer, die eine Menge von ihren Bürgern wissen wollen, aber wenig von sich preisgeben. Chinas Premier Web Jia Bao scheint da anders zu sein.

Als am 12. Mai in Südchina die Erde bebte, brauchte er nur wenige Stunden, um am Ort des Geschehens zu erscheinen. Tagelang begleiteten ihn TV-Kameras dabei, wie er durch das Krisengebiet reiste, sich einen Eindruck machte, Menschen Mut zusprach, gar mit einem Helm auf dem Kopf in die Trümmer stieg. Belohnt wird er durch eine Welle der Popularität, wie sie vor ihm wohl noch kein KP-Führer erlebte - und die ihren Niederschlag nun im Social Network Facebook findet.

Dort präsentieren sich schon zahlreiche, meist amerikanische Politiker und seit dem 14. Mai eben auch Wen Jia Bao . Und siehe da: Der Mann hat Fans und Freunde, und ständig werden es mehr. Am Mittwochvormittag waren es rund 13.000, am Nachmittag schon 15.700 - nicht schlecht, wenn man das mit Kollege George W. Bush vergleicht, der dort seit langem präsent ist und bisher knapp 11.000 Freunde sammeln konnte.

Jia Baos Freunde jedenfalls überschütten ihn mit Lob und Liebe. "Oh mein Gott, ich liebe Dich!" schreibt ihm da wörtlich eine Tina W. aus Hongkong, wahrscheinlich aber, ohne das religiös zu meinen. "Ein Vorbild von einem Premier", schreibt sachlicher Sukant Chandan aus London, "für alle Welt!" Und Celeste Lee aus China ergänzt: "Es ist so großartig, Dich hier zu sehen!"

Was durchaus eine Halluzination sein könnte, zumindest aber nicht unbedingt etwas mit Jia Bao selbst zu tun haben muss. Denn ob Wen Jia Bao das Facebook-Profil selbst anlegen ließ oder es einfach irgendein Fan für ihn anlegte, ist nicht zu sagen. Sein Kollege und Vorgänger Mao Zedong besitzt schließlich auch eines - unwahrscheinlich, dass er das posthum selbst erledigt hat.

Am Ende aber kommt es darauf ja auch gar nicht an. Die Seite spiegelt die Popularität, die der Mann gerade bei einer jungen Zielgruppe besitzt - die sich gerade noch über Chinas Tibet-Politik erregte und schaudernd die olympische Fackellauf-Farce beobachtete.

Seit dem großen Beben aber nutzt Chinas Regierung die Chance zu mehr Offenheit - vielleicht, weil sie nicht anders kann, aber durchaus zu ihrem Vorteil. In den Tagen nach der Katastrophe lockerte sie die Zensur von Printmedien und Internet merklich.

Gelockerte Zügel, aber die Zensur geht weiter

China ist inzwischen das Land mit den meisten Internet- und auch Mobilfunknutzern weltweit. Und der Hunger der Menschen nach Informationen über das Erdbeben zwang die Regierung dazu, den Meinungen wie nie zuvor freien Lauf zu lassen. Die Vielzahl der Nachrichten, Instant Messages und Blogs wurde zu einer wichtigen Quelle für Augenzeugenberichte aus dem Erdbebengebiet, Hilfeaufrufe und auch für leidenschaftliche Kritik an den Rettungsmaßnahmen und der Hilfe der Regierung.

"Ich möchte nicht das Wort transparent benutzen, aber es ist weniger zensiert, es gibt einen fast freien Informationsfluss", sagt Xiao Qiang, ein Journalismusprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley und Direktor des "China Internet Project", das chinesische Web-Seiten beobachtet und übersetzt.

Eine Serie von Krisen in den vergangenen Monaten - von den Schneestürmen im Winter bis zu den Unruhen in Tibet - habe der Regierung gezeigt, dass es in Zeiten des Internets eine schlechte Idee ist, Informationen zurückzuhalten oder zu verschleppen, sagt Xiao. Die Behörden fanden sich dieses Mal sogar zu einem Echtzeit-Chat mit den Bürgern zum Erdbeben bereit.

Das heißt aber nicht, dass die Regierung die Online-Konversation gar nicht mehr überwacht. Seit dem Erdbeben wurden mindestens 17 Menschen festgenommen, verwarnt oder dazu gezwungen, Entschuldigungen zu schreiben, weil sie "falsche Informationen und reißerische Erklärungen verbreitet oder das öffentliche Vertrauen untergraben haben", berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua eine Woche nach dem Beben.

Selbst einige Behörden stürzten sich in bislang nicht gekannter Weise ins Internet. Über ein Satellitentelefon wurden aktuelle Informationen direkt auf eine Website der Präfektur Aba gebracht, die mitten im Erdbebengebiet liegt. "Sobald wir etwas Neues erfahren haben, haben wir es ins Internet gestellt", sagte He Biao, Direktor des Katastrophenschutzes von Aba dem chinesischen Online-Portal Sina.com.

pat/AP

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