Facebook mit neuem Meldesystem und Bitcoin-Pechvögel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Neues Jahr, neue Regeln Liebe Leserin, lieber Leser,

Foto: SPIEGEL ONLINE
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

so richtig besinnlich verläuft die Vorweihnachtszeit bei Facebook bislang nicht. Ehemalige Manager plagen plötzlich Zweifel am eigenen Schaffen  und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Risiken und Nebenwirkungen. Und hierzulande sind einige Mitarbeiter damit beschäftigt, die Vorgaben des umstrittenen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) umzusetzen. Dabei geht es um neue Wege, auf denen Mitglieder des sozialen Netzwerks künftig Hassbotschaften, verleumderische Posts und andere strafwürdige Inhalte melden können.

Schon seit Anfang Oktober findet sich im Impressum der Seite ein kleiner Hinweis auf den vom Gesetz geforderten "inländischen Zustellungsbevollmächtigen" - das soziale Netzwerk hat dafür keinen eigenen Mitarbeiter benannt, sondern eine internationale Anwaltskanzlei. Pünktlich zum Jahresbeginn wird Facebook nun auch Meldebögen in deutscher Sprache online schalten. Der Facebook-Manager Richard Allan stellte sie vorige Woche einigen Journalisten vorab vor.

Foto: Michael Sohn/ AP

Die Bögen beginnen mit einer deutlichen Warnung an mögliche Trolle, es handle sich bei einer solchen Meldung um eine ernste Angelegenheit. Danach sollen Nutzer angeben, ob sie selbst melden oder im Auftrag eines Mandanten, auch nach dem Beruf der Meldenden wird gefragt. Es folgt eine lange Liste mit all den Paragrafen des deutschen Strafgesetzbuches, die das NetzDG vorgeschrieben hat, darunter Bedrohung, Beleidigung, üble Nachrede und Volksverhetzung - die Meldenden brauchen sie nur anzuklicken. Auf den ersten Blick wirkt das Ganze recht übersichtlich und nutzerfreundlich.

Allan, Facebooks Politikchef für Europa, Arabien und Afrika, räumt ein, dass man bei Facebook nun gespannt ins neue Jahr blickt: "Wir haben die Vorgaben aus dem Gesetz umgesetzt und ein vollständig neues Reporting-System für Deutschland entworfen, das es so noch nirgendwo gab", sagt Allan, "damit werden wir jetzt ab Anfang Januar die ersten Erfahrungen machen. Wir wissen nicht, was dann passiert, weder was die Menge noch die Qualität der Berichte angeht, die wir darüber bekommen."

Personell sieht Allan das Netzwerk auch für einen möglichen Ansturm gewappnet. Er sagt, Facebook verfüge an den Standorten Berlin und Essen "nun insgesamt über rund 1200 Mitarbeiter in Deutschland, die sich als Teil der weltweit 7500 Mitarbeiter in unserem Auftrag um kontroverse Inhalte kümmern".

Die Verlierer der Bitcoin-Mania

Die fulminante Kursentwicklung der Kryptowährung Bitcoin (und in deren Windschatten auch die zahlreicher Altcoins wie Ethereum und Litecoin) sorgt gerade für einen steten Strom kurioser Geschichten: Viele erzählen von ihnen mühelos zugeflogenem Reichtum. Mindestens so interessant - und für neidische Naturen und all jene, die jetzt verpassten Chancen nachtrauern, vielleicht leichter zu ertragen - sind aber die Berichte von den vielen verhinderten Kryptomillionären.

Zum Beispiel die von denjenigen, die Bitcoin als Zahlungsmittel ernst nahmen und es ausgaben, als man für 15 Bitcoin in Berlin-Kreuzberg gerade mal einen Burger bekam. Bei den aktuellen Notierungen um 20.000 Dollar könnte man damit im selben Kiez eine Eigentumswohnung kaufen.

Bitcoin-Automat in Hongkong

Bitcoin-Automat in Hongkong

Foto: ANTHONY WALLACE/ AFP

Dann sind da die armen Teufel, die ihre alten Festplatten entsorgt haben, samt den darauf befindlichen Wallets. Der Waliser, der deshalb seine örtliche Müllkippe umgraben will, macht gerade weltweit Schlagzeilen .

Oder, noch ärgerlicher: Diejenigen, die zwar die Hardware noch besitzen, aber ihre Passwörter nicht mehr kennen - und nun in ihrer Verzweiflung teils sogar Hypnotiseure aufsuchen, um wieder an die plötzlich so wertvollen Coins zu kommen. Sie alle können sich damit trösten, dass auch andere aus heutiger Sicht Pech hatten oder schlechte Entscheidungen getroffen haben.

Die amerikanische Bundespolizei FBI zum Beispiel. Sie hatte rund 144.336 Bitcoin beschlagnahmt, als sie 2013 den Darknet-Drogenumschlagplatz Silk Road hochgehen ließ und seinen Betreiber verhaftete. In den Jahren darauf verkaufte die Behörde den Bestand zugunsten der Staatskasse und erlöste damit etwa 48 Millionen Dollar. Hätten die FBI-Leute bis zum Wochenende damit gewartet, hätten sie rund 2,8 Milliarden Dollar erlösen können.

Falls Sie das Thema Kryptowährungen eingehender interessiert: Wir befassen uns im aktuellen SPIEGEL und bei SPIEGEL Plus auf fünf Seiten unter anderem mit der Frage, was vom aktuellen Hype bleiben wird.


Großartige Digitalwelt: Jahresrückblicke zum Schmunzeln

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin eigentlich kein großer Freund von medialen Jahresrückblicken. Das beginnt sich aber gerade zu ändern, und das hat mit der Arbeit einiger Kollegen zu tun. Karsten Schmehl von BuzzFeed Deutschland hat beispielsweise die aus seiner Sicht lustigsten 100 Tweets des Jahres  zusammengesucht und es sind ein paar echte Perlen dabei. (Spoiler-Alarm: "Wir filmen heute die Schönheiten Ihres Ortes. Bitte bleiben Sie in Ihren Häusern").

Auch sehr hübsch: Der "WhatsApp-Chat" zur gescheiterten Regierungsbildung im satirischen Jahresrückblick von Werner Doyé und Andreas Wiemers im ZDF (ab Minute 11:13 ). (Spoiler-Alarm hier: "Christian Lindner hat die Gruppe verlassen...".)

Viel Vergnügen.

App der Woche: "RetroBrowser - Time machine"
getestet von Sebastian Meineck

Foto: DevRobotStudio

Der "RetroBrowser" ist eine App für Internetnostalgiker. Durchsuchen lässt sich damit nicht das Netz von heute, sondern das von vor mehr als zehn Jahren. Die Daten stammen aus dem gemeinnützigen Internetarchiv Archive.org.

Zu entdecken gibt es beispielsweise eine alte YouTube-Startseite, deren Videos heutzutage sicher nicht mehr in den Trends landen würden - und natürlich auch die damalige Seite von der SPIEGEL-ONLINE-Netzwelt, wo beispielsweise die Vorberichte für den CCC-Kongress 2005 zu sehen sind.

Da das Internetarchiv nur Teile von Websites gespeichert hat, funktionieren viele Links und Bilder nicht mehr. Wer noch tiefer in die Online-Vergangenheit eintauchen möchte, kann sich mal unseren Reiseführer ins Netz der Neunzigerjahre anschauen.

Gratis von DevRobotStudio, ohne In-App-Käufe: Android 

Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

Eine Vorweihnachtswoche ganz nach Ihrem persönlichen Geschmack wünscht Ihnen

Marcel Rosenbach