Facebooks Research App: Was Daten wert sind - DER SPIEGEL
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Facebooks "Forschungs"-App Verkaufen Sie nicht Ihr Online-Leben - es lohnt sich nicht

Facebook hat jungen Menschen bis zu 20 Dollar im Monat dafür bezahlt, tiefen Einblick in ihre Smartphone-Nutzung zu bekommen. Ziemlich wenig Geld für so persönliche Daten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Facebook steht wegen eines Forschungsprojekts unter Rechtfertigungsdruck. Einem Medienbericht zufolge bezahlt das Unternehmen Nutzer zwischen 13 und 35 Jahren dafür, dass sie über iOS- und Android-Apps einen sehr detaillierten Einblick in ihre Smartphone-Aktivität gewähren. Bis zu 20 Dollar im Monat erhalten die freiwillig Durchleuchteten angeblich als Gegenleistung.

Das Projekt wirft verschiedene Fragen auf, vom Verhältnis zwischen Apple und Facebook bis zur Verantwortung der Eltern beteiligter Teenager. Doch noch ein Thema steht im Raum: Bis zu 20 Dollar pro Monat - ist das viel oder wenig im Gegenzug dafür, dass die App theoretisch unter anderem auf Unterhaltungen in Chatdiensten, Adressen besuchter Webseiten und Daten aus Ortungsanwendungen zugreifen kann?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Das liegt zum einen daran, dass "bis zu" keine sonderlich konkrete Angabe ist. Zum anderen variiert der Wert, den Nutzerdaten für Webdienste und Werbetreibende haben, je nach Kontext.

Facebook beispielsweise ist prinzipiell auf die Daten seiner Nutzer angewiesen, weil es Werbetreibenden möglichst passende Anzeigenplätze anbieten will. Viele Daten bekommt das Unternehmen allein dadurch, dass sehr viele Menschen sein soziales Netzwerk nutzen. Dass Facebook für zusätzliche Daten bestimmter Personen Geld in die Hand nimmt, heißt aber noch lange nicht, dass auch die Daten anderer Nutzer dem Unternehmen 20 Dollar im Monat wert wären.

Mark Zuckerberg, das legt eine E-Mail von 2012 nahe, soll einmal mit dem Gedanken gespielt haben, Drittunternehmen gegen Gebühr Nutzerdaten einsehen zu lassen: Die Rede war damals von 10 Cent pro Nutzer pro Jahr  - die aber bei Facebook gelandet wären, nicht beim Nutzer selbst.

Nicht jeden interessiert alles

Auch für andere Firmen sind nur bestimmte Daten bestimmter Personen so interessant, dass sie dafür überhaupt Geld ausgeben würden. Für eine Firma, die Immobilien verkauft, ist der Datensatz eines Menschen (oder ein Weg, ihn über Anzeigen im Netz direkt anzusprechen, etwa über ein soziales Netzwerk) sicher wertvoller, wenn der Betreffende gerade ein größeres Investment plant, einen guten Kreditscore hat und die Firma Häuser in seiner Gegend loswerden will. Kann sich der Mensch aber ohnehin nie ein Haus leisten, wäre es rausgeschmissenes Geld, seine Daten zu erwerben oder gezielt Anzeigen zu schalten, um ihn zu erreichen.

Vieles deutet daraufhin, dass Nutzer tendenziell überschätzen, welchen Wert ihre Daten haben. Die Künstlerin Jennifer Lyn Morone wollte einmal 7000 Pfund für ein Komplettpaket ihrer Daten , doch auch Normalbürger verorten sich mitunter in ähnlichen Regionen. 2015 führte der Speichermedien-Hersteller Western Digital eine Umfrage unter 5000 Briten durch: Die Teilnehmer sollten einschätzen, wie viel ihre Daten wert sind. Das Durchschnittsergebnis lag dem "Telegraph" zufolge  bei 3241 Pfund.

In Befragungen wie dieser machen viele Nutzer vermutlich einen Denkfehler: Sie gehen davon aus, dass es Firmen tatsächlich um sie persönlich geht, und ebenso davon, dass für potenzielle Käufer all ihre Daten relevant sind. Dabei reicht es Unternehmen oft, jemanden als Teil einer zum Angebot der Firma passenden Menschenmenge identifiziert zu haben. Und so kann manche Information, die man selbst für sehr wichtig hält - etwa die, dass jemand sein erstes Kind erwartet -, für Datenhändler, für die man nur einer von Millionen ist, einen geringen Wert haben.

Ein Rechner, der desillusioniert

Eindrücklich illustriert das ein Rechner, den die "Financial Times" ("FT") 2013 ins Netz gestellt hat (und den Sie hier ausprobieren können ). Das auf US-Daten basierende Tool vermittelt einen Eindruck davon, wie sich der Wert eines Datensatzes durch bestimmte Details ändert. Die Information, dass jemand Nachwuchs bekommt, kann den Wert eines Datensatzes tatsächlich nach oben treiben - jedoch nur um rund 10 Cent. Das Wissen darüber, dass jemand Diabetes hat, wird immerhin mit 26 Cent bepreist.

Die meisten Menschen dürfte das Ergebnis, das das Tool ausspuckt, desillusionieren. In unserer Redaktion konnte ein Kollege stolz sein, dass seine Daten angeblich 1,25 Dollar wert sind - ein anderer nämlich schafft es im "FT"-Rechner nicht über 6 Cent hinaus. Und die bekäme er nicht einmal selbst, sondern nur ein Datenhändler.

So niedrig die geschätzten Preise sind, es scheint immerhin möglich, dass sie tatsächlich jemand zahlt - etwa, wenn jemand den Inhalt einer größeren Datenbank erwirbt, nicht nur einen einzelnen Datensatz. Anders ist das bei deutlich höheren Summen pro Nutzerdaten-Paket, die manche Start-ups im Netz streuen.

Ein Nischenphänomen

Diverse Gründer sind in den vergangenen Jahren mit dem Ziel angetreten, Nutzern einen Weg zu eröffnen, ihre Daten selbst an Unternehmen zu verkaufen: über die Plattformen der Start-ups, die an den Umsätzen mitverdienen. Bislang hat es aber keiner der Dienstleister aus der Nische geschafft - auch, weil es ihnen schwer fällt, größere Abnehmer für die von ihnen feilgebotenen Daten zu finden.

Datacoup aus New York beispielsweise versprach seinen ersten Nutzern, sie könnten mit ihren Daten acht Dollar pro Monat verdienen. Auf der Website des Dienstes  heißt es nun aber schon seit Längerem, man überarbeite seinen Marktplatz, "damit ihr mehr verdienen könnt". Anmeldungen sind nicht mehr möglich.

Unterm Strich scheint es also so, als seien Facebooks bis zu 20 Euro pro Monat kein schlechter Deal, rein preislich gesehen. Und dann ist es doch wieder ein schlechter Deal, wenn man Unternehmen, die ohnehin schon viel wissen, einen noch detaillierteren Einblick in sein Smartphone gewährt. Denn seine Privatsphäre kann man vielleicht für ein paar Euro verkaufen. So leicht und billig kriegt man sie aber nicht zurück.